15.09.2021

Bemitleidenswerte Anstrengung in einem elenden Kampf

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten, Foto von Jonathan Cooper
Die Mächtigen haben ihren »Willen zur Macht«, und es funktioniert für die. Wovon wir heute mehr bräuchten, wäre ein »Wille zur Wahrhaftigkeit«!
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Es ist nun bald fünf Jahre her, und ich weiß nicht, ob Herr Kasparov heute noch so sprechen würde, doch im Dezember 2016 notierte der frühere Schachmeister und nun freischaffender Politiker dies:

The point of modern propaganda isn’t only to misinform or push an agenda. It is to exhaust your critical thinking, to annihilate truth. (@Kasparov63, 13.12.2016 / archiviert)

Zu Deutsch etwa:

Der Zweck modernder Propaganda ist nicht nur dich zu misinformieren oder Absicht durchzudrücken. Der Zweck ist, dein kritisches Denken zu erschöpfen, die Wahrheit auszulöschen. (@Kasparov63, 13.12.2016; meine Übertragung aus dem Englischen)

Die Erschöpfung des Willens durch Propaganda ähnelt der »asymmetrischen Demobilisierung« des deutschen Wahlkampfes. Die wiederum hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag, und der beschreibt es als »eine Wahlkampfstrategie«, »die darauf abzielt, durch das Vermeiden von Stellungnahmen zu kontroversen Themen die potenziellen Wähler des politischen Gegners so weit zu demotivieren, dass sie vom Wahlgang absehen«.

Weiter! Ein Edmund Burke (siehe Wikipedia) zugeschriebenes Zitat besagt:

All that is necessary for the triumph of evil is that good men do nothing. (Pseudo-Edmund-Burke)

Zu Deutsch etwa: »Alles was es braucht für den Sieg des Bösen, ist dass die Guten nichts tun.«

Nein, es ist wohl nicht wirklich von Burke. Die Inspiration zu jenem zugeschriebenen Zitat stammt vermutlich aus einer Burke-Schrift von 1770, und dort heißt es:

When bad men combine, the good must associate; else they will fall, one by one, an unpitied sacrifice in a contemptible struggle. (Edmund Burke, Thoughts on the Cause of the Present Discontents

Zu Deutsch, recht frei übertragen:

Wenn böse Leute sich zusammentun, müssen sich die Guten verbünden, sonst werden sie einer nach dem andern fallen, eine wenig bemitleidenswerte Anstrengung in einem elenden Kampf.

Tun sich die Bösen wirklich zusammen, wie Edmund Burke es sagt? Vielleicht wäre es präziser, zu sagen, dass die Interessen dieser Leute von Zeit zu Zeit in die gleiche Richtung zeigen.

Die Bösen haben ihre Interessen, und es hilft deren Interessen sehr, wenn die Propaganda unseren Geist erschöpft, bis uns egal ist, was wahr ist und was falsch.

Gelegentlich mögen die Bösen in Konkurrenz zueinander stehen, doch am Ende des Tages, wenn sie in ihren feinen Restaurants dem Hummer die Arme abbrechen, wenn sie dem Tier dann das Fleisch aus den Gliedmaßen pulen, wenn sie das zarte weiße Fleisch zwischen ihre teuren Zähne befördern und es mit feinem Blubberzeug herunterspülen, am Ende eines solchen Tages, fernab von unseren Sorgen und fernab von den nur für uns geltenden Regeln, da wissen die Bösen genau, dass der Kuchen groß genug ist, solange sie nur die Mehrheit des Volks von uns demobilisiert halten.

Die Bösen aller Zeiten mögen von etwas getrieben sein, das wie eine banale Auslegung dessen wirkt, was ein guter Philosoph den Willen zur Macht nannte. Dass sie ihre Macht zu ihrer ersten Motivation und zu ihrer letzten Moral setzen, das macht sie böse. Wir wollen uns dennoch nicht die »Guten« nennen. Die »Guten«, das ist ein Wort, den die Bösen heute im Geist der totalen moralischen Zermürbung für sich gleich mit besetzt haben.

Wir, die wir uns nicht die Guten nennen und doch Gutes tun wollen, wir täten gut daran, unseren Willen zur Wahrhaftigkeit zu pflegen.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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