02.06.2022

Lebe besser ohne Szenenapplaus

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Dan Senior
Es kann eine harte Entscheidung sein: Auf Szenenapplaus schielen – oder das Richtige tun, selbst wenn man dafür erstmal angegriffen wird. Was wählst du? (Und warum?!)
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»Die Menschen erinnern sich nicht daran, was du gesagt hast, sondern wie sie sich dabei fühlten« – es ist ein Satz, der sehr wahr klingt, und zugleich sehr gefährlich ist.  

Ich kenne nicht nur Menschen, sondern ganze Gesellschaften und sogar Kulturen, die es zu ruinieren droht, dass sie aus der Wahrheit dieses Satzes den falschen Schluss zogen.

Man kennt es ja! Du stellst ein Problem im Unternehmen fest. Dir fällt mangelnde Effizienz auf, du stolperst über eine kritische Schwachstelle. Du möchtest dem Arbeitgeber und dem Betrieb helfen – was ja die Arbeitsplätze aller Kollegen sichert! – also sagst du Bescheid.

Du sprichst die Kollegen an oder reichst einen Vorschlag bei der nächsthöheren Etage ein.

Was wird die Reaktion der Belegschaft sein? Wird man sich bei dir bedanken? Wird man dich loben und dich zukünftig häufiger um Rat bitten?

Sogar Radio Eriwan kann darüber nur lachen: »Im Prinzip ja, in der Realität aber … hahaha, wie naiv bist du bitteschön?«

Seit jeher ratsam

Kaum stellst du ein Problem fest, bist du bald selbst ein solches.

Man sagt, die Menschen liebten den Verrat, aber nicht den Verräter. Nun, die Menschen sehen theoretisch die Notwendigkeit von Korrekturen ein, praktisch aber hassen sie den Korrigierenden mehr noch als den Verräter.

Der Verräter könnte ja bald kraft seines Verrats an die Macht gelangen. Macht imponiert. Es ist ohnehin seit jeher ratsam, sich mit den Mächtigen freundlich zu stellen, zur Sicherheit bereits vorab.

»Im Übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht«, so schrieb Kurt Tucholsky 1922, und es ist wahr.

Die Störung am gemütlichen Wohlgefühl, an der sicheren Trägheit ist die wirklich gefühlte Gefahr. Gefahr aber gehört gebannt!

»Tell me lies, tell me sweet little lies«, so sang die Band Fleetwood Mac dereinst, und zu Deutsch bedeutet es: »Erzähl mir Lügen, erzähl mir süße kleine Lügen.«

Die Menschen erinnern sich Jahre später daran, wie sie sich fühlten, als ich mit ihnen sprach. An die Inhalte erinnert man sich nur selten.

Ganz genau prüfen

Warum soll ich Probleme aufs Tapet bringen, wenn Menschen sich nur daran erinnern werden, wie sie sich fühlten – egal was ich sagte?

Ein jeder Mensch genießt es, spontan gelobt und gemocht zu werden, auch ich. Zugleich versuche ich durchaus, meinen eigenen Prinzipien und Werten zu folgen. Ich will zum Wohl der jeweils relevanten Struktur handeln, auch wenn ich mich für den Moment »unbeliebt« machen sollte. (Wenn ich mich als Vater immerzu um »Szenenapplaus« bemühte, äßen meine Kinder nichts als Eiscreme und Pizza.)

Will ich stur meinen »Werten« folgen, auch wenn es die Menschen um mich herum ärgert? Es klingt zunächst romantisch. Es kann aber schnell in böse Ideologie umschlagen. Wir kennen ja diese Ideologen, wir kennen all diese »-isten«, welche durchaus der Meinung sind, die Kritik an ihnen würde mit der Zeit schon noch in Lobpreis umschlagen.

Ja, man erlebt sogar, dass Menschen trotzig die Kritik an ihrem Vorhaben als Bestätigung interpretieren: »Wenn so viele Leute gegen uns sind, dann müssen wir doch richtig liegen.« (Es ist ein Elend, wenn ein Mensch sich selbst durch die Feindschaft und Gegnerschaft anderer Menschen definiert.)

Ich will mich in doppelter Vorsicht üben. Einerseits will ich, wenn viele Leute eine Sache anders sehen als ich, ganz genau prüfen, wer diese Leute sind und was ihre Argumente taugen. Und doch will ich keine Sache nur für den Szenenapplaus unternehmen.

Was richtig ist

Ja, ich will mich bewusst darin üben, den Wunsch nach Szenenapplaus loszulassen, will nicht sein elender Knecht sein. (Wenn es aber die Autoritäten in Politik oder Presse sind, die unseren Handlungen »applaudieren«, dann sollte unsere innere Alarmglocke laut schrillen, denn dabei handelt es sich schlicht um Propaganda.)

Menschen erinnern sich daran, wie sie sich fühlten, als ich mit ihnen sprach, das ist wahr. Soll das aber mein Antrieb sein? Will ich mich nicht selbst gut dabei fühlen, was ich tat, zuerst meine eigene Zustimmung suchen?

Ich ermahne mich: »Stütze deine relevanten Strukturen! Wenn es dafür Szenenapplaus geben sollte, dann nimm ihn freundlich an, doch lechze nicht nach ihm.«

Tu es des eigenen Wertes wegen.

Tu, was richtig ist – eben weil es richtig ist.

Ein und dieselbe Handlung kann von den einen Leuten in den Himmel gelobt und von den anderen Leuten zur Hölle verdammt werden. Mancher Applaus und mancher Buh-Ruf sagen viel mehr über das Publikum aus und wenig über die Sache.

Man könnte ja wählen, allzu scharfer Kritik mit Rick aus der Cartoon-Serie »Rick & Morty« zu erwidern: »Your boos mean nothing. I’ve seen what makes you cheer!«, zu Deutsch etwa: »Eure Buh-Rufe bedeuten nichts. Ich habe gesehen, was ihr bejubelt.«

Freundlich zur Kenntnis

Wenn die Welt dich kritisiert oder sich sogar angreift, prüfe die Kritik ehrlich – und dann mache weiter (oder auch nicht).

Wenn Szenenapplaus erklingt, nimm diesen freundlich zur Kenntnis – und dann mache (vorsichtig!) weiter.

Willst und brauchst du den Szenenapplaus? Dann tu halt, was es dafür braucht, und ignoriere, so gut du kannst, was morgen sein wird. 

Willst und brauchst du Zufriedenheit und Sinnhaftigkeit zum Schluss, dann wisse, dass das Buhlen um Szenenapplaus dich gründlich in die Irre führen wird.

Das Erhoffen wie auch das Ausbleiben von Szenenapplaus sind selten ein guter Grund, etwas zu tun oder es eben nicht zu tun. Vergiss den Szenenapplaus – und handle aus wirklich guten Gründen.

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