14.12.2021

Normales Angekommensein

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten
Heutzutage will jeder Zweite besonders und dazu auch besonders wichtig sein – und sei es als besonders schlimm betroffenes Opfer. Wir sollten wieder die Normalität preisen. Man könnte es auch nennen: das Angekommensein.
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Ich will die Normalen preisen, und mit ihnen die Normalität, das Gewöhnliche und, ja, das Mittelmaß.

Ich will die Mitte loben. Das gelobte Land im fruchtbaren Tal des Durchschnitts, es sei meine Utopie, mein Zuhause. Ein Prosit mit Filterkaffee auf die Gemütlichkeit zwischen den Extremen.

Und, noch bevor man sich meiner politisch bedient: Ich meine hier nicht irgendwelche Politikerfratzen, die sich angebliche »Mitte« nennen, deren tatsächliche moralische Mitte sich aber zu meiner Mitte in etwa so verhält, wie die Mitte der Nachbargalaxie zur Mitte unserer Stadt.


Ich will jene preisen, welche auf »Wie geht’s?« antworten mit: »Muss.«

Ich will jene preisen, deren Whisky-Geschmack nicht erst bei Lagavulin beginnt.

Ich will jene preisen, denen ein in Würde durchlebter Tag der Ziele genug ist.

Ja, ich will die Ziellosigkeit preisen, nicht die Zügellosigkeit.

Wem das zufriedene Hochlegen der Füße ein Akt der Lebensweisheit ist, und wer alle darüber hinaus gehenden Weisheitsversuche – inklusive der meinen! – als überflüssig beurteilt – beurteilen muss! – und wer das wirklich ernst meint, wem also genau diese Überlegungen wenig mehr als die Ausformulierung des Selbstverständlichen sind, von dem will ich lernen.


»Bleibe hungrig«, so lehrte man uns, doch ich habe dazugelernt, und ich will sagen: »Wenn du satt bist, dann sei froh und sei dankbar. Wer immerzu hungrig ist, der leidet an echtem Mangel – oder an einer Essstörung.«

Ich will das Mittelmaß preisen, und ich will es das goldene Mittelmaß nennen.

Mittelmäßig wohlhabend, mittelmäßig erfolgreich, mittelmäßig glücklich. Es ist gut, es ist richtig – es ist richtig gut.


Ich will die Normalität preisen. Muss ich denn, damit mein Lobpreis ernst- und angenommen werden kann, selbst normal sein? Das zu prüfen wäre wohl normal.

Ich sollte zuvor auch erforschen, was genau ich meine, wenn ich das Wort »normal« sage, und bis dahin sollte ich vorläufig vorsichtig sein.


Nein, ich mag die Leute nicht, die sich für groß oder besonders halten, deren Name besonders laut genannt werden soll, seien es große Künstler, große Weltenlenker, große Wohltäter oder dieser Tage auch immer wieder große Opfer. Ich mag die Leute nicht, die groß sein wollen, und sollte ich selbst so einer sein, dann mag ich auch mich dafür nicht.

Ich mag die Extreme nicht – nicht mehr, schon seit einiger Zeit nicht mehr.

Das Unlangweilige langweilt mich. Das Langweilige ist begehrenswert. Die Klugheit in der Langeweile ist wirklich interessant.

Interesse, das kommt aus dem Lateinischen: Inter-esse. Das heißt: Dazwischen-sein. Das Interessante ist dazwischen. Wozwischen? Zwischen den Extremen.

Ich will die interessanten Menschen preisen, die Menschen von Mitte und Maß, im klugen Mittelmaß. Das Wesen zwischen den Extremen: das Dazwischenwesen.


Ich will jene preisen, die von außen betrachtet »ziellos« oder gar »ambitionslos« wirken könnten, weil sie in Wahrheit angekommen sind.

Ich will die Normalen preisen, und mit ihnen die Normalität, das Gewöhnliche und, ja, das goldene Mittelmaß, denn all das sind oft genug nur verschiedene Wörter fürs Angekommenensein.

Wer angekommen ist, der hat kein neues Ziel mehr außer der Bewahrung des Guten, denn er ist am Ziel, und er braucht kein neues Ziel.

Ich will neuen Mut sammeln, ich will uns heute neuen Mut zusprechen.

Ein neuer Mut zur Normalität. Ein neuer Mut für eine alt-neue goldene Mitte. Ein neuer Mut zum Gewöhnlichen, zum Gemütlichen, zum Angekommensein.

Danke, Wegner!

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