Dushan-Wegner

01.03.2024

Wehe, wenn die Nerven zusammenwachsen

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten, Bild: »War(u)m hier«
Versucht mal, diese Frage zu beantworten: Was wird passieren (und wie wird es sich anfühlen), wenn den Deutschen plötzlich bewusst wird, was sie sich selbst gerade antun?
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Die Psychologie nennt es »Psychopathie«, wenn einem Menschen die Empathie, die soziale Verantwortung und das Gewissen fehlen (siehe Wikipedia).

Ich erkläre mir Psychopathie laienhaft so, dass beim vollständigen Menschen eine besondere Nervenbahn zwischen Wahrnehmung und Gefühlen wie Empathie und Mitleid besteht, diese beim Psychopathen aber durchtrennt ist.

Eine, laienhaft gesprochen, »Durchtrennung« von Nerven kennen wir ja aus dem Bereich der Neuropathologie, sprich: Erkrankungen des Nervensystems. Es passiert bisweilen, dass einem Menschen zum normalen Überleben notwendige Wahrnehmungen fehlen – die Mediziner bezeichnen so etwas mit dem charmanten Wort »Minussymptomatik«.

Ein Mensch, den es nicht schmerzt, eine heiße Pfanne anzufassen, seine Haut aufzuschneiden oder seine Knochen zu brechen, wird bald Verletzungen ansammeln und vermutlich an diesen sterben. Reizweiterleitung und Schmerz als Alarmsystem retten dein Leben.

In diesem Aspekt, nämlich den praktischen Folgen mangelnder Weiterleitung, unterscheidet sich die Minussymptomatik des Körpers sehr erheblich von der Minussymptomatik der Seele: Die Schmerzunempfindlichkeit des Körpers ist zumeist von massivem Nachteil. Die Schmerzunempfindlichkeit der Seele dagegen kann dem Menschen ganz erhebliche »Vorteile« bringen.

Die »Vorteile« sind ja evident, wenn jemand in seinen Handlungen von Zielen getrieben ist und weder durch Gewissen noch Mitgefühl gebremst wird. Es ist wohl nicht nur eine Legende, dass ein weit, weit überdurchschnittlicher Teil von Spitzenentscheidern recht offen typische Kennzeichen von Psychopathen aufweist (siehe etwa cnbc.com, 8.4.2019, bigthink.com, 26.5.2023, forbes.com, 27.10.2019).

Ich frage mich heute – und hier wird es ein wenig politisch –, ob wir neben den Schmerzunempfindlichkeiten des Körpers und der Seele eine weitere »Weiterleitungsstörung« erleben, ja sogar ein jeder anteilig an ihr leiden: die Schmerzunempfindlichkeit der Gesellschaft.

Mord, Totschlag, Legoteile

Ich erinnere mich noch an Zeiten, in denen es bundesweit Schlagzeilen und abendfüllende TV-Berichterstattung gegeben hätte, wenn vor einer deutschen Schule zwei Kinder abgestochen wurden (n-tv.de, 28.2.2024). Wenn ein 17-Jähriger mit dem Messer im Gymnasium auf seine Mitschüler einsticht (n-tv.de, 23.2.2024). Wenn in Wien eine Jugendbande eine 12-Jährige über Monate hinweg vergewaltigt (bild.de, 1.3.2024).

Und heute?

Heute laufen solche Meldungen teils buchstäblich unter »Panorama«. Also in der Rubrik für Vermischtes, Kurioses, Belangloses. Just jetzt, während ich diesen Satz notiere, lautet die Top-Schlagzeile in der n-tv.de-Rubrik »Panorama«: »Seltenes Lego-Teil bringt Tausende Dollar« (n-tv.de, 1.3.2024).

Ich aber bin ratlos, ich möchte geradezu schreien, und ich bin unsicher, wen genau ich hierzu rüttelnd an den Schultern packen soll: Wann wurden wir als Gesellschaft so kalt? Wieder so kalt?

Wann wurden wir zu einer psychopathischen Gesellschaft, die seufzt, weiterklickt oder weiterscrollt, wenn unsere Kinder buchstäblich vergewaltigt und abgestochen werden?

Leidet ein Mensch an Schmerzunempfindlichkeit des Körpers, wird er sich bald gefährliche Wunden zufügen. Ist aber seine Seele schmerzunempfindlich, wird er solche Wunden seinen Mitmenschen zufügen.

Und wie ist es mit einer psychopathischen Gesellschaft?

Ich vermute/befürchte/erwarte, dass einer psychopathischen Gesellschaft, wie Deutschland (wieder) eine ist, ein sehr spezielles Szenario droht, und zwar das der »plötzlich zusammenwachsenden Nervenbahnen«.

Knochen gebrochen

Stellt euch vor, dass ein Mensch tatsächlich am Körper schmerzunempfindlich ist und sich immer wieder die schrecklichsten Verletzungen zufügt: gebrochene Knochen, klaffende Wunden, Gewebe in Fetzen.

Und dann plötzlich schaltet sich aus irgendeinem Grund sein Schmerzempfinden ein.

Man mag sich die Schmerzen nicht vorstellen, die er durchmacht – und welche Konsequenzen er daraus womöglich zu ziehen erwägt.

Und stellt euch einen Psychopathen vor, der über Jahre oder Jahrzehnte den Menschen übles Leid zufügt, der Existenzen vernichtet und Seelen zerbricht. Und dann – ob durch ein Wunder, einen Schock oder unerklärt – wachsen seine emotionalen Nervenbahnen wieder zusammen.

Dieser Mensch würde sein persönliches Fegefeuer durchmachen, die Reinigung in den Flammen des eigenen Gewissens, oder wie wir umgangssprachlich sagen: die Hölle.

Nein, in der Haut und Seele eines Schmerzunempfindlichen, dem plötzlich die physischen oder psychischen Nervenbahnen zusammenwachsen, will man nicht stecken. Und vermutlich auch nicht in der »Haut« einer Gesellschaft, der ein solches »Zusammenwachsen der Nervenbahnen« bevorsteht.

Wehe den Deutschen, wenn sie aus diesem psychopathischen Delirium aufwachen, ob durch ein Wunder oder einen Schock, und wenn sie dann auf einmal fühlen, was sie sich selbst und den Schwächsten unter ihnen angetan haben.

Weiterschreiben, Wegner!

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