Dushan-Wegner

22.10.2023

Wenn wir nichts tun

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Bild: »Zeit! Verschwendung!«
Begriffe verlieren Bedeutung. Duckmäusertum heißt heute »Zivilcourage«, und wer Ideologie ablehnt, ist »Nazi«. Wenn ein »Antisemit« aber einer ist, der gegen Bill Gates protestiert, sind die jungen Männer von Neukölln alle nur Impfgegner?
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Langeweile ist der Hunger des Geistes nach äußerer Stimulation, nach Reizen, nach Neuem.

Hunger und Langeweile schmerzen beide. Der evolutionäre Sinn des Schmerzes liegt darin, uns anzutreiben, den Zustand zu beheben, der diesen Schmerz auslöst

Der Hunger soll uns motivieren, uns neue Nahrung zu suchen – und die Langeweile soll den Geist antreiben, es ebenso zu tun.

Doch der Körper braucht auch den leeren Magen, täglich und für viele Stunden! Und auch der Geist braucht regelmäßig Phasen reduzierter Stimulation. In der wohldosierten Langeweile kann der Geist sich selbst ordnen, um dann wieder wirklich neue Ideen hervorzubringen.

Für den notwendigen Hunger des Körpers haben wir früher die Regel etabliert, nach einer bestimmten Uhrzeit nichts mehr zu essen. Heute nennt man diese kluge Praxis neumodisch »Intervallfasten«.

Für den notwendigen Hunger des Geistes sind wir früher spazieren gegangen. Oder wir haben uns auf Balkon oder Terrasse gesetzt, um dort nichts zu tun. Durch Smartphones aber sind allerdings diese »Un-Tätigkeiten« verdorben.

Auch deshalb praktizieren einige Leute heute Meditation (bisweilen absurderweise mit iPhone-App).

Und man kann es kaum ohne ein Schmunzeln berichten: Die jungen Leute von heute haben einen neuen »Trend« entdeckt: das »Silent walking« (nypost.com, 15.10.2023).

»Silent walking« bedeutet »Stilles Gehen«.

Beim »Silent walking« geht der Trendbewusste schlicht eine Runde um den Block – doch er/sie/divers lässt dabei sein iPhone daheim! 😱🤯💡

(Anschließend berichtet er/sie/divers drei Tage lang auf allen Social-Media-Kanälen, wie aufregend das »Silent walking« doch war.)

Worte zu Kaugummi

Früher also, als Kinder noch Langeweile haben durften, brachte ebendiese sie dazu, eigene Spiele zu erfinden und diese dann auch zu spielen.

Zwei Stöcke und eine Decke konnten, mit Phantasie und im Rückgriff auf die Einschlafgeschichte vom Vorabend, zum Unterhaltungsprogramm für ganze Sommernachmittage werden – bis die Mutter zum Abendessen hereinrief. Es ist nicht ganz dasselbe wie die über ihre teuren Smartphones gebeugten Grüppchen von Scheidungskindern, die TikTok-Videos gucken. Immerhin kennen diese Seelchen keine »Langeweile«.

Einige Spiele kamen mit nichts als Sprach- und Denkvermögen aus, etwa das – Vorsicht, Nostalgie-Alarm – »Teekesselchen«, bei dem man Worte raten musste, die unterschiedliche Dinge bedeuteten. (Zum Spaß, ein geistreiches Teekesselchen für Sie: Es braucht bisweilen Langeweile. Nächtens spukt es. Es zeugt von Charakter, und zur Stärkung desselben wird es bisweilen hochprozentig genossen. Was ist es?)

Und ein ganz besonderes Spiel war eigentlich eine sprachphilosophische Studie mit nur einer einzigen simplen Regel: Wiederhole ein Wort so lange, bis es nichts mehr bedeutet.

Was bedeutet »Bonbon«?

Nehmen wir etwa das Wort »Bonbon«. Beim ersten Hören und Sagen denken wir an die harte Süßigkeit. Das Wort könnte Erinnerungen wecken, wieder an die Kinderzeit. Ich denke an »Kamelle«, also die von den Karnevalisten bei Umzügen geworfenen Süßigkeiten.

Doch wenn wir das Wort »Bonbon« oft genug wiederholen, schwindet mit jeder Wiederholung der Bezug des Lautes zur Süßigkeit.

»Bonbon« wird zum Geräusch. Zweimal »bon«. Erst der Mund gespitzt. Dann ein nasaler O-Laut. Dann diese summende Vibration des halb-französischen N, mit der Zunge unten aufliegend, und nicht vorn verschließend wie etwa bei »Bonn«. (Ceterum censeo Berolinum movendum fuisse errorem.)

Ein Wort wiederholen, bis es nichts mehr bedeutet, und dann darüber lachen. Ja, so wenig schon galt uns damals als Spiel.

Was bedeutet »Antisemitismus«?

Ich nenne Deutschland einen Propagandastaat. Dieser Begriff soll bedeuten, dass der Bürger praktisch von klein auf, in praktisch allen wachen Momenten und in praktisch allen Kontexten von Propaganda umgeben ist.

In den letzten drei Jahren gab die deutsche Regierung über eine halbe Milliarde Euro für Propaganda aus – zum guten Teil für Projekte, die für befreundete Konzerne profitabel sind (siehe nzz.ch, 13.5.2023).

Für Millionen von Deutschen fühlt sich Propaganda so selbstverständlich an wie den Fischen das Wasser. Deshalb werden sie zuerst leugnen, dass sie von Propaganda indoktriniert sind. Und sie werden denjenigen bekämpfen, der vorschlägt, sie zumindest geistig aus der Propaganda herauszunehmen.

Eine von Orwell in »1984« prototypisch illustrierte Technik der Propaganda ist die Neudefinition der Bedeutung von Begriffen.

Wir erleben im deutschen Alltag die Umkehr etwa der Bedeutung von »Zivilcourage«. Heute sind es die Mitläufer und Bücklinge, die von Politik und Propaganda für ihre »Zivilcourage« gelobt werden.

»Links« und »Rechts« wurden in ihrer politischen Bedeutung praktisch ausgewechselt. »Linke« stehen für tumbe Gehirnwäsche und für die Vertretung der Interessen von Kriegsherren, Banken und Konzernen. Die »Rechten« stehen dagegen heute für Intellektualität, wie auch die »linke« Propaganda zugestehen muss (siehe etwa deutschlandfunkkultur.de, 20.7.2016) – und zugleich für die Interessen des »kleinen Mannes«, was einst als »typisch linker« Spagat galt (siehe deutschlandfunkkultur.de, 5.10.2019). Dies muss einer »Arbeitervertreterin« wie Yasmin Fahimi, die laut Wikipedia keinen Tag ihres Lebens wertschöpfend arbeitete, natürlich reichlich missfallen (merkur.de, 19.10.2023).

Einigen ihrer zentralen Wörter hat die Propaganda durch dauernde Wiederholung die Bedeutung und den Schmerz genommen.

Bekanntestes Beispiel ist wohl »Nazi«, das nun für jeden verwendet wird, der einen eigenen Gedanken zu formulieren wagt und gegen die herrschende Ideologie aufbegehrt – also charakterlich das Gegenteil des historischen »Nazi« darstellt. (Siehe auch den Essay »Was ist ein ›Nazi‹?« vom 18.1.2017.)

Als sich auch »Rechtsextremer« und sogar »Faschist« als universelle Propaganda-Schimpfwörter für Andersdenkende und Freiheitliche abgenutzt hatten, positionierte die vom Propagandastaat mit viel Geld finanzierte Stiftung der Ex-Stasi-Kahane das ultimative deutsche Übelwort: Kritik an der Impfpolitik (und Beziehungen eines Bill Gates zu Pharmakonzernen) sind »Verschwörungsideologien« und »immer auch antisemitisch«.

Stefan Homburg (siehe @SHomburg, 21.5.2023) vergleicht diese Taktik der ehemaligen Stasi-Mitarbeiterin Anetta Kahane mit der »Zersetzung«.

Nach stasi-unterlagen-archiv.de war »Zersetzung« in der DDR eine »Methode der verdeckten Bekämpfung von Personen und Personengruppen, die vom MfS als ›feindlich-negativ‹ angesehen wurden«, um »gegnerische Kräfte zu zersplittern, zu lähmen, zu desorganisieren und sie untereinander und von der Umwelt zu isolieren«.

Nun, da die »gegnerischen Personen« des deutschen Propagandastaates oft genug die blanke Faktenlage und den gesunden Menschenverstand auf ihrer Seite haben, gelingt Kahane & Co. keine vollständige Lähmung, nur eine Trennung zwischen Politik und Vernunft, zwischen offizieller und tatsächlicher Wahrheit – und mehr brauchen ihre Geldgeber ja für den Moment nicht.

Doch nebenbei erreicht Kahane noch etwas, und das ist ein regelmäßiger Kollateralschaden von Propaganda: Auch das Wort »Antisemitismus« hat seine Bedeutung verloren.

Nun sind sie da

Exakt wie die ach so bösen »Rechten« gewarnt hatten, marschieren in Deutschlands Straßen tausende »junger Männer«, die keinen Hehl daraus machen, dass sie Juden töten und Israel ausradieren wollen. (Der Vollständigkeit halber: Einige von denen wollen die »Yahud« als Erstes töten, doch die »Kuffar« kommen gleich danach. Selbst eure zynischsten Illusionen wären nicht gerechtfertigt.)

Als »Nazi« durch die dauernde Wiederholung als universelles Propagandawort seine Bedeutung verlor, fragte man sich: Okay, wenn sogar Kinder von Holocaust-Überlebenden sich von Hirse-Sören als »Nazis« beleidigen lassen müssen, wenn sie der Propaganda widersprechen, wie nennen wir nun »richtige« Nazis? – Nun, da es in Deutschland, anders als etwa in der Geldwaschmaschine Ukraine, sehr wenige sichtbare »echte« Nazis gibt, war das bislang ein Nischenproblem. (Die meisten von uns kennen die typischen Neonazis mit Glatze und Springerstiefeln optisch ohnehin nur aus den Propagandafilmchen des Staatsfunks. »Nazi-Darsteller fürs TV« gilt in Köln als Was-mit-Medien-Beruf.)

Bei dem verbrauchten Wort »Antisemitismus« haben wir nun allerdings eine tatsächliche Bedeutungslücke.

Die Antisemiten, die regelmäßig in Deutschlands Toleranz-Hotspots randalieren und schon mal »Tod den Juden« brüllen (zeit.de, 10.10.2023) – sind das alles Bill-Gates-Kritiker und Impfgegner?

Vielleicht sollten sich die jungen Männer lieber im »Stillen Gehen« üben – doch woher käme dann deren Selbstwertgefühl?

Oder etwas ernsthafter: Wenn nach Kahane ein »Antisemit« jemand ist, der Bill Gates und Zwangsimpfungen kritisiert, wie nennen wir die Leute, die deutsche Straßenzüge in Flammen setzen und Israel ins Meer drängen wollen?

Mehr Hunger bitte

Wer seinem Magen nie eine Pause gönnt, wird erst dick und dann krank werden. Wie schön ist es doch, den Hunger stillen zu können – doch dafür muss man erst mal wieder Hunger entwickeln!

Wer seinem Geist nie etwas Ruhe gönnt, wird seine Gedanken nie sammeln können, um dann selbst zu denken.

Genau das ist ja der Zweck der Propaganda-Beschallung rund um die Uhr auf allen Kanälen! Wer unaufhörlich mit Stress und Skandalisierung beschäftigt ist, hat weder Zeit noch Kraft, selbst zu denken.

Durch dauernde Wiederholung verlieren Wörter ihre Bedeutung. »Nazi« bedeutet nichts mehr, »Antisemit« auch nicht. Nichts bedeutet nichts mehr, denn es zählt immer nur eine Unterscheidung: Gehorchst du blind und bist bereit, deine Gene anpassen zu lassen, deine Wohnung aufzugeben, deine Kinder und dein Land zu opfern – oder bist du »böse«?

Wir brauchen mehr Ruhe.

Deutschland wäre zu retten gewesen, wenn mehr Menschen sich mehr Zeit zum Denken genommen hätten. Etwas erholsame Langeweile, um den Hunger nach Erkenntnis zu wecken.

Mütter nach der Geburt – und ihre Männer – kennen den Zustand, den man im Englischen das »mommy brain« nennt (whattoexpect.com). Die Umnebelung des Geistes, bedingt durch Erschöpfung und Rund-um-die-Uhr-Aufmerksamkeit für den Säugling.

Wir sind ähnlich benebelt durch Stress und Propaganda, und dass Worte ihren Sinn verlieren, ist nur ein Effekt davon. Der gefährliche Effekt der Dauerbeschallung durch Propagandalügen ist doch, dass wir, erschöpft und hilflos, das alles zulassen.

Heimlich abgucken

Einer Sache bin ich mir sicher: Wenn es besser oder auch nur erträglich werden soll, müssen wir neu lernen, uns eine Auszeit zu nehmen, in Ruhe nachzudenken.

Ein Thema wirklich durchdenken. Vielleicht heimlich bei den jungen Trendsettern etwas abgucken und »stilles Gehen« probieren.

Wenn Sie diesen Essay bis hierhin durchgearbeitet haben, besitzen Sie zweifellos die Fähigkeit, ein Thema über die erste Aufregung hinaus zu durchdenken.

»Was wird sein?«, so fragen wir uns, und die Antwort ist, nach Art der Juristen: »Es kommt drauf an!«

Die nächste Frage ist dann: »Worauf kommt es an?«

Es kommt darauf an, ob wir uns wieder mal die Zeit zum Nachdenken nehmen.

Zum produktiven Nichtstun (gleich nach dem Leserbeitrag).

Vielleicht sogar ein Spiel spielen.

Wieder ein Spiel.

Wie früher.

Weiterschreiben, Wegner!

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