Dushan-Wegner

04.04.2023

Als verrückt galt, wer sich nicht verrückt machen ließ

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten, Wo entlang wirst du dich verlaufen?
In verrückten Zeiten gelten die Unverrückten als verrückt. Hätten Querdenker falsch gelegen, hätte man sie mit Argumenten »bekämpft«, statt mit Polizei, Verboten und Vulgaritäten wie »Schwurbler« – doch sie lagen verdammt oft richtig, von Anfang an.
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Als »verrückt« gilt einer, der von einem theoretischen oder praktischen Idealzustand fortgerückt ist – oder zumindest so wahrgenommen wird.

Ein fiktiver Wortwechsel zur Illustration:

Frage: »Warum steht der Tisch nicht dort, wo er üblicherweise im Raum steht?«
Antwort: »Der Tisch wurde verrückt, von seiner üblichen Position an eine andere.«

Der verrückte Tisch ist nicht da, wo wir ihn erwartet hätten, wo er eben noch stand.

Der als »verrückt« titulierte Mensch verhält sich in Gedanken, Worten, Entscheidungen oder Handlungen anders, als man es aufgrund bestimmter Vorgaben erwarten würde.

In jeder Gruppe von Menschen wird unentwegt eine Debatte darüber geführt, was normal und normgerecht genannt werden soll – und was man verrückt nennen will.

Und manchmal gehen die Meinungen darüber, was als normal gelten sollte, und was als verrückt – oder (ver-)quer – massiv auseinander.

Was, wenn man sich selbst in der Situation findet, dass die eigene Meinung und Weltsicht sich unvereinbar von der Meinung und Weltsicht unterscheiden, die Politik und Presse predigen?

Ja, dann gilt man eben als »verrückt«. Oder neudeutsch eben als »Schwurbler« oder »Querdenker«.

(K)eine Nachricht

Die skandalöseste Nachricht dieser Tage ist eine Nachricht, die notorisch ausbleibt: Es erweist sich täglich, dass die sogenannten Querdenker in schrecklich vielen Punkten richtig lagen.

focus.de, 2.4.2023 teasert aktuell sogar mit einer Überschrift, die Vernunft andeutet: »Hatten die Querdenker am Ende doch recht? Der große Faktencheck«, doch das Stichwort »Faktencheck« weist wieder darauf hin, dass Propaganda zu erwarten ist.

Focus zitiert eine »Wissenschaftlerin« mit einem Satz, dem es in seiner unwissenschaftlichen Dreistigkeit tatsächlich gelang, selbst mir abgebrühtem Essayisten die Sprache zu verschlagen: »Wenn nun zufällig ein Ergebnis herauskommt, von dem sie zwei Jahre zuvor ausgegangen sind, dann ist das der Fall eines blinden Huhns, das auch mal ein Korn findet.« (focus.de, 2.4.2023)

Die »Wissenschaftlerin« arbeitet wohl für ein Institut namens »Cemas«. Ich erwähnte jenes Institut schon einmal im Essay vom 18.1.2023.

Mir fiel Cemas schon mal damit auf, zuverlässig zu einem Schluss zu kommen, der ins Narrativ des Propagandastaates passt. Eine solche an Vulgarität grenzende Missachtung üblicher Standards einer produktiven Debatte unter vernunftbegabten Menschen ist selbst für einen Meinungsverein im deutschen Propagandastaat des Jahres 2023 bemerkenswert.

Wenn Querdenker nicht von Anfang an richtig gelegen hätten, hätte man sie widerlegen können, statt sie zu verfolgen und mit den Mitteln des Propagandastaates fertigzumachen.

Sicher, es gab ein paar Querdenker, die eher esoterisch unterwegs waren. Doch ich zumindest hörte meist Menschen, die sich auf sehr konkrete Fakten bezogen. Und die Widersprechenden waren ja nicht nur die Demonstranten. Es waren auch Ärzte und Wissenschaftler, bis hin zu Nobelpreisträgern.

Ein Nobelpreisträger, der innerhalb seines Fachgebiets eine korrekte Vorhersage macht, soll ein »blindes Huhn« sein? (Und was ist dann ein »sehendes Huhn«? Einer, der blind dem Staatsfunk vertraut?)

Leichter gesagt

Die üblichste Begriffsdeutung von »Wissen« in der Philosophie ist: »gerechtfertigte wahre Meinung«.

In der Logik des Propagandastaates konnten die Wissenschaftler und kritischen Bürger, die schon 2020 exakt vorhersagten, was man heute weiß, gar nicht wissen, denn ihre Meinung war nicht »gerechtfertigt«. Was akzeptieren die aber als Rechtfertigung?

Schon 2020 bezogen sich Narrativ-Zweifler auf Fakten und Wissenschaft – und auf logische Brüche in der offiziellen Argumentation. Doch ihr Wissen war angeblich keines, war nicht gerechtfertigt. Worin aber durfte die Rechtfertigung einer Meinung zur Covid-Panik liegen, wenn nicht in Fakten, Wissenschaft und Logik?

Ach, sprechen wir es aus: Im Propagandastaat ist eine Erkenntnis gerechtfertigt, wenn man sie vom Staatsfunk hört – und nicht gerechtfertigt (»blindes Huhn«), wenn man beim Gewinnen der Erkenntnis auf unabhängige Wissenschaftler und den eigenen Verstand baut. Als verrückt gilt, wer sich nicht verrückt machen lässt!

Und also ziehen wir aus der Coronapanik eine Lektion, die wenig überraschend ebenso für manch anderen Bereich der Gesellschaft gilt: Wenn die Gesellschaft verrückt wurde, wird sie dich einen Verrückten nennen.

Es liegt an mir, mich nicht zu verrücken, wenn ich keinen Grund dafür sehe.

In verrückten Zeiten ist die erste Pflicht, sich nicht verrückt machen zu lassen. Leichter gesagt als getan, ich weiß – und doch so wichtig!

Weiterschreiben, Wegner!

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