Dushan-Wegner

22.06.2023

Tägliche Wurzelbehandlung

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Bild: »Welcher tut denn weh?«
Die Schere zwischen realer Realität und dem aggressiv durchgesetzten linken Narrativ öffnet sich täglich weiter. Es ist geradezu schmerzhaft! Wie gehen Sie damit um?
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Wenn Sie zum Zahnarzt gehen, hoffentlich regelmäßig, dann wird der Zahnarzt immer wieder dieselben Dinge tun: Zähne auf Schäden prüfen, die Schäden reparieren, so medizinisch möglich, oder neue Zähne einsetzen, so finanziell möglich. Und er wird Ihnen immer wieder empfehlen, täglich Zahnseide einzusetzen.

Ach, wäre es schön, wenn man alle Zahnarztbesuche seines Lebens auf einmal und komprimiert erledigen könnte! Aber nein, so funktioniert diese Angelegenheit nicht. Wir müssen wieder und wieder hin. Wir müssen prüfen (lassen), ob noch alles funktioniert. Wir müssen reparieren (lassen), was nicht mehr funktioniert. Und wir wollen so lange wie möglich »kraftvoll zubeißen« können – oder zumindest halbwegs schmerzfrei bleiben.

Vom Jucken

Wenn Sie aber – verständlicherweise! – ungern über Zahnschmerzen reden, dann betrachten wir doch das simple Jucken als Metapher.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein verglich nämlich die Philosophie mit einem »Kratzen«, das anzuwenden sei, wenn es einen juckt. Daraus ergibt sich aber, dass es naiv wäre zu hoffen, wenn man sich nur einmal gründlich kratzt, würde es nie wieder im Leben jucken.

Die Philosophie aber ist nicht mehr – und nicht weniger! – als geordnetes Nachdenken über alltägliche Phänomene. Wo der unbedarfte Mensch »natürlich existiere ich« sagt, da zweifelt der Philosoph und will ebendiese Fragen mit einem begründeten Argument belegen.

Eine der Angelegenheiten aber, die Sie und mich in Deutschland immer und immer wieder »jucken«, ist das Auseinanderdriften von offizieller Wahrheit auf der einen Seite und dem simplen Augenschein, gepaart mit Erfahrung und Vernunft, auf der anderen Seite.

Gott schütze die Königin

In Deutschland fungieren Talkshows als Ersatzparlament, und Debatten zu aktuellen Themen werden dorthin verlagert. Dem Moderator im Propagandastaat aber obliegt es, so ließe sich sich zynisch zuspitzen, das Gespräch derart zu leiten, dass das Ergebnis »natürlich« das gewünschte Narrativ bedient.

Diese Woche berichtete etwa eine Verwaltungsfachangestellte bei »Hart aber fair« vom deutschen Alltag, dass ihr in  »Brennpunktstraßen« in fremden Sprachen etwas hinterhergerufen wird, was sie nicht versteht, aber offenbar anzüglich und sexuell aggressiv gemeint ist.

Der Moderator von »Hart aber fair«, Louis Klamroth, würgte die berichtende Frau süffisant ab: »Sprechen Sie kein Englisch?« (@a_nnaschneider, 20.6.2023)

Wir stellen wahrlich nicht das erste Mal fest, dass die reale Realität in deutschen Städten und die Tralala-Realität der deutschen Propaganda auseinandergehen – und doch juckt es mich jedes Mal aufs Neue. Also kratze ich jedes Mal aufs Neue. Notiere es, versichere mir selbst, dass die Hand vor meinen Augen meine Hand ist – dass der Fall ist, was der Fall ist, und nicht, was irgendjemandes Großneffe im TV als solche verkündet.

Die parallele Propaganda-Realität wird ja nicht nur bezüglich Deutschland aufgebaut. Jahrelang verbreiteten ARD, ZDF und der Rest des Mainstreams wilde Fake-News und allgemeinen Hass gegen Donald J. Trump.

Trump brachte Frieden, das machte einige Kreise sehr wütend. Mit dem dementen Biden ist wieder mehr Krieg möglich. Die Energie, mit welcher man Trump beschimpfte, wird jetzt eingesetzt, um zu leugnen, dass Joe Biden ein dementes Wrack ist.

Vollständig lassen sich die Symptome nicht ignorieren, also berichtet man zwar darüber, redet dem deutschen Zuschauer jedoch wieder ein, dass er nicht gesehen hat, was er selbst gesehen hat.

Im Ersatzparlament »Markus Lanz« wurde jüngst eine Szene eingespielt, in der Joe Biden eine Rede schloss mit »God save the Queen«. Und dann versuchte man, dies als ironischen Scherz umzudeuten, statt als Hinweis darauf, dass Biden schlicht nicht weiß, wer und wo er ist (zdf.de, 21.6.2023, ca. Minute 20).

Dass du falschliegst

Der Unterschied zwischen medialer und realer Realität bereitet mir immer wieder neue Zahnschmerzen.

Ja, »Schmerzen« ist das richtige Wort. Oder auch Wut, mit dem Beigeschmack von Verzweiflung. Man möchte die liebenswürdige deutsche Mehrheit an den Schultern packen, sie gründlich schütteln und ihr ins Gewissen brüllen: »Warum lasst ihr euch derart verar…en?! Was stimmt mit euch nicht?!! Sonst seid ihr doch so intelligent …«

Doch die Mehrheit eines Volkes lässt sich nicht an den Schultern greifen – schon gar nicht, wenn Propaganda und Behörden die Leute an den metaphorischen Eiern halten. Zu und mit den Deutschen zu reden, erfüllt einen schon mal mit einer Hilflosigkeit, als ob man mit einem Selbstmörder spricht, der sich besondere Turnschuhe anzieht und vergiftete Limonade trinkt – aber überzeugt ist, dass du falschliegst, weil du dich nicht wie er auf den nahenden Weltuntergang vorbereitest.

Immer noch besser

Ich schlucke also Wut und Hilflosigkeit hinunter – und erfinde griffige Metaphern wie die von den Zahnarztbesuchen. Oder ich bediene mich bei Metaphern größerer Denker, wie Wittgenstein und seinem philosophischen Jucken.

Doch ich erfahre aus Gesprächen, dass nicht nur ich an »philosophischen Zahnschmerzen« leide.

Wir müssen uns täglich neu versichern, dass Worte einen Sinn haben, auch wenn sie in Medien und politischen Debatten zunehmend den Charakter emotional aufgeladenen Lärms annehmen.

»Am Ende gewinnt immer die Realität«, so schreiben wir es uns hier aufs T-Shirt.

Tatsächlich aber hat die Realität schon gewonnen.

Wie einst »Comical-Ali« im Irakkrieg die Erfolge der irakischen Armee pries, während die Amerikaner schon in Bagdad standen, so versichern uns teuer bezahlte TV-Moderatoren das Gegenteil dessen, was uns unsere Augen und unser Verstand sagen.

Es irritiert, es juckt, und wir müssen kratzen, damit das Jucken ein wenig nachlässt.

Angenehm ist es nicht, sich täglich selbst klarzumachen, dass die Realität nicht das ist, was sie im TV erzählen. Doch besser Zähneziehen als Blutvergiftung – denn aus emotionaler Faulheit die täglichen Lügen zu glauben, wäre tatsächlich eine »Blutvergiftung«.

Dann lieber tägliche Wurzelbehandlung. Oder zumindest kratzen, wo es juckt. Das verschafft immerhin etwas Erleichterung – bis zur nächsten Talkshow.

Weiterschreiben, Wegner!

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