Dushan-Wegner

09.09.2023

In den Schweinehund investieren

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Bild: »Überwinde ihn!«
Zynische Idee: Überwinde deinen inneren Schweinehund, jeden Tag – aber investiere dein Geld in Aktien von Unternehmen, welche den Leuten eine Ausrede geben, es nicht oder weniger zu tun. – Kann das funktionieren?
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Nicht nur »Hobby-Börsenprofis« haben inzwischen den Namen »Novo Nordisk« gehört. In den letzten Monaten kletterte die Aktie in Frankfurt von knapp über 100 Euro auf 183 Euro (Stand 9.9.2023).

Es ist ein Pharma-Unternehmen und hat ein Medikament namens »Wegovy« auf den Markt gebracht, das denselben Inhaltsstoff wie das bekanntere »Ozempic« enthält, nämlich Semaglutid (siehe Wikipedia).

Es ist ein europäisches Unternehmen und hat auch einen großen deutschen Zulieferer. Und sogar der darf, so wird ganz aktuell berichtet (welt.de, 7.9.2023), auf einen profitablen Börsengang hoffen.

Schön, wenn etwas in Deutschland so richtig gut funktioniert – oder?

Tests an Nagetieren

Laut wegovy.com zählen zu den möglichen Nebenwirkungen des Medikaments unter anderem Übelkeit, Durchfall, Verstopfung, Erbrechen, Bauchschmerzen, Schwindelgefühle und Blähungen.

Und bei Tests an Nagetieren: Schilddrüsenkrebs.

Und diese Nebenwirkungen scheinen keinesfalls selten zu sein! Laut drugs.com betrifft die Übelkeit 44 % der Abnehmer, 30 % leiden an Durchfall und so weiter – Rülpsen und Blähungen sind da mit 6 % noch relativ »selten«.

Was ist das also für eine schreckliche Krankheit, für die man das Risiko all dieser Nebenwirkungen auf sich nimmt? Wogegen wirkt dieses Medikament, das die Aktien steigen und die Aktionäre reich werden lässt?

Es ist das Übergewicht.

Hoffentlich ausgeglichen

Wenn eine Frühstücksnahrung zu 99 % aus Zucker, anderen leeren Kohlenhydraten und sehr ungesundem Fett besteht, dann kann das Marketing noch immer draufschreiben: »Produkt X ist Teil eines ausgewogenen Frühstücks.« – Gemeint ist, dass wenn man genug weniger giftiges Essen dazu tut, also frische Sachen mit Vitaminen und so, und wenn man vom Zucker nur eine hypothetische Mini-Portion einnimmt, dann wird der Zucker hoffentlich einigermaßen ausgeglichen.

Doch natürlich wissen alle Beteiligten, wie das Zeug wirklich gegessen wird.

Daran fühlte ich mich erinnert, als ich las, dass die neuen Semaglutide zusätzlich zu einem gesunden Lebensstil und täglicher Bewegung eingenommen werden sollen.

Hm, ja, klar.

Gegen den Widerstand

In seinem Buch »The War of Art« (wörtlich übersetzt: »Der Krieg der Kunst«) hat Steven Pressfield den Begriff des »Widerstands« etabliert (englisch: »the resistance«).

Er stellt fest, dass besonders kreative Menschen – und steckt nicht in jedem von uns ein »Kreativer«?! – in sich selbst auf einen »Widerstand« stoßen, der sie daran hindert, zu tun, was sie wirklich tun wollen.

Das Buch, das Sie schon immer (fertig-)schreiben wollten? Das Instrument, das Sie schon immer erlernen wollten? Dieses Projekt, das Sie vor sich herschieben? Es findet sich immer ein Grund, warum es genau jetzt nicht geht, und dass es so ist, das ist »der Widerstand«.

Doch natürlich betrifft die »Aufschieberitis« nicht nur Künstler und Kreative. Wir alle kennen sie im Alltag, und wir Deutschen haben ein extra schönes Wort dafür: den »inneren Schweinehund«.

Einmal hypothetisch

Soweit ich als philosophisch veranlagter Essayist das sagen kann, scheint es mir finanziell (!!) klug, in den Schweinehund der Mitmenschen zu investieren.

Ja, ja, ich weiß: Die (in Deutschland privat zu bezahlenden) Abnehmspritzen werden von Ärzten nur an Patienten verschrieben, die tatsächlich alle anderen Möglichkeiten ausgenutzt haben, schlank zu werden, die täglich 2 Stunden Sport treiben, viel Frisches und wenig Kohlenhydrate essen und so weiter.

Doch nehmen wir einmal rein hypothetisch an, dass einige Menschen sich die Spritze setzen lassen, weil sie zu faul und zu träge sind, um ihren inneren Schweinehund zu überwinden.

Für diesen Fall müsste man erwarten, dass die Profite und Aktien der betreffenden Pharmafirmen immer weiter steigen werden. Zu den Konstanten der menschlichen Natur zählt der Schweinehund, also die Trägheit (evolutionär: »Energieeffizienz«) sowie der »Widerstand« – und dazu die bemerkenswerte Kreativität, täglich neue Rationalisierungen und konstruierte Begründungen für die Legitimität der Faulheit zu ersinnen.

Es soll ja Kinder geben, die werden eine halbe Stunde lang argumentieren, warum sie ihr Zimmer nicht aufräumen können/müssen/sollten – statt es in 10 Minuten zu erledigen. Gibt es womöglich auch Millionen von Patienten, die lieber Durchfall, Verstopfung und Übelkeit riskieren, statt sich mehr zu bewegen und ihren Zuckerkonsum zu senken?

Etwas spazieren

Was eine einträgliche (und zweifellos etwas zynische) Investitionsbasis bezüglich der mythischen »Masse« darstellen mag, das will man im eigenen Leben womöglich genau gegenteilig handhaben – also gewissermaßen: »dauerhaft antizyklisch«.

Investiere dein Geld in den Schweinehund der anderen (genauer: in deren Ausreden, warum sie ihrer Trägheit nachgeben), aber investiere deine Zeit, Mühe und sonstige Ressourcen in die Überwindung deines eigenen Schweinehundes!

Nachdem du Aktien der Abnehmspritze gekauft hast, geh mal wieder strammen Schrittes spazieren.

Nein, Abnehmspritzen sind keine »Lösung«. Bewegung, genug Schlaf und gesunde, kalorienreduzierte Ernährung bewirken so viel mehr als dich »nur« abnehmen zu lassen. Sport hebt nachweislich die Stimmung (biomed central.com, 21.6.2023) und regelmäßiger Kraftsport macht sogar nachweislich klüger (independent.co.uk, 24.5.2017).

Das funktioniert (für mich)

Bücher mit motivierenden Tipps zur Überwindung des inneren Schweinehundes sind ein eigener Geschäftszweig. Das Stichwort ist »Selbsthilfe«. Ich habe 4 Ansätze gefunden, die mir helfen, immer wieder Motivation zu finden. (Zu zweien habe ich sogar je ein Buch geschrieben.)

Erstens: Wenn du motiviert sein willst, das Wichtige zu tun, solltest du zuvor wissen, was dir wirklich wichtig ist – du solltest deine relevanten Strukturen kennen.

Zweitens: Du bist ein Mensch, also sind deine Kraft und deine Energie begrenzt. Motivation ist eine Kraftleistung. Wenn Du deine Kraft mit Unwichtigem erschöpft hast, ist es schier unmöglich, für das Wichtige motiviert zu sein. Hochmotivierte Menschen sind gut darin, alles Unwichtige loszulassen.

Drittens: Es ist so banal wie wirksam, doch als »Motivations-Trick« breche ich Aufgaben in kleinste Schritte auf. (Gestern schloss ich einen PC neu an, und ich dröselte die Aufgabe schriftlich in banale Schritte wie »entkabeln«, »PC tragen«, »verkabeln« auf. Die kleinen Schritte machen weniger Angst, und sie abzuhaken lässt mich den Fortschritt spüren.)

Viertens: Dann wäre da noch ein Denktrick, der wieder sehr simpel, aber überraschend effektiv ist: die »2-Minuten-Regel«. Wenn ein Vorhaben groß und anstrengend erscheint, etwa Joggen zu gehen, kann man sich vergegenwärtigen, dass nur die ersten 2 Minuten anstrengend sein werden. Die Frage ist nicht »Gehe ich jetzt eine Stunde laufen?«, sondern »Kann ich mich zu 2 Minuten aufraffen?« – und in 2 Minuten passt sich das berüchtigte »Mindset« meist an – und man läuft weiter.

Das sind meine persönlichen Methoden und Ansätze. Für Waffen gegen den inneren Schweinehund, die genau zu Ihrem Naturell passen, wenden Sie sich an den Motivationsguru Ihres Vertrauens.

Du den deinen

Seien wir an dieser Stelle mal extra offen und ehrlich zu uns selbst, es hört ja keiner: Dieses kreative Hobby, das du immer ausprobieren wolltest oder für welches du sogar in einem Anflug von Enthusiasmus das Werkzeug gekauft hast – wann, wenn nicht jetzt?

Das Buch, das du seit Monaten oder Jahren durchlesen willst und dessen erste Kapitel du inzwischen halb auswendig kennst (bei mir: »Against the Day«) – zieh es endlich durch!

Rechne damit, dass Millionen von Mitmenschen dem inneren Widerstand nachgeben werden – und doch überwinde du den deinen.

Ja, übe dich darin, deinen inneren Widerstand zu überwinden und stattdessen das Richtige zu tun – so könntest du neue Kraft sammeln für diese ganz andere Art von Widerstand!

Weiterschreiben, Wegner!

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