Dushan-Wegner

23.12.2023

Die Hose für meinen ersten Teddybären

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten
Das Ende eines Jahres ist gute Gelegenheit, Resümee zu ziehen: Habe ich meine Rolle erfüllt, bin ich mit mir zufrieden? War es die richtige Rolle? Die kalte Frage ist ja: Was, wenn ich meine Rolle nicht mehr erfüllen will … oder kann?
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Ich kannte nur einen meiner Großväter, und den, den ich kannte, habe ich nur ein Mal weinen sehen.

Mein Großvater nähte. Er arbeitete zwar nicht als Schneider, doch er beherrschte die Kunst, mit Nähmaschine und Fäden unsere Kleidung zu reparieren, zu kürzen oder auszulassen, und bisweilen nähte er auch hübsche Dinge. Zum Beispiel die Hose für meinen ersten Teddybären.

Ganz selbstverständlich

Wer auch immer in der Familie etwas zum Nähen hatte, der brachte es all die Jahrzehnte lang meinem Großvater, eine wichtige Mechanik der damals noch in Betrieb befindlichen Familienmaschine. Es war ganz selbstverständlich: »Etwas muss genäht werden? Bring es Opik!«

Wir merkten nicht – oder zumindest wir Kinder begriffen es nicht, und erst im Nachhinein wird es mir klar –, dass ab gewissen Jahren der Großvater nicht mehr allein nähte, sondern Großmutter die Kleidung an seiner Stelle annahm, und dann schlossen sie sich in ein Zimmer ein, und irgendwann war es erledigt.

Mit eigenen Händen

Heute begreife ich, dass seine Augen und Hände schlechter geworden waren. Seine Augen wurden schwach, weil er eben alt war. Ich jongliere ja selbst inzwischen mit Brillen.

Und seine Hände und Finger griffen nicht mehr gut, weil sie nach einem durchgearbeiteten Leben eben »durch« waren. Gelenke abgenutzt, Nerven unzuverlässig, Rheuma fies.

Wenn also Großvater und Großmutter sich zum Nähen zurückzogen, half sie ihm, wo seine Hände und Augen nicht mehr präzise genug waren für die feine Arbeit.

Und eines Tages geschah es, dass die beiden auch gemeinsam einfach nicht fertig wurden mit einer Näharbeit.

Ich ging bei ihnen im Nähzimmerchen vorbei, und da sah ich meinen Großvater weinen.

Später erklärte mir meine Großmutter, dass er es einfach nicht mehr schaffte, zu nähen, auch mit ihrer Hilfe nicht. Und dass er sich nun nutzlos fühlte.

Er hatte den Krieg überlebt, er hatte in Tschechien zwei Häuser gebaut, mit eigenen Händen, dann in Deutschland wieder, nachdem er die Familie aus dem Kommunismus herausgebracht hatte.

Und dann nahm das Alter ihm auch seine letzte Nützlichkeit, das Nähen.

Leugnet nicht!

»Was bin ich, wenn ich nicht mehr nützlich bin?«

Freunde, ich habe mir den Bericht über meinen Großvater bis hierhin von meiner Familie bestätigen lassen. Die Fakten und die Beschreibung aus meiner Erinnerung stimmen.

Und jeder, dem ich diese Erinnerung vorlege, einschließlich mir selbst, möchte meinem Großvater und seiner schmerzhaften Frage widersprechen, möchte ihm versichern: Nein, du bist nicht unnütz!

Und dann widerspreche ich meinem Widerspruch und sage: Freunde, Männer, leugnet nicht den Schmerz, denn er will euch lehren.

Das Gegenteil von Nützlichsein ist nicht Unnützsein, nicht für den Mann. Das Gegenteil von Nützlichsein ist Nichtsein. Ein Mann, der sich unnütz fühlt, wird bald darauf sterben.

(Und wenn der Tod sich nicht einstellen will, simulieren ihn manche Männer durch Alkohol oder andere Betäubung, was ihn praktischerweise auch näherbringt.)

Der Comedian Chris Rock sagt die Wahrheit, wenn er feststellt, dass nur Frauen, Kinder und Hunde bedingungslos dafür geliebt werden, dass sie existieren (siehe YouTube).

Männer müssen nützlich sein – und wenn sie sich unnütz fühlen, zerbrechen sie.

Die Güte

Frauen geben der Welt in jungen Jahren die Schönheit ihrer Erscheinung, und später, wenn das Leben der Frau gelingt, wird die Schönheit der Erscheinung zu einer Schönheit des Gemüts, sprich: zur Güte.

Und Güte ist nicht Nützlichkeit, denn Güte ist ihr eigener Wert. Güte ist Ziel und Zustand.

Die Frau kann beschließen, über ihre Familie hinaus nützlich zu sein, aber sie muss nicht.

Eine Frau, allein auf einer Insel gestrandet, wird sich noch immer morgens hübsch machen und die Dinge um sich ordnen, das schenkt sie der Welt auch ohne Zuschauer. (Frauen sagen immer wieder: »Ich schminke mich nicht für die Männer, sondern für mich« – und ich glaube ihnen.)

Die Nützlichkeit

Und ein Mann allein auf derselben Insel könnte stinken und sein Äußeres vergessen, doch er wird jeden Tag versuchen, etwas zu erfinden, etwas zu reparieren, ob er es selbst benötigt oder nicht, denn seine Natur drängt ihn zur Nützlichkeit, auch ohne einen weiteren Menschen, dem es in diesem Moment nützt. Vielleicht kommt ja jemand in zehn Jahren oder wenn ich nicht mehr da bin, und der wird dann froh sein, dass da eine fertige Holzhütte steht! Nützlichkeit über den Tod hinaus!

Ihr betrachtet und lest mich nicht deshalb, weil ich so schön bin. Ich teile meine Gedanken mit euch, meinen Schmerz und meine Antwortversuche, sei es als Katharsis, als neue Idee oder als Anlass für Widerspruch und eigene Gedanken.

Ich will euch nützlich sein – warum sonst wäre ich hier?

Männer, seid nützlich – und seid weise darin, zu wählen, zu welchem Zweck ihr nützlich seid.

Frauen, seid gütig, denn Gütigkeit ist die Schönheit der Seele.

Männer wie Frauen, seid beide klug, lernt voneinander.

Und Kinder? Seid Kinder!

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