Dushan-Wegner

17.02.2023

Die Weltkarten

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, world class
Damals in der Schule gab es rollbare Weltkarten. Das war unser Multimedia – und das Zweitaufregendste, gleich nach der tickenden Uhr an der Wand. Wenn uns langweilig wurde, studierten wir, wo welches Land lag. Und dann wussten wir, wo welches Land lag.
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Wir hatten in der Schule damals gerollte Weltkarten.  In der Schule meiner Kinder haben sie heute große digitale Displays. Auf denen schreiben sich mit einem elektronischen Stift digitale Zeichen. Und man kann alles anzeigen, was man anzeigen will, inklusive Weltkarten.

Wir hatten Weltkarten aus bedrucktem Papierstoff. Die waren auf Stöcken gewickelt. Manchmal brachte der Lehrer die Karten selbst mit. Er zeigte mit dem Stock auf die Karte, das war damals Multimedia.

Die Weltkarte blieb aber die gesamte Stunde über vorn hängen, am speziellen Kartenhalter mit der Weltkartenzange.

Nicht immer nutzte der Lehrer die mitgebrachte Karte. Manchmal verlor er sich in Geschichten aus seinem Leben. Je nach Lehrer oder Schüler waren diese Geschichten mal faszinierend, mal öde, und nicht selten zusätzlich auch traurig bis tragisch.

Ob der Lehrer nun Geschichte oder Geschichten erzählte, die Weltkarte bot manchem Schüler die Gelegenheit, in Gedanken abzudriften. Alle Ablenkungen, die uns unter die Schulbank blicken ließen, also damals Comics, nicht Smartphones, wären ja aufgefallen. Der Geist nimmt, was man ihm gibt. Und wenn die Weltkarte das zweitaufregendste Ding im Raum ist, gleich nach der dahintickenden Uhr, dann studiert der Geist eben die Weltkarte.

Nach der Stunde, während wir in die kleine oder große Pause aufbrachen, rollte der Lehrer die Karte wieder ein. Die Karten waren wertvoll, und die Lehrer teilten sich diese wichtigen Werkzeuge. Nein, die Karten durften auf keinen Fall im Klassenzimmer hängen bleiben. Dann wären sie ja nichts Besonderes mehr. Und ein unerzogener Schüler hätte sich ja erdreisten können, die Weltkarten weiterzuzeichnen. Man denke sich nur aus, welche frechen neuen Ortschaften dem pubertierenden Geist so einfallen!

Der Lehrer brachte die Karte wieder weg, und anschließend sich ins Lehrerzimmer, wo er eine rauchte. Damals durfte man im Lehrerzimmer noch rauchen.

Gelegentlich wurde ein Schüler zum Kartendienst bestimmt, wofür er zum Kartenholen ins Kartenzimmer ging.

Im Kartenzimmer stand die ganze Welt und ihre Geschichte, aufgerollt und etwas muffig, aber gern und willig zum lehrenden Einsatz bereit. Und sollte eine Karte fehlen, so gab es zentrale Stellen in der Stadt, da konnten Lehrer sich gerollte Weltkarten leihen!

Beschriftet waren die Kartenrollen mit den Namen der Erdteile, und der geschichtlichen Epochen bei geschichtlichen Karten.

In den Jahren vor meinem Abitur wurden alle Europa- und Deutschland-Karten zu historischen Karten.

Sogar der Globus, den meine Eltern meiner Schwester und mir gekauft hatten, wurde historisch. Man sah es nur, wenn man sehr genau in Deutschland hinschaute. Und wenn man es wusste. Natürlich wusste man es. Und wenn es einen kümmerte. Es kümmerte einen überraschend wenig.

Die Tatsachen oder Ereignisse, für welche die Strichlein, Buchstablein und Farbflächlein auf dem Plastikglobus stehen sollen, die kümmerten einen durchaus. Aber nicht mehr, ob sie genau »richtig« waren.

Weder die Schule noch meine Eltern hatten es eilig, neue Weltkarten oder einen Globus zu kaufen.

Man ahnte, dass es bald wieder anders werden könnte. Meine These ist ja, dass Herr Soros diese Farbrevolutionen finanzierte, weil er in Hersteller von Papierweltkarten und Plastikgloben investiert hatte.

Die Welt ist heute eine andere, nicht nur hinsichtlich der Grenzen im Osten Europas.

Was manchen Geschichtslehrer weit mehr belastet als ein paar neue Ländernamen: Lehrer dürfen nicht mehr im Lehrerzimmer rauchen. (Die Schüler merken es ja eh nicht, wenn man »Tschechei« oder gar »Tschechoslowakei« sagt, doch wenn man im Lehrerzimmer raucht, wird garantiert einer petzen.)

Und wir wurden mit dem Internet gesegnet.

Weltkarten und die Grenzen auf diesen werden jetzt automatisch ausgetauscht. Wir sagen aber nicht »ausgetauscht«, sondern »aktuell gehalten«. Ob Ozeanien sich im Krieg mit Eurasien oder mit Ostasien befindet, es war auf jeden Fall schon immer so. Wenn du das nicht glaubst, schau auf die aktuelle Weltkarte im Internet.

Ich bin kein Maschinenstürmer. Ich halte nicht an Methoden und Werkzeugen fest, sondern an Zielen und Werten. Meine Aufgabe ist, mit meinen Lesern klüger zu werden. Wenn neue Technologien das Klügerwerden erleichtern, dann will ich es begrüßen.

Erleichterung bedeutet aber, dass man etwas loswird, was als Beschwernis empfunden wurde. Einen Nachteil. So wie man die beschwerlichen Ballaststoffe aus dem Mehl entfernt, um leichtes, helles Mehl zu haben.

Und dann stellt man fest, dass dem Körper ohne die Ballaststoffe etwas fehlt.

Nein, ich bin nicht für die Wiedereinführung der gerollten Wandkarten. In so mancher Schule, auch in Deutschland, wird es sie wohl noch geben.

Doch ich will mir zumindest dessen bewusst werden, was wir verlieren, wenn wir von einer Technologie in die nächste wechseln.

Man muss nicht Autos durch Pferdekutschen zurückersetzen wollen, um anzuerkennen, dass Pferde einen eigenen Charme bieten, eine sehr direkte Verbindung zur Natur. Ich schreibe gern und viel digital, doch wer wird bestreiten, dass handschriftliche Briefe viele Inhalte und Gefühle transportieren, die elektronische Nachrichten gar nicht haben können?

Könntest du auf Anhieb sagen, wie viele Bildschirme in deinem Haushalt blinken? Viele von diesen sind vermutlich mit dem Internet verbunden. Das Wissen der Welt, in Sekunden verfügbar.

Weißt du, ohne es im Internet zu suchen, dass die russische Stadt Kaliningrad um etwa 80 Kilometer Luftlinie näher an Berlin liegt als München? Ich fürchte, nur jene Semester unter uns, die zur Entspannung über papiernen Weltkarten meditierten, sehen vorm geistigen Auge, dass es eine russische »Kaliningrad-Enklave« gibt, und dass diese in der kürzesten Luftlinie (via luftlinie.org) nur etwa 350 Kilometer von Deutschland entfernt liegt.

Es ist eine Kleinigkeit, die Sache mit den Weltkarten, ich weiß.

Das Leben besteht aus vielen Kleinigkeiten.

Und im Rückblick sehen Menschen, dass die vielen Kleinigkeiten sich zu einem Muster anordnen, zu Linien, teils sich kreuzend, erstaunlich oft mit gemeinsamem Fluchtpunkt. Die Details unseres Lebens bilden eine eigene Weltkarte.

Diese eigene Weltkarte sollten wir öfter studieren. Genauso wie die Karten damals in der Schule bilden diese immer nur den jeweiligen Stand der Geschichte ab. Und anders als bei den Karten in der Schule sind diese Karten nicht abgeschlossen, solange wir leben, und es liegt an uns, sie weiter und fertig zu malen.

Weiterschreiben, Wegner!

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