27.10.2020

Land rappelt sich durch harte Arbeit auf – und dann?

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Shelley Pauls
Es gibt eine Frage, die ist noch heute schärfer tabuisiert als Islamkritik oder dass es nur zwei Geschlechter gibt. Die große Tabu-Frage lautet: Wenn diese Krisen-Ära vorbei ist, was kommt realistischerweise hiernach?!
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Lassen Sie uns ein Spiel spielen! Fassen Sie ein Buch zusammen, eine Geschichte oder einen Film – doch tun Sie es so langweilig wie es Ihnen nur möglich ist!

Das So-langweilig-wie-irgend-möglich-Spiel ist nicht von mir, es ist ein Internet-Meme, eine in den digitalen Weiten kursierende Idee. – Spielen wir! Welche bekannten Werke werden im Folgenden langweilig zusammengefasst?

  1. Professor fliegt nach Paris und besucht der Louvre.
  2. Junge geht ins Internat und schickt später seinen eigenen Nachwuchs hin.
  3. FedEx-Angestellter liefert Paket verspätet aus.
  4. Versicherungsangestellter trifft sich mit Kumpels und sie treiben Sport als Ausgleich zum Bürojob
  5. Gruppe von Leuten zieht los und kommt dann an, wo sie ankommen wollte

Ich liefere gern die Auflösung, in obiger Reihenfolge: Da Vinci Code, Harry Potter, Castaway, Fight Club, und Altes Testament!

Als ich meiner Tochter die obige Beschreibung für Harry Potter vorschlug, sprang sie auf und war ehrlich empört! – »Das darf man nicht machen!«, rief sie. Wie so vielen Kindern (und erschreckend vielen »Erwachsenen«) sind ihr diese Bücher zum Teil ihrer Identität geworden; sie ist mit Harry, Hermione und wie sie alle heißen aufgewachsen, und meine langweilige Zusammenfassung tat ihr spürbar weh. – Warum eigentlich?

Als der Theoretiker in mir auf diese äußerst unterhaltsamen »langweiligen Zusammenfassungen« stieß, reizte es mich natürlich, eine de- und präskriptive Erklärung zu finden!

Hier meine Ad-Hoc-Theorie: Die »langweiligen Zusammenfassungen« lassen den Konflikt der Geschichte weg – doch der Konflikt ist es, der die Geschichte erst interessant und erzählenswert macht!

Um eine Geschichte »langweilig zusammenzufassen«, wählt man eine beliebige Geschichte, erzählt ihre Prämissen und ihr Happy End, lässt aber den entscheidenden Konflikt weg.

Ich habe »Happy End« gesagt, und das glückliche Ende ist, neben einem neutralen Anfang, notwendige Voraussetzung für diese langweiligen Zusammenfassungen. In Romeo und Julia etwa, nehmen sich zwei Pubertierende im Hormonrausch das Leben, weil deren Eltern sich nicht mögen – da lässt sich schwer eine »langweilige Zusammenfassung« konstruieren, die tatsächlich die Rahmenhandlung erfasst.

Wenn das Ende ein unglückliches ist und den Konflikt eben nicht überwindet, bleibt der Konflikt unaufgelöst – so lange bis neue Bände oder Folgen erscheinen, welche die Story dann doch auf ein gutes, harmonisches Ende hin entwickeln, woraufhin sie »langweilig« zusammengefasst werden kann.

»… mittlerweile Standard?«

An auffallend vielen dieser Tage ähneln die Nachrichten einander – die Namen der Städte mögen sich ändern, die Anzahl der Beteiligten ebenso, doch von den ohnehin oft abgekürzten Namen und Orten wirken die Ereignisse und auch die Erkenntnisse erschreckend gleich.

Während die Inhalte sich von Tag zu Tag ähneln, scheint ein Meta-Aspekt der Nachrichten sich aber tatsächlich zu wandeln: Die Berichterstattung auch in den Mainstream-Nachrichten wirkt immer ehrlicher. Nachrichten, die man bislang eher in freien Medien las (siehe dazu dushanwegner.com/freie-denker/), liest man immer öfter auch in Mainstream-Medien.

In welt.de, 26.10.2020 lesen wir die Headline: »Prügeleien muslimischer Schüler mit vermeintlich Ungläubigen – mittlerweile Standard?«

Im Artikel selbst werden Lehrer zitiert, die hilflos zuschauen müssen, wie muslimische Schüler an NRW-Schulen nach und nach dem Unterrichts- und Schulgeschehen konservativ muslimische Strukturen aufzwingen, bis eben hin zur Gewalt gegen »Ungläubige«. (Randnotiz: Zu diesem Text sei ein weiterer Meta-Aspekt erwähnt: Als Dachzeile steht über dem Text »Islamismus in NRW«, im Text selbst ist dann zwar von agressiven, muslimischen Jugendlichen die Rede, aber plötzlich fällt die Distinktion von »Islamismus« und »Islam« weg, fast als wäre die Möglichkeit einer trennscharfen begrifflichen Unterscheidung immer nur eine Erfindung linker Politiker und Journalisten gewesen.)

Nicht nur unbewusst

Einst sagte man den Spruch: »Wir sind die Leute, vor denen unsere Eltern uns gewarnt haben!« – Nun, von den heutigen Meldungen lässt sich sagen: »Dies sind die Nachrichten, vor denen euch jene gewarnt haben, die ihr exakt dafür als ›Populisten‹, ›Rechte‹ und noch ganz anders beschimpft habt.«

Im Text »Nicht mit einem Knall, sondern mit Gewimmer« (17.6.2019) sprach ich von einer Dazwischenzeit. Ja, auch dies ist eine Dazwischenzeit.

Stellen wir uns doch eine simple Frage: Ist diese Zeit stabil? Kann sie stabil sein? Nein – natürlich nicht.

Es wird sich ändern, in die eine oder andere Richtung. Manche sagen: Es wird kippen.

Geschichten sind dann besonders spannend, wenn wir nicht wissen, wie sie ausgehen. Geschichten sind dadurch interessant, dass im Mittelteil eine Konfliktphase den Ausgang in der Schwebe hält. (Die Konflikt-Spannung-Mechanik funktioniert auch dann, wenn wir einen Roman oder einen Film bereits kennen – wenn es handwerklich sauber gearbeitet ist. Wie oft haben wir eine Geschichte neu gelesen, vielleicht zum dritten und vierten Mal, und nicht nur unbewusst gehofft, dass sie diesmal anders ausgeht!)

Vom Wirtschaftswunder

Dass diese Zeit nicht stabil ist, nicht stabil sein kann, ist in etwa die einzige politische Position, worauf man sich quer über alle Lager einigen kann – wahrscheinlich inklusive der Unpolitischen.

In jenem Spiel von der »langweiligen Zusammenfassung« würden wir die Zusammenfassung unserer eigenen Zeit vielleicht so beginnen: »Es war einmal ein Land, das hatte sich nach dem Krieg in mühevoller Arbeit erst aufgerappelt und wiedervereinigt.« – Dann, um den »Langweiligkeit-Effekt« herzustellen, würden wir den Konflikt auslassen, diese elende, verheerende Merkel-und-Staatsfunk-Ära.

Was käme danach?

Die Geschichte Deutschlands ist (noch) nicht zu Ende erzählt – und also auch nicht die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Ich beginne meine Zusammenfassung mit den Jahrzehnten vom Wirtschaftswunder bis etwa zur Ära Schröder.

Um diese Zusammenfassung »langweilig« werden zu lassen, will ich die unselige Merkel-Ära überspringen – doch, wo »springen« wir hin?

Ich will etwas wagen, was heute mit noch schärferen Tabus belegt ist als Islamkritik, die Feststellung dass es zwei angeborene Geschlechter gibt oder die Frage nach der Rechtsstaatlichkeit der Merkelpolitik. Ich will die Frage stellen: Was kommt realistischerweise hiernach?!

Es ist gut

Einst, als ich selbst so alt war wie meine Kinder heute alt sind, und als wir meine Großeltern mütterlicherseits besuchten, erzählte mein Großvater mir manchmal Geschichten, die er sich selbst spontan ausdachte, und in diesen Geschichten kam manchmal ein Junge vor, der mir sehr, sehr ähnlich war. Sprich: Ich kam in den Geschichten vor, die mein Großvater mir am Abend erzählte.

Mein Großvater lebt nicht mehr. Heute muss ich mir selbst meine eigene Geschichte erzählen. Heute liegt es an mir, selbst an meiner Geschichte zu arbeiten.

Ich wünsche mir, dass unsere Geschichte ein gutes Ende findet (und dass wir also in der Lage sein werden, sie »langweilig« zusammenzufassen) – mit dem guten Ende meine ich: Eine neue Ära, in der wir wieder das Gefühl haben, dass der Staat für uns arbeitet statt gegen uns, dass die Zukunft mehr Versprechen als Drohung ist, eine neue Zeit, in der wir wieder sagen können: »Heute ist ein guter Tag, und ich bin zuversichtlich, dass es auch morgen wieder ein guter Tag sein wird!«

»Weiterschreiben, Wegner!«

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