04.01.2022

Vergeben, Vergessen, Vorsicht

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Vidar Nordli-Mathisen
Alte Bekannte werden kalt und hasserfüllt, hetzen übel gegen Ungeimpfte. »Spalte und herrsche« hat funktioniert. Werden wir »vergeben und vergessen« können?
selective focus photography of buttercup flowers
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Ich habe den Film »Suicide Squad« in der Version von 2016 nicht gesehen, und ich habe gehört, dass er sowieso an Schwächen in der Story krankt.

Was ich aber noch gehört habe, ist der Soundtrack zum Film, und der ist, anders als wohl der Film, erstaunlicherweise großartig. Einer der besten Songs jener Kompilation trägt den Titel »Heathens«, zu Deutsch: »Heiden«.

Der Text von Heathens ist hyperbolisch und plakativ, und er enthält diese Zeilen:

You’ll never know the psychopath sitting next to you, you’ll never know the murderer sitting next to you! you’ll think, „How’d I get here, sitting next to you?“ (»Heathens«, via genius.com)

Zu Deutsch:

Du wirst nie den Psychopathen kennen, der neben dir sitzt. Du wirst nie den Mörder kennen, der neben dir sitzt. Du wirst denken: »Wie bin ich hierher gekommen, neben dir zu sitzen?« (»Heathens«, genius.com, meine Übertragung)

Laut genius.com ist das Lied eine Begrüßung an neue Fans der Band. Man könnte den Text des Liedes auch als Versatzstücke und Klischees beschreiben. Es ist auf jeden Fall eine dramatisch-ironische, hyperbolische und in Filmtropen malende Hymne aufs »gemeinsame Anderssein«. Und es liegt, finde ich, etwas aktuelle Wahrheit darin.

Im Café, mit Kindern

Gestern saß ich mit beiden Kindern in einem Café. Wir gönnten uns jeder eine Limonade (ich hatte gerade keine Lust auf Kaffee) und dazu auch jeder ein Gebäckstück.

Ich wurde von den Kindern auf den neuesten Stand zum Thema Marvel-Filme gebracht. Ich habe mir nichts davon gemerkt, außer dass es um Spider-Man ging. Der Grund für meine diesbezügliche Gedächtnisschwäche war aber nicht nur das Thema selbst – da war noch etwas.

Am Nachbartisch saß ein Pärchen, das hielt ein merkwürdiges Rendezvous ab.

Ein Männlein und ein Weiblein saßen sich gegenüber und tranken Kaffee – soweit normal.

Der Mann bestimmte den weitaus größten Teil des Gesprächs, in penetrant lehrerhaftem Ton – auch das nicht ungewöhnlich, man nennt das Phänomen »Mansplaining«.

Der Mann steigerte sich aber immer weiter in eine geradezu missionarische Wut, und ein höfliches Weghören wurde unmöglich.

Es ging, wie so oft und ad nauseam dieser Tage, um Covid-Impfungen. Der freundliche Herr war dafür. Er war sehr dafür. Und er war nicht nur sehr dafür, er war auch sehr gegen Menschen, die sich nicht impfen und regelmäßig boostern lassen.

Er wiederholte in immer drastischeren Worten, wie sehr er sich als Geimpfter und Geboosterter von Ungeimpften bedroht fühlte. Er war fest überzeugt davon, dass Ungeimpfte daran schuld seien, dass Viren mutieren.

Als unfreiwilliger Zuhörer entwickelte man Zweifel, was genau es war, das er wirklich fürchtete. Ich fragte mich, was in der Dame vorging, die er als Auffangbehälter seiner Wut missbrauchte. Es war ja nicht wirklich nur die Sorge um seine Gesundheit, die ihn quälte. Es ging in blanke Wut über, dazu wilde Beschimpfungen, die ich nicht alle zitieren will, da »Idioten« noch eine der höflicheren war.

Ich habe keinen Zweifel, dass wenn die Behörden aufrufen, Ungeimpfte zu denunzieren, dieser Herr ganz vorne mit dabei sein wird. Ich weiß auch, dass er bei weitem nicht der einzige Bürger mit soviel »Haltung« ist. Es hat in zu vielen Menschen geschlummert, und jetzt bricht eben die Krankheit in ihnen aus.

Die Szene wurde ungemütlich. Wir zahlten und verließen das Café. Ich besprach mit den Kindern die Wut jenes Mannes, und ich wechselte das Thema, denn ich hatte keine befriedigende Erklärung anzubieten.

Ich hatte aber nicht nur keine befriedigende Erklärung anzubieten, mich beschäftigte noch ein weiterer Gedanke – und mit dem wollte ich meine Kinder auf keinen Fall belästigen.

Sollte die Corona-Panik irgendwann doch vorübergehen, werden wir noch immer mit Menschen zusammenleben, von denen wir wissen, zu welchem Hass und welcher Kälte sie fähig sind, wenn die Propaganda ihnen Anlass und Berechtigung dazu gibt.

Keine genialen Pläne

Selbst wenn diese Zeit vorbeigeht, wir werden immer wissen, welcher Virus in der Seele manches Nachbarn schlummert.

Sollte es die Absicht gewisser Mächte gewesen sein, durch die Corona-Panik eine »Spalte-und-herrsche«-Taktik zu fahren, müsste man ihnen heute zum absehbar nachhaltigen Erfolg ihrer perfiden Pläne gratulieren. (Tatsächlich glaube ich aber weiterhin, dass sie »nur« die sich eröffnenden Möglichkeiten nutzen. Was uns kleinen Ameisen wie eine geniale Strategie oder gar eine Verschwörung der Großen erscheint, ist meist tatsächlich »nur« die Fähigkeit der Erfolgreichen, Chancen schnell und skrupellos zu nutzen.)

Wir Bürger sind gespalten (untereinander und mancher wohl inzwischen auch in sich selbst). Politik und Propaganda vertiefen die Spaltung mit täglich neuer Hetze. Es wird nicht einfach sein, wieder zueinander zu finden.

Virus ohne Fledermäuse

Nein, ich glaube nicht, dass Wut jenes Wüterichs im Café tatsächlich vollständig neu ist.

Es steht zu fürchten, dass diese Wut immer schon in ihm schlief, und jetzt eben »geweckt« wurde. Leute wie er sind wie »Schläfer«, wie Hypnotisierte, und sie können wie auf Knopfdruck aktiviert werden.

Die Möglichkeit zum kalten Hass steckte schon seit Jahren und Jahrzehnten in ihm, lange bevor irgendwer irgendwo irgendwelche Experimente mit Viren und Fledermäusen veranstaltete. Und wenn die Krise tatsächlich demnächst vorbeigehen sollte, bleiben diese Lust und Willigkeit ja in ihm!

Der kalte Hass auf den Abweichler ist ein Virus, das in den Menschen schlummert, bis sich wieder einen Anlass findet.

»Du wirst nie den Psychopathen kennen, der neben dir sitzt, du wirst nie den Mörder kennen, der neben dir sitzt«, so heißt es im Lied Heathens, und dann weiter: »Du wirst denken: ›Wie bin ich dazu gekommen, neben dir zu sitzen?‹«

Ob geimpft oder ungeimpft, ob frisch geboostert oder lieber ohne Impf-Abo – viele von uns haben Bekannte, deren Entscheidung für die regelmäßige Impfung inzwischen zur latent psychopathischen Wut auf alle Andersdenkenden mutierte. Wir ahnen, dass das schon immer in denen steckte – und wir werden uns hiernach daran erinnern. Wir können mit jenem Song mitbrummen: »Du wirst nie den Psychopathen kennen, der neben dir sitzt.«

Der Ungeimpfte wie auch der Geimpfte ohne Impf-Abo sind denen wie die »Heiden« den fanatischen Gläubigen. (Man möchte ja bald eine weitere Zeile jenes Songs mitsingen: »Alle meine Freunde sind Heiden, weißt du das nicht?«)

Wir hören die Hasstiraden des Gehorsamen, wie er alle Ungeimpften für verachtenswerte Unmenschen hält, und wir fragen ihn, aber so dass er es nicht hört: »Wie sind wir an den Punkt gekommen, dass du mich hasst, weil ich mich anders entschied als du?«

Nicht böse, doch…

Werden wir vergeben können? Es ist eine echte Frage. Werde ich einem Menschen vergeben können, für den ich heute ein Unmensch und Feind bin, die Inkarnation des Bösen, das Andere, dass er lieber heute als morgen aus der Welt verbannen will?

Ach, um vergeben zu müssen, müsste ich ihm doch zuerst überhaupt dafür böse sein, dass er mich für das Böse hält.

Ich verstehe heute eine Redeweise, die ich lange Zeit für eine Floskel hielt: »Vergeben, aber nicht vergessen.«

Es sind Zeiten wie ein schlechter Film, und bei diesem Film haben wir keine Wahl ob wir ihn uns ansehen. Wir sind sogar Statisten darin, einige von uns maßen sich sogar Sprechrollen an!

2021 wurde »Suicide Squad« mit einem anderen Regisseur neu aufgelegt (es ist James Gunn, der von »Guardians of the Galaxy«), und die neue Version soll besser sein. Zumindest Hollywood lernt aus vergangenen Fehlern.

Ich bin den Gehirngewaschenen nicht einmal böse, wie sehr ich sie auch fürchte. Ich muss ja nicht meine Lippen bewegen, oder die Stimmbänder schwingen lassen, wenn ich diesen Leuten zuflüstere: »Ich bin dir nicht böse, doch ich fürchte dich.«

Ob das »Danach« in fünf Monaten oder fünf Jahren der Fall ist, nach der Corona-Panik werden die Impf-Hetzer von heute wahrscheinlich so tun, als sei nie irgendwas gewesen.

Ich sagte meinen Kindern, dass der Mann im Café es nicht böse meinte. Ich hoffe, dass ich darin nicht die Unwahrheit sagte.

Die Hetzer von heute werden morgen gewiss nicht um Entschuldigung bitten, und wir sollten dennoch Entschuldigung gewähren.

Ja, wir sollten Entschuldigung gewähren, selbst wenn sie nicht erbeten wird, doch wir dürfen nicht vergessen, dass deren Hass auf die »Heiden« weiter in ihnen auf den nächsten Einsatz wartet.

Ich werde vergeben, wo ich überhaupt vergeben muss. Ich werde wohl nicht vergessen. Auf jeden Fall werde ich aber vorsichtig bleiben.

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