Dushan-Wegner

21.09.2023

Bleiben, wenn es grollt

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten
Nehmen wir an, Sie leben gemütlich in Ihrem Dorf, da spüren Sie das erste Grollen des nahen Vulkans. Was tun Sie? Fliehen oder bleiben? Nehmen wir an, Sie bleiben. Der Vulkan bricht aus. Die Lava fließt aufs Dorf zu. Wieder die Frage: Was tun Sie?
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Vulkane brechen selten plötzlich und unerwartet aus. Tatsächlich kündigt sich der Ausbruch an, ob Stunden, Tage oder sogar Monate zuvor.

Die Erde rumort. Kleinere Beben. Grummeln. Die Tiere wollen fort.

Wenn Menschen einen Vulkan erleben, dann existiert der Vulkanberg meistens schon, weil die Erde sich schon früher einmal an dieser Stelle öffnete und Lava spie. Und Lava ist nichts anderes als geschmolzener Stein.

Nach dem Rumoren und nach den Warnungen löst sich der erkaltete Pfropfen vom letzten Mal. Der Berg explodiert. Giftiger Rauch, herausgeschleuderte Brocken, die Splitter der alten, ausgehärteten Lava.

Und dann fließt wieder neue Lava. Wer den erneuten Ausbruch überlebt, fragt sich: Wie weit wird die Lava diesmal fließen?

Wir aber, die wir solche Berichte hören, fragen uns: Was dachten sich eigentlich die Menschen, die das erste Grollen hörten, aber nicht flohen, sondern darauf hofften, dass es sie schon nicht erwischt?

Wie Sie vielleicht wissen, wurde die kanarische Insel Lanzarote im 18. und frühen 19. Jahrhundert über Jahre hinweg von Vulkanausbrüchen heimgesucht.

Doch in der Zeit lebten Menschen dort! Der Pfarrer der damaligen Inselhauptstadt Yaiza nahm sich die Zeit, die Ereignisse zu beschreiben (siehe Wikipedia).

Etwa in der nördlichen Mitte von Lanzarote liegt der Ort »Mancha Blanca«, und in diesem Ort steht eine Kapelle namens »Ermita Virgen de los Dolores« (siehe Google Maps und Street View).

Diese kleine Kapelle wurde gebaut zum Dank dafür, dass bei den Vulkanausbrüchen im Jahr 1736 die Lavaströme kurz vor dem Dorf haltmachten.

Ein Wunder! Und es geschah natürlich dank der Marienstatue, mit welcher die Einwohner den Lavaströmen entgegengingen.

Wir sind heute natürlich aufgeklärte Menschen und schmunzeln darüber ein wenig. Wir Logiker denken an all die anderen Dörfer, denen es wenig genützt hatte, Marienstatuen gegen die Lava hochzuhalten.

Ja, ich schmunzle darüber, und doch beginne ich zu verstehen. Sehr gut zu verstehen.

Es gibt einen Punkt im Leben eines Menschen, an dem er versteht, warum sich die Menschen von Mancha Blanca im Jahr 1736 der Lava in den Weg stellten, statt zu fliehen.

Ich wäre wahrscheinlich geflohen. Oder vielleicht auch nicht. Mich zieht ja seit jeher zum Vulkan hin. Aber ja, zu fliehen wäre jedenfalls die »vernünftigere« Lösung.

Und doch: Ich verstehe die Menschen, die in der Hoffnung blieben, die Lava würde sie verschonen.

Diese Menschen hatten ebenso das  Grollen gehört, lange vor dem Ausbruch. Und doch waren sie geblieben. Diese Menschen sahen die heranrollende Lava. Und doch blieben sie und hielten ihre Marienstatue hoch. Das tat man wahrscheinlich auch in anderen Dörfern, aber die Einwohner von Mancha Blanca hatten damit »Erfolg«.

Wieviele Dörfer liegen unter der Lava, an denen diese nicht innehielt? Ach, über die sprechen wir nicht.

Wir sprechen über die Wunder! Wir gedenken der Wunder. Wir hoffen aufs Wunder, indem wir bleiben.

Wir sehen die Ereignisse um uns herum. Wir sind ratlos und zur Tat entschlossen – beides zugleich, beides mehr denn je. Wir machen uns so unsere Gedanken.

Und wir wollen den Ratschlag von Leonard Cohen anwenden, den ich auch im Epigraph des Romans »Warteraum 254« zitiere: »Wenn sie Informationen von dir fordern, genau dann stell dich dumm! Sag ihnen, dass du auf das Wunder wartest – das Wunder, das noch kommen wird.«

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