02.03.2022

Es geht nicht um DIE – es geht um das, was WIR sind

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Chuttersnap
Ich will nicht, dass Medien oder Meinungen zensiert werden. Das heißt nicht, dass ich die Meinungen oder gar Politik teile! Es heißt, dass ich nicht unter der Glasglocke eines Zensurstaates leben will. Es geht nicht um DIE – es geht um das, was WIR sind.
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2021 starb Donald Rumsfeld, und wenn ich den Namen Rumsfeld erwähne, dann ahnen treue Leser, welchen von ihm geprägten Begriff ich uns neu in Erinnerung rufe: die »unknown unknowns« (siehe etwa nato.int, 7.6.2002).

Ich erwähnte es etwa in meinem Zwischenstand-Essay von 2020:

Man begreift mit dem Älterwerden immer besser, was Rumsfeld meinte, als er vor den »unknown unknowns« warnte, also vor jenem, wovon wir nicht einmal wissen, dass wir es nicht wissen. (Essay vom 25.4.2020)

Nicht nur begreife ich inzwischen geradezu fühlbar die Schwere der unbekannten Unbekannten in unserem persönlichen Leben, und auch die Bedeutung für Gesellschaften, deren Realität von Propaganda geprägt wird, ich wage inzwischen sogar die These, dass die unbekannten Unbekannten einen wesentlichen Effekt jener Propagandaglocke darstellen, unter welche Teile der Welt in diesen Jahren gestellt zu werden drohen.

Weil wir nicht wissen

Dystopische Filme wie Matrix und Bücher wie 1984 sind aus der Perspektive des »allwissenden Erzählers« geschrieben. Wir als Betrachter und Leser wissen alles, was es zu wissen gibt. Also identifizieren wir uns auch mit den Helden, die ebenfalls den Durchblick haben, in populärer Kultur auch Red Pill genannt. Zusammen mit dem mehrwissenden Helden wundern und ärgern wir uns über all die Unwissenden, die sich dem zusätzlichen Wissen zu verweigern scheinen.

Das ironische Problemchen an unserer Logik ist, dass wir zugleich implizit oft genug genau denselben Fehler begehen, welchen wir den unwissenden Charakteren vorwerfen: Wir gehen davon aus, dass wir alles wissen, was zu wissen ist, ohne zu fragen, was und wieviel wir nicht wissen.

Auch in der Realität sind die meisten von uns eben nicht Neo oder der frühe Winston, zu oft bin ich einer der Unwissenden in den Batterien – oder Winston nach der Gehirnwäsche.

Wir sind zumeist nicht deshalb unwissend, weil wir böse wären, höchstens etwas emotional faul – wir sind unwissend, weil wir nicht wissen, was wir nicht wissen.

Der schnelle Info-Lockdown

Was haben die Irak-Kriege, die Covid-Panik und der aktuelle Krieg in der Ukraine gemeinsam? In allen Fällen wurde von Politikern und interessierten Parteien versucht, die Nachrichtenlage und damit die kollektive Realität zu »gestalten«.

Ob aktive Lügen wie die Brutkasten-Lüge in Kuwait, die Gleichsetzung von Gestorbenen »an Covid« und denen »mit Covid« oder die gelegentliche Lüge von der Nebenwirkungsfreiheit der mRNA-Injektionen: Immer wieder wurde versucht, eine »nützliche Realität« zu schaffen und später dann eine Informations-Glasglocke über die Bevölkerung zu stülpen – und man wird immer besser darin (wenn auch noch eine Menge »Luft nach oben« drin ist).

Während der für gewisse Kreise hochprofitablen Covid-Panik wurde versucht, in den sozialen Medien solche Nachrichten zu unterdrücken, welche das jeweils geltende Narrativ des Tages hinterfragen. In der Glasglocke darf es nur eine Wahrheit geben, und sei sie täglich wechselnd.

Zuvor hatte man in einem bis dato unvorstellbaren Machtbeweis den zu dem Zeitpunkt noch amtierenden US-Präsidenten Donald J. Trump aus Twitter ausgesperrt, um ihn außerhalb der Glasglocke erlaubter Wahrheit zu stellen – wohlgemerkt während etwa ein @khamenei_ir und andere sympathische Herren weiter twittern dürfen.

Aktuell wird der russische Staatsfunk aus diversen internetbasierten Medien ausgesperrt (siehe reuters.com, 1.3.2022). Was bei Covid-19 noch Jahre brauchte, wird im Fall des Ukraine-Krieges innerhalb von Tagen umgesetzt: Der schnelle Info-Lockdown, die Glasglocke.

Gar nicht etwas anderes

Es ist eine dumme und falsche, aber psychologisch mächtige Dichotomie, und sie schwingt immer wieder in der Verteidigung von Zensur: »Wer nicht für Zensur ist, der ist dafür, was zensiert werden soll.« – Nein, wer gegen Zensur ist, der ist damit weder für Covid noch für Putin. (Aber wer für Zensur ist, der ist darin zumindest Putin nicht ganz unähnlich.)

Die Voltaire zugeschriebene Haltung, wonach man sein Leben geben wolle, damit irgendwer seine Meinung verkünden darf, selbst wenn man dagegen ist, sie scheint mir etwas übertrieben.

Ich werde wahrlich nicht mein Leben geben, damit irgendein Gewissenloser seine Propaganda verkünden darf. Ein klein wenig mehr Vertrauen des Westens in die Kraft der eigenen Argumente und dann auch in das Urteilsvermögen der eigenen Bevölkerung hätte ich aber gern gesehen.

Noch gehe ich davon aus, dass die meisten Informationen, die wir zur Ukraine erhalten, stimmen (wenn auch einige im Internet kursierende Helden-Verehrungen zu Selenskyj mit Bildern aus dem Jahr 2021 illustriert werden und damit nah am »Fake« sind, wenn sie als einen aktuellen Einsatz illustrierend verstanden werden könnten, vergleiche etwa cbsnews.com, 11.4.2021 mit der Collage auf bild.de, 2.3.2022, Stand 2.3.2022; dazu auch usatoday.com, 28.2.2022).

Noch gehe ich davon aus, dass weitgehend stimmt, was wir erfahren – wie rational wird es aber sein, weiter davon auszugehen, wenn auch in diesem Fall über uns die Glasglocke gestülpt wird, noch schneller und effektiver als zuvor, und wir gar nicht etwas anderes erfahren können?

Immer und jeden Tag

Derselbe Donald Rumsfeld sagte 2011:

The natural state of man is to want to be free. To have opportunities. To have choices. (Donald Rumsfeld, nach cnn.com, 9.11.2011)

Zu Deutsch etwa:

Der natürliche Zustand des Menschen ist es, frei sein zu wollen. Möglichkeiten zu haben. Eine Wahl zu haben. (Donald Rumsfeld, nach cnn.com, 9.11.2011, meine Übersetzung)

Es ist eine jener Weisheiten, wie westliche Politiker sie gern aufsagen – wenn sie von anderen Ländern reden (im vorliegenden Fall sprach Rumsfeld über den sogenannten »Arabischen Frühling«) – in Bezug auf die eigene Bevölkerung aber sprechen westliche Politiker dann doch lieber von Pflicht, Notwendigkeit und Gehorsam.

Auch mein natürlicher Zustand ist es, frei sein zu wollen, Möglichkeiten und eine Wahl zu haben – zum Beispiel die echte Wahl, wo ich mich informiere, wo ich die offizielle Wahrheit abgleiche, wo ich prüfe, auch alle relevanten Perspektiven bedacht zu haben.

Ich will nicht, dass Informationen und Medien zensiert werden, auch und gerade wenn ich nicht deren Meinung teile, ich will nicht, dass meine Regierung mich unter eine vermeintlich schützende Glasglocke stellt. Eine Wahrheit kann doch, wie man so schön sagt, auf eigenen Beinen stehen – nur die Lüge braucht die Hilfe der Behörden, der diversen Konzerne und ihrer willigen Journalisten.

Wie kann ich mir denn ernsthaft eine Meinung bilden, wenn ich unter einer Informations-Glasglocke lebe, und gar nicht erst erfahre, wie viele »unbekannte Unbekannte« es gibt?

Menschen berichten mir im Brustton ehrlicher Überzeugung von ihrer Deutung aktueller Ereignisse, als ob es die einzig mögliche wäre. Heute teile ich ja deren Überzeugung, und doch denke ich bei mir: Weder du noch ich wissen, was wir alles nicht wissen, wir ahnen nur, dass es viel sein muss, viel und widersprechend, sonst würden sie es nicht verbieten wollen.

Ich bin Propaganda-Allergiker, ganz egal von welcher Seite die Propaganda geschaltet wird. Das heißt nicht, dass ich deren Aussagen oder Politik unterstütze!

Das Schlimmste an Zensur ist nicht in jedem Fall der Mangel an Informationen, wenn auch die Steuerung der öffentlichen Gemütslage durch Propaganda und Zensur immer erschreckendere Züge annimmt — das Schlimmste an Zensur ist oft schlicht die Pflicht des denkenden Menschen, im Wissen um Zensur und Propaganda allen Informationen zu misstrauen.

Einer der üblen Aspekte von Zensur und Propaganda ist schlicht die Frage, was Zensur und Propaganda aus der Gesellschaft machen, welche sie praktizieren.

Ich werde mich immer und jeden Tag gegen Zensur aussprechen, weil ich nicht unter der Glasglocke eines Zensurstaates leben will.

Die Debatte um Zensur dreht sich doch ganz wesentlich auch um die grundsätzliche Frage, was und wer wir sind – was und wer wir sein wollen.

Es geht nicht um die – es geht um uns!

Weiterschreiben, Wegner!

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