Dushan-Wegner

17.10.2023

Wann wird »Toleranz« eine Beihilfe zum Mord?

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Bild: »Bananenfrühstück«
In Belgien tötete offenbar ein Islamist aus dem Toleranz-Hotspot Schaerbeek zwei schwedische Fußballfans. Wir müssen fragen: Ab wann ähnelt politisch verordnete, realitätsblinde »Toleranz« einer Beihilfe zum Mord?
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Während ich den ersten Entwurf dieser Zeilen schreibe, geht es auf Mitternacht zu. Montag, der 16. Oktober 2023, bald Dienstag.

Ich habe Mails von Lesern beantwortet. Auch aus Israel. Was schreibt man? Wir haben einander versichert, dass wir nicht allein sind. Wir haben Gemeinsamkeiten gelistet.

Es ist menschlich und wichtig – aber hilflos. Auf beiden Seiten. Und schlecht für meinen Schlaf.

Die Nachbarn schlafen. Einer duscht noch, höre ich. Auch er wird bald schlafen.

Mit der Überheblichkeit des Schlaflosen denke ich an jene Liedzeile: »And ignorant people sleep in their beds, like the doped white mice in the college lab«. Zu Deutsch etwa: »Und die ignoranten Leute in ihren Betten schlafen, wie die betäubten Mäuse im Uni-Labor«.

Das Lied heißt allerdings »Nothing ever happens« – »Nichts passiert jemals«. Und das ist aktuell sehr falsch.

Vielleicht ist auch falsch, dass die anderen Leute »ignorant« wären (hoffe ich). Die sind nur weniger nervös als ich, vermute ich. Ich weiß es nicht. Ich sollte sie fragen: »Seid ihr dumm oder bloß weniger empathisch?«

Ich brühe mir einen Einschlaftee auf, als ob das je geholfen hätte. Der Sohn murmelt im Schlaf. Man würde gern versuchen, die Kinder von den Nachrichten fernzuhalten. Gestern stellte der Sohn einige Fragen, die mich zweifeln ließen, ob das gelingen kann. Es liegt ja nicht nur an mir.

Dann begehe ich in meiner Schlaflosigkeit den Fehler, nach den Nachrichten zu schauen.

Es gibt »etwas Neues«.

Diesmal Brüssel.

Nicht genug

Er rief laut Augenzeugenberichten »Allahu Akbar«, bekannte sich offenbar zu ISIS und erschoss zwei schwedische Fußballfans. Er mordete, um Muslime zu rächen, soll er in den Sozialen Medien gesagt haben. Er würde töten, egal, wer ihm vor den Lauf des Maschinengewehrs käme. (Wer gab es ihm eigentlich?)

Zwei Menschen sind tot. Ein Mensch ist verletzt.

Der Staatsfunk wird vermutlich sagen, das Motiv sei »unklar« und der Täter »psychisch verwirrt«. Wie sehr ihr auch den Staatsfunk verachtet, ihr verachtet ihn nicht genug.

Smartphone-Videos verbreiten sich rasch. Wir sehen, warum die EU das Internet zensieren will: Man will wohl die Wahrheit über den Zustand Europas noch ein wenig zurückhalten, damit sich keiner der Zerstörung in den Weg stellt, bevor es kein Zurück mehr gibt.

Als mir gegen halb drei das Einschlafen gelang, war der Täter noch in Brüssel auf dem Moped unterwegs. Ich träumte von Japan. Ich war noch nie dort. In Barcelona habe ich mal japanisches Ramen probiert. Salzig, aber so glücklich machend. Ich würde es gern mal in Japan probieren. Und einen Tempel besuchen. Vielleicht haben die Japaner etwas begriffen, was uns noch fehlt. Oder was wir vergessen haben.

Warschau, Prag, Budapest

Der Wecker spielt seine elektronische Melodie. Ich schäle mich aus dem Bett, mixe einen Bananen-Milchshake für Leo. Er besteht in letzter Zeit darauf, dass das sein Frühstück sei – gerne doch! (Er besteht auch darauf, Pizza zu Abend zu essen. Das allerdings geht nicht immer. Höchstens an Tagen, die mit »tag« enden. Und mittwochs.)

Nun erfährt man auch im konservativ(er)en Teil des Mainstreams, dass der Verdächtige »Abdesalem A.« heißt und aus Tunesien stammt (nius.de, 17.10.2023merkur.de, 17.10.2023).

Wenigstens fährt der Herr nicht mehr mit der Schusswaffe in Brüssel herum. Er wurde von der Polizei niedergeschossen. In Schaerbeek, Belgiens berüchtigtem Toleranz-Hotspot (siehe etwa nytimes.com, 8.6.2016).

Wir erfahren, dass er wohl 2019 in Belgien Asyl beantragt hatte. Wir erfahren, dass er »im Zusammenhang mit Menschenhandel, illegalem Aufenthalt und Gefährdung der Staatssicherheit aufgefallen sei« (nius.de, 17.10.2023).

Wissen Sie, wo in dieser Nacht keine Menschen »aus unklaren Motiven« erschossen wurden?

In Warschau.

In Prag.

In Budapest.

In all den Städten, die nicht ganz so »tolerant« sind. Die nicht Migranten ungeprüft ins Land nehmen. Die nicht Extremisten gratis mit Kost und Logis versorgen. Die sich mit der Abschiebung von Extremisten und Gewaltverbrechern nicht so schwertun. Die nicht die »Freiheit« von Judenhassern über das Leben und die Würde von Juden stellen. Die nicht das eigene Land und Volk für die Pläne zynischer globaler Akteure zu opfern bereit sind.

Helm festzurren!

»Toleranz« bedeutet »ertragen«. Die Bürger wie auch die Besucher von Brüssel haben »tolerant« zu sein – müssen bereit sein, sich zu opfern, geopfert zu werden.

Mein Sohn zog eben zur Schule los. Nein, ich erzählte ihm nicht von den Nachrichten. Er wird aber etwas geahnt haben. Als er wach wurde, umarmte ich ihn, drückte ihn fester als sonst, küsste ihn auf Kopf und Wangen.

Als er aufbrach, betonte ich, wie wichtig es sei, dass er auf dem Fahrrad immer seinen Helm trägt und diesen ordentlich festschnallt.

»Ja, Papa«, sagte Leo.

Als er gegangen war, seufzte ich über mich selbst, über meine Hilflosigkeit. Gewiss, ein festgezurrter Fahrradhelm wird ihn gegen alle Gefahren der Welt beschützen!

Das Lied »Nothing ever happens« endet übrigens so (meine Übersetzung, siehe genius.com): »Und nichts passiert jemals, überhaupt nichts passiert. Die Nadel kehrt zurück zum Beginn des Liedes, und wir singen alle mit, wie zuvor. Und nichts passiert jemals, überhaupt nichts passiert. Um sechs Uhr brennen sie die Synagogen nieder, und wir werden alle mitmachen, wie zuvor. Und wir werden alle heute Nacht einsam sein – und morgen wieder einsam.«

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir fragen müssen: Ab wann wird »Toleranz« eine Beihilfe zum Mord?

Weiterschreiben, Wegner!

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