13.10.2021

Traurigkeit ist eine Verlustanzeige

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Bharathi Kannan
Es ist traurig, etwas Wertvolles zu verlieren. Und doch liegt bittersüße Schönheit in dieser Traurigkeit. So schmerzhaft ein Verlust ist, wäre es nicht auf gewisse Weise trauriger, nie etwas besessen zu haben, das zu verlieren einen schmerzt?
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Wir kennen die äußeren Kennzeichen der Traurigkeit, die gebückte Haltung etwa, oder die zusammengezogenen inneren Muskeln der Augenbrauen.

Manche Hunde beherrschen das traurige Dreinschauen besonders effektiv. Es heißt, dass Hunde den berühmten traurigen Blick lernten, als sie domestiziert wurden. Wölfe verfügen nicht über den kleinen Muskel am Auge, den es fürs traurige Dreinschauen braucht. Wölfe müssen nicht traurig gucken können, denn Wölfe betteln nicht um ihr Essen (theatlantic.com, 17.6.2019, basierend auf pnas.org, 17.6.2019).

Wissenschaftler forschen in menschlichen Gehirnen, mit welchen neuronalen Effekten unsere Traurigkeit einhergeht (sciencedirect.com, April 2020). Man kann heute wissenschaftlich erklären, warum der Traurige sich schwertut, die Nuancen seiner Traurigkeit zu benennen. Traurigkeit fühlt sich wie eine einförmige und erdrückende Masse an, anders als etwa die Wut, deren Schattierungen selbst der Wütende zu unterscheiden vermag.

Traurigkeit ist aber mehr als nur nach innen gezogene Augenbrauen und elektrochemische Vorgänge im Gehirn. Traurigkeit ist mehr als die schwarze, schwere Wolke, die sich in jenen Momenten über uns legt. Traurigkeit ist eine Markierung auf unserem Weg, wie das Ortsschild an einer Station unseres Lebens.

Inserate und Todesanzeigen

Früher, als die Menschen täglich die Zeitung lasen, inklusive der Inserate auf den hinteren Seiten, und als andere Leute anständiges Geld zahlten, um zwei oder drei Zeilen als ein solches Inserat abdrucken zu lassen, da konnte man schon mal erfahren, dass ein Kind sein liebstes Kuscheltier verloren hatte oder ein Ehemann seinen Ehering.

Die Hoffnung aufs Wiederfinden war nicht die einzige Motivation einer solchen Verlust-Anzeige. Vergleichen wir die Verlust-Meldungen eher mit den Todesanzeigen wenige Seiten weiter in derselben Zeitung. Indem die Familie des Verstorbenen bekannt gab, dass der Tote tot ist, erkannte sie den Verlust öffentlich an. Trauer ist die ritualisierte Form der Traurigkeit darüber, dass man einen Menschen verlor. Die Trauer-Anzeige wie auch die Verlust-Anzeige erklärten: »Ich bin einer, der verloren hat.«

Von Kälbern und Chancen

Wer von einem geliebten Menschen getrennt wird, der kann nicht anders, als tief traurig zu sein. Wenn Tod und Verlust widernatürlich waren, etwa wenn Eltern ihr Kind verlieren oder der Tod durch ein Verbrechen oder einen Unfall geschah, dann kann die Traurigkeit ein Leben lang auf der Seele lasten.

Verlust manifestiert sich als Schmerz. Ja, sogar eine Kuh, die von ihrem Kalb getrennt wird, die also ihr Kalb verliert, zeigt Zeichen von Traurigkeit. Die Traurigkeit ist ein Zustand des Bewusstseins. Nicht nur wir Menschen sind uns unseres Selbst bewusst.

Jedoch, es muss ja nicht immer ein Tod sein, der uns traurig werden lässt! Wir sind traurig, wenn uns Hoffnungen genommen werden, und womöglich trauriger, wenn wir im Nachhinein erkennen, wie wir gute Möglichkeiten verschenkten, und dass die Zeit verstrichen ist, und dass wir an diesem Verlust nichts mehr ändern werden.

Nur von Gramgebeugten

Kann sich die Seele mit einem schmerzhaften Verlust abfinden? Kann sie sich neu ordnen? Ja, zumindest prinzipiell, sonst wäre die Welt nur von traurigen Gramgebeugten bevölkert. Es wandelt kein Mensch auf dieser Erde, der nicht auf die eine oder andere Weise einen Verlust zu beklagen gehabt hätte.

Erfahrung und Wissenschaft lehren beide, dass die Traurigkeit wenig Abstufungen kennt, und kaum zeitliche Perspektive.

Traurigkeit passiert immer jetzt. Ich kann jetzt satt sein, und zugleich wissen, dass und warum ich später hungrig sein werde, doch das mindert mein Sattsein im Augenblick nicht. Wenn ich aber weiß, dass ich später einen Grund zur Traurigkeit haben werde, dann bin ich jetzt schon traurig.

Eine beißende Wunde

Atme deine Traurigkeit ein, akzeptiere sie als Aspekt deines Lebens in diesem Moment. Deine Traurigkeit beweist dir, dass du Mensch bist.

Etwas fehlt. Die Lücke ist eine beißende Wunde. Bisweilen tritt ein Anderes an Stelle des Verlorenen, wie ein neuer Welpe an die Stelle eines verstorbenen alten Freundes tritt. Manchmal aber kann und soll das Verlorene gar nicht ersetzt werden. Wenn ein Mensch von uns geht, wollen wir die Lücke ja nicht gleich schließen. Es ist genug, wenn die Wunde bald weniger blutet.

Sage nicht: Ich werde vergessen, ich werde ersetzen.

Sage wahrheitsgemäß: Ich habe verloren, und wo ich verloren habe, da sind Schmerzen geblieben. Diese Schmerzen nenne ich meine Traurigkeit.

Traurigkeit ist mein Kampf mit dem Verlust, und ich muss ihn kämpfen, bis meine Seele sich eingesteht, dass der Fall ist, was der Fall ist.

Traurigkeit ist ein Effekt im Gehirn – immerhin sind es keine Dämonen! Traurigkeit ist, wie sich diese neue Konstellation der Realität anfühlt. Traurigkeit ist eine Weltwahrnehmung wie Hitze oder Kälte, wenn auch eine, die uns stumpf für viele andere Wahrnehmungen werden lässt.

Neu zu ordnen

Traurigkeit ist, wie es sich anfühlt, wenn die Seele nach einem Verlust ihre Kreise neu ordnet.

Ich wünsche allen Traurigen die Kraft, den Verlust zu überstehen und ihre Seele neu zu ordnen.

Ich wünsche den Traurigen, dass sie nach der Traurigkeit neue Aufgaben finden, neue Strukturen, die zu verlieren dann aufs Neue schmerzen würde.

Etwas, über dessen Verlust man weint und traurig ist, so etwas Wertvolles haben einige Menschen ihr Leben lang nicht. Wäre so ein Zustand nicht fast noch trauriger?

Es liegt bittersüße Schönheit in deiner Traurigkeit, denn sie bedeutet, dass du etwas hattest, über dessen Verlust sich zu weinen lohnt.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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