Dushan-Wegner

07.03.2023

Schulabschluss – oder auch nicht

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Was haben wir heute gelernt?
Zehntausende Schüler in Deutschland gehen jährlich ohne Schulabschluss von der Schule ab. Die daran Mit-Schuldigen werden mehr Geld auf das Problem werfen wollen – um bloß nicht die Gründe ehrlich zu benennen.
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Ich habe früher manchmal die Schule geschwänzt. Ich habe es lange Zeit vor meinen Kindern geheim gehalten, damit sie es nicht kopieren. Jetzt sind sie auf gutem Wege und dürfen es wissen – »es waren andere Zeiten«, sage ich ihnen.

Ich ging damals, wenn ich schwänzte, meist in die Stadtbibliothek am Neumarkt. Und dort las ich Bücher über Philosophie und Psychologie, von Aristoteles bis Zimbardo.

In Stille und ohne Ablenkung die Bücher zum Thema zu lesen, wenn möglich auch die (übersetzten) Originale, das fand ich spannender als die kopierten Arbeitsblätter der Schule.

Bessere, nicht keine

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich sehe keine Alternative zu Schulen und Schulpflicht für alle.

Schon im Athen der Antike betrieb man öffentliche Schulen, doch »öffentlich« bedeutete damals natürlich »für die männlichen Kinder freier Bürger«. In Europa unterrichteten die Klosterschulen, außerhalb ihres eigenen »Nachwuchses«, vor allem junge Adlige (siehe Wikipedia).

Im 17. Jahrhundert setzte dann allmählich eine Wandlung des Bildungsideals hin zu Realismus und Aufklärung ein. Unterm lateinischen Motto »omnes omnia omnino« (»alle alles gründlich (lehren)«) strebte man an, allen Kindern grundlegende Bildung zu eröffnen. Es sollte bis zum 19. Jahrhundert dauern, bis der Analphabetismus wirklich einigermaßen wirksam zurückgedrängt werden konnte.

Ja, ich weiß, dass Schulen versagen können – und manchmal von links-irrer Politik geradewegs ins Scheitern gesteuert werden.

Ja, ich weiß, dass heute, nach bald einem Viertel des 21. Jahrhunderts, sich auf mehreren Ebenen ein neues Analphabetentum einzustellen droht: Eine gefährliche Unkenntnis über die Wirksamkeit von Propaganda-Sprache. Ein Ausgeliefertsein an digitale Sucht-Trigger, welche Teile ganzer Generationen sogar für Hilfsarbeiter-Stellen untauglich werden lassen könnten. Ein Analphabetismus in der Sprache, in welcher die Zukunft wirklich geschrieben wird: Computer-Code. Und immer mehr eine Unkenntnis oder sogar von linker Gehirnwäsche antrainierte Verachtung der Wurzeln, welche Deutschland und den Westen so erfolgreich werden ließen.

Mir berichten Lehrer seit nun über einem Jahrzehnt auch von der buchstäblichen Zerstörung von Kinderseelen, welche von der schützenden Förderschule im Namen von »Inklusion« in »normale« Schulen zwangsversetzt werden. Die von Natur aus langsameren Kinder fühlen sich isoliert und vereinsamen – die regulären Kinder fühlen sich gebremst, und es ist nun einmal ganz »natürlich«, dass sie Aggressionen gegenüber den »bremsenden« Kommilitonen entwickeln. Kein Wunder, dass einige Kinder ihre Schulzeit »absitzen«! Wozu sich anstrengen, wenn es sowieso nicht besser werden kann?

Im Namen eines weiteren »In«-Wortes, nämlich »Integration«, werden gleichzeitig Schüler als Integrationshelfer missbraucht, um Kinder aus eher »robuster« argumentierenden Kulturen zu betreuen. Ich höre von Schulen, an denen Lehrer vor allem damit beschäftigt sind, Kühlpacks für die in den Pausen verursachten Prellungen zu verteilen – und das sind längst nicht mehr nur die berüchtigten »Brennpunktschulen«.

Und, als wäre all dies nicht schwierig genug, hat Deutschland weitgehend unnötig im Namen der Corona-Hysterie die Schulen geschlossen und die Kinder daheim isoliert, was nicht zu reparierende Schäden in mancher kindlichen Seelen-Biografie anrichtete.

Bessere, nicht keine

Wer wollte es aber trotz allem bestreiten: Die Antwort auf schlechte Schulen kann immer nur »bessere Schulen« lauten – und niemals keine Schulen (oder gar »teure Privatschulen für Elitenkinder und Restschulen für den Rest«).

Bildung bedeutet, auf die sprichwörtlichen Schultern von Giganten gestellt zu werden. Eine Gesellschaft, die ihre Kinder nicht auf die »Schultern von Giganten« stellt, wird bald wieder verzwergen.

Bildung und Klugheit kennen keinen Stillstand: Entweder wir werden klüger oder wir werden dümmer, und bekanntlich ist das Klügerwerden mühsam wie das Erklimmen einer Leiter, und das Dümmerwerden geht so rasant wie das Fallen von eben jener. Frech und frei nach Goethe: Du mußt steigen oder sinken, denn auch auf dieser Waage steht die Zunge selten ein.

Und doch: So superwichtig Schulen für allgemeine Bildung sind – sie sind doch nicht das Wichtigste für den Erfolg und das Glück des Menschen.

Und ich formuliere das bewusst, während in Deutschland eine neue Studie zu Schulabgängern ohne Schulabschluss debattiert wird.

Was man auch von der Bertelsmann-Stiftung hält: Wenn sie nackte Zahlen veröffentlicht, und wenn diese Zahlen für sich schockierend sind, sollten wir hinschauen.

Die Studie

Wir lesen: »Anteil der Jugendlichen ohne Schulabschluss seit zehn Jahren auf hohem Niveau« (bertelsmann-Stiftung.de, 6.3.2023).

Die Kernaussage: Jedes Jahr verlassen Zehntausende Jugendliche in Deutschland die Schule ohne Abschluss.

Ich habe mir die Studie selbst angeschaut (bertelsmann-stiftung.de, PDF). Im ersten Kapitel wird betont, dass es sich in dieser Studie nicht um »Schulabbrecher« handelt. Es geht um Menschen, welche die minimale Pflichtzeit an deutschen Schulen absitzen, also je nach Bundesland neun oder zehn Jahre, und dann doch nichts in der Tasche haben, keinen Hauptschulabschluss, nichts.

In den Worten der Studie:

Im Jahr 2021 verfehlten in Deutschland etwa 47.500 junge Menschen – 6,2 Prozent der entsprechenden Altersgruppe – den untersten Schulabschluss […]. (bertelsmann-stiftung.de, PDF, Seite 8)

Woran kann das liegen?

Ich blättere einige Seiten weiter in der Studie. Ich frage mich wieder einmal, was genau der Unterschied zwischen Erfahrungswert und Vorurteil ist. Lassen Sie es mich so umschreiben: Ein sogenannter »Rechter« könnte viele Gewichtungen innerhalb der Zahlen tendenziell korrekt vorhersagen.

Als Reaktionen auf diese Studie hörte ich die üblichen Forderungen, man müsste mehr Geld in die Richtung werfen, wo es nicht funktioniert.

Ich habe Zweifel, dass es (nur) Geld ist, das da fehlt. Wenn der Motor am Auto defekt ist, kann man den Lack noch so glänzend polieren, es wird nicht fahren.

Mal anschauen

Als ich blau gemacht habe, gegen den Willen meiner Eltern – und ohne deren Wissen – habe ich dennoch die Werte gelebt, die meine Eltern mir vorgelebt hatten!

Diese Werte formten, wer ich bin, bis heute – sonst wären Sie, meine Leser, kaum meine Leser. Selbst als ich damals die Schule schwänzte, tat ich es innerhalb der Werte, die ich daheim erlebt hatte.

Die Kinder, welche die Schule ohne Schulabschluss verlassen, welche Werte wurden denen daheim vorgelebt? Gehörte zumindest der Wert, eine Arbeit zu Ende zu bringen, zu den gelebten Grundwerten?

Zehntausende Jugendliche driften aus dem Schulsystem ohne Schulabschluss. (Randnotiz: Unternehmer berichten mir zudem, dass man auch bei manchen Bewerbern mit Abschluss nicht immer erkennen kann, was genau er in seinen Jahren an der Schule lernte.)

Welche denn?

Wir sollten uns die Elternhäuser anschauen – oder die Scherben dieser Elternhäuser. Diese Elternhäuser – so vorhanden – kennen oft nicht einmal die Werte, die es braucht, um erfolgreich eine Schule abzuschließen, einen Beruf zu ergreifen, diesen ein Leben lang auszuführen und dann mit dem eigenen Leben zufrieden in Rente zu gehen? (Und wenn ein Zyniker hier »welche Rente?« einwendet, habe ich spontan leider keine Antwort.)

Von wem sollten diese Familien auch ihre Werte kopieren? Von der Politik mit ihren Schulabbrechern und Promotionsbetrügern? Von Journalisten, deren erste Qualifikation das Nachplappern verlogener Propaganda ist? Oder von ihren TikTok-Stars, die durch Hinternwackeln berühmt wurden?

Wenn aber wir die Möglichkeit hätten, den Eltern neue Werte beizubringen, welche Werte wären es? Die Linken würden sofort ihren linken Bullshit beibringen wollen, doch was genau wäre ein vernünftiger Katalog?

Ich weiß, dass unsereins bei einer solchen Frage erstmal zögert. Es ist jedoch ein bekanntes Problem der Menschheit, dass die Klugen zögern, während die Trottel sich ihrer Sache sicher sind, und also Minister, Journalisten und leider manchmal auch Lehrer werden.

Dann sollte ich

Es wäre in der Sache richtig, und doch wäre es faul, bloß festzustellen, dass bei vielen der Elternhäuser jener Jugendlichen einfach nur die richtigen Werte fehlen.

Blicken wir doch kurz in uns: Welche Werte sollten diese Eltern denn haben? Leben wir diese Werte selbst?

Ich habe gehört, dass wer die Welt verändern will, damit bei sich selbst anfangen soll.

Den Jugendlichen, die ohne Schulabschluss von der Schule abgehen, wurden womöglich die falschen Werte vorgelebt. Für mich ist das zuerst ein Aufruf, mich selbst zu prüfen: Kann ich denn die »richtigen« Werte benennen?

Wenn ich aber die »richtigen« Werte benennen kann, dann muss ich mich prüfen, ob ich sie auch lebe.

Weiterschreiben, Wegner!

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