14.6.2016

Zitate, die Blendgranaten der Talkshow

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Geran de Klerk
Auf jede Empörungsrampe im Stil von "X hat Y gesagt!" sollten wir antworten mit: "Ja, schlimm – aber welche Lösung schlagen Sie für das konkrete Problem vor?"
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Dieser Text erschien zuerst am 14.6.2016 bei tichyseinblick.de.

Viele große Leute haben im Lauf ihres Lebens auch Dinge gesagt, die sie später anders formulieren würden. Wir denken an Merkels „Ich freue mich, dass es gelungen ist, Osama bin Laden zu töten“, einige denken an Künasts Zwischenruf von 1986, an Zug-Demokratie-Vergleich, an das Versprechen der CDU, Deutschland würde nie für Schulden anderer Länder aufkommen, an Martin Schulzens implizite Forderung, die EU nach US-Vorbild zu vereinheitlichen oder an Junckers Geständnis, Dinge voranzutreiben in Hoffnung und Bewusstsein, seine Kollegen verstünden diese nicht – oder zu spät, der Beispiele sind viele.

Die Gegner dieser Politiker kramen solche alten Zitate gern hervor, wenn sie einen Angriff starten wollen, aber dem »eigenen Material« nicht vollständig vertrauen. Es gibt auch Zitate, die liegen höchstens wenige Monate zurück, sind quasi »frisch«, und haben um so mehr Sprengkraft. Wir denken zuletzt an Gaulands Ausführungen zum Amtsführungs-Stil der Kanzlerin, denken an Maasens Implikationen zu den Urhebern jener #Handgranate oder an Schäubles Ausführungen zur Genetik der Europäer.

Und schließlich gibt es Fehlleistungen, bei denen die Auslassung der eigentliche Skandal ist. Wir denken an jene, die jede kausale Verbindung zwischen offenen Grenzen und Terrorgefahr als denkunmöglich zu betrachten schienen. Ganz so, als müsste der IS von Merkels freundlichem Gesicht dermaßen be- und gerührt sein, dass er es nicht über sein schwarzes Herz bringen würde, eigene Mannen mit in den Flüchtlingsstrom zu mengen. (Wer tatsächlich von der »Perfidität« des IS überrascht ist, sollte seine Politikerlizenz zurückgeben. Und den Führerschein.)

In der Zitatschlinge will der Kleine den Großen fangen

Zitate dieser Art auszugraben gibt dem „kleinen Mann von der Straße“ etwas gefühlte Macht über den Großen. Klaus Kellerhocker sitzt vorm Discounter-PC und gräbt so lange durch den Schmutz des Internets, bis er ein Zitat findet, mit dem er einen Großen „fertigmachen“ kann. Wenn Klaus auch Praktikant für eine Talkshow-Redaktion ist, dann kann sein „Fundstück“ dienen, einen missliebigen Gast vor den Augen der Fernsehnation dem Staub des Studiobodens gleichzumachen. Es gibt keinen „Großen“, der nicht Zitat-Leichen im Keller hätte.

Alte Zitate sind die Schlinge, mit welcher der Kleine den Großen zu fangen hofft. Wenn ein „Kleiner“ etwas Doofes sagt, merkt das ja keiner. (Außer der Große Volker Beck oder der Noch-Größere Heiko Maas sehen es, petzen es und schleifen den Kleinen vor Gericht. Dann sperrt der große Richter den kleinen Internetmotzer schon mal für Jahre in die Strafanstalt.) Meistens jedoch, jenseits aller Internet-Aufpasser, bleibt der Unsinn des Kleinen eben doch unentdeckt, und der Kleine kann seinen alten Quatsch löschen, bevor sein Fuß sich darin verfängt.

Wenn aber ein Großer etwas Dummes sagt, dann ist sein Dummes für alle Zeiten im globalen Gedächtnis eingetragen, vieltausendfach und unlöschbar. Dann kann der Kleine auch mal den allwissenden, strafenden Gott spielen. Kleinsein allein macht noch keinen edlen Charakter, eher einen bitteren. Im weltweiten digitalen Gehirn kann der Kleine so lange wühlen, bis er das Schmerzzentrum des Großen findet. Dann kann und wird er hineinpiksen.

Dieses Hineinpiksen ist besonders für die unbeteiligten Zuschauer unterhaltsam. Doch nichts ist so unterhaltsam, wie wenn zwei der Großen einander piksen, in unserem Fall also sich mit alten Zitaten bis aufs frische Blut traktieren.

Einst fläzte sich der römische Plebs auf den Rängen der Arenas und schaute den Gladiatoren zu, wie sie einander an die Schlagader gingen. Nach dem Kampf war es an den Zuschauern, mit ihrem Gejohle über Leben und Sterben der Unterlegenen zu entscheiden. Der Daumen des Imperators richtete sich, meistens, nach der Stimmung der Masse.

Heute sitzt die Fernsehnation vor den Talkshows und schaut zu, wie wohlbezahlte Sprachkämpfer einander das Hirn blutig reden. Wir verachten die Verlierer und wählen die Gewinner.

Heute wird in Talkshows der Daumen gesenkt

Die Gladiatoren der Antike hatten Kurzschwert und Dreizack. Die Talkshowkämpfer der Moderne schwingen, neben anderen Waffen, „das alte Zitat“. Früher warf die Kampfleitung schon mal Extra-Waffen in die Arena, um die Chancen in eine bestimmte Richtung zu gewichten – oder einfach nur um den Kampf blutiger, also unterhaltsamer, zu machen. Heute wirft die Redaktion alte Zitate als „Einspieler“ in die Talkrunde – hey, wie da das Blut spritzt!

Bei allem Spaß an solcherlei Talkshow-Gemetzel haben wir ein Problem: Wenn politische Debatte immer nur auf Sieg und Niederlage zielt, dann ist gemeinsamer Fortschritt unmöglich. Wenn alle öffentliche Auseinandersetzung sich darin erschöpft, die üble Absicht des Gegners zu belegen, was lernen wir dazu? Nichts.

Einige Talkshow-Bewohner halten sich für große Rhetoren, wenn sie nur oft und laut genug einander unterbrechen. Doch sie missachten in ihrem Gebrüll das wichtigste Prinzip gelingender Kommunikation, das „Prinzip der wohlwollenden Interpretation“.
Für eine ehrliche, „gute“ Argumentation wäre es (theoretisch) zwingend, den Standpunkt des Gegners so zu interpretieren, dass wir ihm am ehesten zustimmen könnten.

Was wir in Talkshows bräuchten, wäre „wohlwollende Interpretation“, doch das wäre das Gegenteil des realen politischen Debattenstils. Selbst die Kanzlerin ist sich ja nicht zu schade, Zitate ihrer Gegner absichtlich negativ zu interpretieren. Wir leben in der Talkshow-Demokratie. Nicht die Talkshows bilden den Politikbetrieb ab, sondern der Politikbetrieb die Talkshows. Und dazu gehört eben das Herauskramen von Zitaten.

Es ist ein bekanntes Muster. Kritiker werfen den Grünen vor, sich Sprüche wie „Nie wieder Deutschland“ oder „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“ zu eigen gemacht zu haben. Und der AfD werfen sie vor, mit Sprüchen wie „1.000 Jahre Deutschland“ an das Gebrüll der Nazis angeschlossen zu haben. Wir Wähler beobachten das Gezänk in fasziniertem Ekel.

Rechte werfen Linken vor, ihre Beteuerungen, eine Islamisierung fände nicht statt, seien Makulatur, wenn in Deutschland hunderte von Kinderehen fortgeführt werden. Das ist ein verständlicher, aber wenig produktiver Vorwurf. Die Frage ist, wie man als Gesellschaft damit umgeht, wenn ganz aktuell Bamberger Richter die Sharia über Jugendschutz zu stellen scheinen, nicht wer wann was gesagt hat. Wir müssen nach vorne denken, statt alte Zitate hervorzukramen. Linke werfen Rechten im Gegenzug vor, ihre Schreckensszenarien hätten sich als Angstmacherei erwiesen, schließlich ist die Zahl der Straftaten von Zuwanderern gesunken.

Es liegt bei den Zuschauern

Kritiker werfen Hillary Clinton ihr Lob des Ex-Ku-Klux-Klan-Mitglieds Robert Byrd vor, ihre Geheimvorträge vor Goldman Sachs oder ihre Behauptungen zu ihrem finanziellen Status. Donald Trumps Kritiker werfen ihm seine alte Nähe zu Hillary Clinton vor und einige weitere Punkte.

Es ist an uns, den Zuschauern, das rückwärtsorientierte Ausgraben alter und sich-alt-anhörender Zitate zu hinterfragen. Wer sich über jeden „Rülpser„ aufregt, der will oft vermeiden, die tatsächlichen Probleme und ihre möglichen Lösungen zu debattieren.
Seien wir misstrauisch, wenn uns alte und kontroverse Zitate zur Erregung vorgeworfen werden. Wer ständig dem Gegner dessen eigene Worte um den Kopf schlägt, will nicht selten nur davon ablenken, dass er selbst keine Lösungen hat.
Aufregung um Zitate ist (zu oft) Blendwerk. Der grelle Schein unserer eigenen Empörung soll uns die Sicht nehmen. Verweigern wir aber den Werfern von Blendgranaten diesen Erfolg! Auf jede Empörungsrampe im Stil von „X hat Y gesagt!“ sollten wir antworten mit: „Ja, schlimm – aber welche Lösung schlagen Sie für das konkrete Problem vor?“

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