25.11.2020

Räuber aus dem Fenster

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Dikaseva
Es klingt wie eine banale Frage – bis man versucht, eine Antwort zu geben, die sich wahr anfühlt: Haben die, die über uns herrschen, wirklich »unser Bestes« im Sinn? Und wenn nicht – was dann?
three person riding bikes on green grass field
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Zwei Räuber fallen aus dem Fenster eines sehr hohen Stockwerks. Es hatte halb mit einer Rangelei zu tun, halb mit einem ungeschickten Zufall – so oder so: Jetzt sind die Räuber eben hinausgefallen, und sie fallen und fallen (und fallen – so lange, wie unsere kleine Geschichte hier es braucht, dass sie fallen).

Die Räuber sehen den harten Boden nahen. Die Räuber wissen, dass sie nicht die ersten Menschen sind, die in Richtung jenes Bodens fallen. Die Räuber wissen, dass der Kontakt mit dem Boden für alle gleich enden wird, selbst wenn der eine oder andere Fallende etwas Zeit für sich herausschinden sollte.

Doch, noch sind die Räuber nicht am Boden angekommen.

Noch können die Räuber rufen: »Hurra, wir fallen noch!«

Was tun die Räuber, fallend und im Anblick des ihnen entgegen rasenden Bodens?

Besinnen sich die beiden Räuber ihrer endlichen Existenz? Rufen sie nach Gott? Fragen sie nach dem Sinn des Lebens? Bitten sie, als Akt symbolischer Selbstreinigung, die Welt um Vergebung – und vergeben sie eben dieser?

Nein, oh nein. Eine Rose ist eine Rose, ein Skorpion ist ein Skorpion, und die Räuber dieser Geschichte sind eben Räuber. – Im Fallen, dem Boden sich nähernd, setzen die Räuber bald an, einander auszurauben. Der eine reißt am anderen. Man klaut einander die Uhren und die Schuhe. Man sticht einander ins Auge und man schlägt einander in die Nieren, und dann raubt man eben noch einmal einander aus, hin und her.

Wenn ein Vogel vorbeiflöge, und sie fragte, warum sie einander berauben, wo doch der Boden ihnen entgegen rast, was würden die Räuber antworten?

Der eine Räuber würde rufen: »Du dummer Vogel, wir sind doch Räuber!« – und noch während er das sagt, hat der andere ihm wahrscheinlich das Hemd oder die Jacke geraubt…

… bis dann irgendwann, plötzlich und unerwartet, der Boden den Schlussstand festlegt, wer zuletzt die meisten Uhren, Schuhe, Hemden und Hosen besaß, was das ganze Fallen wert gewesen war.

Nachricht im Kopf

Als erfahrener Leser meiner Texte wissen Sie, dass nach der einleitenden Metapher meist der Bezug zu den Nachrichten des Tages folgt.

Heute wollen wir es genauso halten, wenn auch »etwas anders, und »wir« ist nicht (nur) rhetorisch gemeint.

Ich bitte Sie, an dieser Stelle selbst eine Nachricht einzusetzen, die heute Ihr Blut in Wallung versetzt.

Haben Sie an dieser Stelle eine aktuelle Nachricht vorm inneren Auge? Etwas, das Sie heute geradezu in Wallung bringt?

Ja?

Sind wir soweit?

Gut. – Lassen Sie uns darüber reden!

Wölfe, Panther oder Hornissen

Warum tun »die da oben« das? – Nun, die »Erklärung« ist simpel. (Sich damit abzufinden ohne stumpf zu werden ist weit schwerer.)

Wer Kinder aufwachsen sieht oder von den Praktiken sogenannter »Naturvölker« hört, der ahnt schnell, dass der Mensch im Naturzustand genauso wenig »edel und gütig« ist wie Wölfe, Panther oder Hornissen »edel und gütig« sind.

Moral und Güte sind menschliche Erfindungen, und sie erfordern ein aktives »Überschreiben« von Instinkten (der Hund erscheint uns auch deshalb so »menschlich«, weil wir ihn derart gezüchtet haben, dass er wie wir seine Instinkte »überschreiben« kann).

Die Denkfaulheit, die Gier, die Vorteilssuche, die Sie an obiger Nachricht aufgeregt hat, sie sind keine Ausnahme, kein unglücklicher Sonderfall – sie sind der »Normalzustand«.

Wir haben gelernt, das Tierische in uns zu überschreiben. Wir haben gelernt, ein größeres Gutes im Auge zu behalten als nur den eigenen Vorteil. (Und es würde gefährlich krachen, wenn wir mit Menschen zusammenleben wollten, die es nicht gelernt und geübt hätten, für »die allgemeine Moral« ihre Instinkte zurückzustellen.)

Wie die Leser der Relevanten Strukturen verstehen, ergibt die Aussage »von Natur aus gut« ohnehin nicht wirklich Sinn. Wir nennen jene Handlungen »gut«, die eine uns relevante Struktur stärken. Was sich für uns aber als relevant anfühlt, das kann zufällig, wechselnd und nicht selten widersprüchlich sein. Schon weil die Idee eines »universell Guten« bei näherer Betrachtung auseinander fällt, kann es keinen »guten Naturzustand« geben.

Der Mensch ist weder »von Natur aus böse« noch »von Natur aus gut«: Der Mensch ist vor allem von Natur aus verwirrt.

Bedenken wir noch einmal die Nachricht, die Sie, lieber Leser, eben selbst einsetzten. Wir ärgern uns über die Handlungen und Versäumnisse »derer da oben«. Wir sehen, dass sie Dinge tun, die uns als Böse erscheinen. Wir gestehen uns allmählich ein, dass »die da oben« andere Strukturen als relevant empfinden. (Spätestens 2015 zeigte uns, dass »die da oben« sehr andere relevante Strukturen im Auge haben als »wir hier unten«.)

Ich auch!

Während wir Menschen uns in den Dimensionen des Raumes (einigermaßen) frei bewegen können, ist unsere Bewegung auf der Zeitachse vollständig außerhalb unserer Kontrolle.

Wir fallen durch die Zeit wie die Räuber unserer Geschichte unablässig dem Boden entgegen fallen. Wir suchen unseren Vorteil und unser kleines Stückchen vom Glück. Was wir tun, das befinden wir ja als anständig – was ethisch durchaus nicht falsch ist: Wir stärken ja unsere relevanten Strukturen. (Wo kommen eigentlich die seltenen Erden in Ihren Akkus her? Blenden Sie es einfach aus? – Ich auch.)

Wir fallen durch die Zeit, und irgendwann schlagen wir auf und unsere Nachkommen zählen durch, was wir im Fallen anhäuften – und »die da oben« sind genauso Menschen wie wir, und sie rauben sich zusammen an Glück und Gelegenheit, wo sie eben ihre Finger dranbekommen.

Nein, niemand ist »von Natur aus gut«, und ganz gewiss nicht »die da oben«. Wir »stützen, was uns wichtig« ist, und das nennen wir dann ethisch und vertretbar – doch was uns wichtig ist, das kann sehr verschieden sein!

Nicht auf Hilfe

Die da oben sind nicht »gut«, und sie sind nicht »böse«. Jeder von denen wird seine Rechtfertigung haben, eine Merkel wie ein Soros, ein Putin wie ein Bush – es ergibt für uns aber wenig Unterschied.

Die Kräfte, die unsere Kreise in Unordnung bringen, sie bringen ihre eigenen Kreise durchaus in Ordnung! – Es liegt an uns, unsere eigenen Kreise in Ordnung zu bringen.

Wir sind wie Räuber, die allesamt aus dem Fenster fielen, und während wir dem Boden entgegen fallen, berauben wir einander – okay, einige von uns wollen nicht Räuber genannt werden, die machen halt Geschäfte oder gehen zur Arbeit – jedoch, ihr Schicksal unterscheidet sich zuletzt wenig.

Zu jener Nachricht also, die Sie dankenswerterweise an meiner Stelle weiter oben in diesen Text einsetzten, will ich zuerst und zuletzt dies sagen: Hütet euch vor denen-da-oben, doch verschwendet nicht zu viel Zeit mit dem Schimpfen darüber, dass die ihre Kreise ordnen – ordnet lieber eure eigenen Kreise! Hofft nicht auf Hilfe, wo keine Hilfe kommen wird. Wisst, was euch wichtig ist – und dann schützt es mit all eurer Kraft und Klugheit!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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