30.11.2022

Alles (anderswo ist nur) Desinformation

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Ehud Neuhaus
Es ist doch einfach: Desinformation darf nicht auf Social Media gepostet werden. »Desinformation« aber bedeutet: Information, die nicht gepostet werden darf. Alles klar?
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»Es war einmal«, so beginnt ein Märchen. Eine Ansprache aber beginnt man mit: »Meine sehr verehrten Damen und Herren!«

Und bei Witzen zieht man im Deutschen schon mal das Verb nach vorn, obwohl es sich nicht sinnvoll um eine Frage handeln kann: »Kommt ein Mann um die Ecke« – und wenn der Witz ein »Anti-Witz« sein soll, dessen Pointe im Brechen der Erwartung einer Pointe besteht, ergänzt man: »ist der Bus weg«.

Texte weisen oft Marker auf, an denen der Leser oder Hörer schon bei den ersten Worten die Textgattung erkennen und seine Erwartung entsprechend einstellen kann.

Ich schreibe diese Essays, und ich merke heute, dass mir ein bestimmter Marker in den ersten Worten fehlt.

Es bräuchte einen Marker für den Anfang dieser Essays, welcher signalisiert und verkürzt einleitet: »Wir leben in Zeiten, in denen sich eine Verschwörungstheorie nach der anderen bewahrheitet. Wir wundern uns nicht mehr darüber. Wir sind eher Chronisten und Buchhalter – wir nehmen zur Kenntnis. Und dann kneifen wir die Augen zusammen, und wir blinzeln in die Zukunft. Jetzt, wo die Verschwörungstheorien greifbar wahr werden und niemand es noch glaubhaft leugnet, was mag danach kommen?«

Wie könnte eine Einleitung aussehen, die all das beinhaltet? Vielleicht sollte ich es schlicht mit »Liebe Leser« versuchen. Und »liebe Leser« soll uns mit daran erinnern, dass wir in Zeiten wahr gewordener und wahr werdender Verschwörungstheorien leben.

»Liebe Leser«, das erinnert an unsere aufs Neue wichtige Rolle als Chronisten.

»Liebe Leser«, das soll heißen: Wir nehmen die Gegenwart ehrlich zur Kenntnis – und wir blinzeln dann gemeinsam in die Zukunft.

Grund unklar

Liebe Leser, es geschehen bemerkenswerte Dinge dieser Tage, und jeden Tag scheint sich die Regel zu bestätigen: »Je moralischer, desto unmoralischer.«

Wir können uns inzwischen darauf verlassen: Wenn sich eine Firma extra moralisch gibt, findet irgendwo in ihrem Inneren etwas zutiefst Unmoralisches statt.

(Jesus nannte es die »übertünchten Gräber« (Matthäus 23:27): »… ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch scheinen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat!«)

Eine Firma, die sich auf penetranteste und klebrigste Weise »moralisch« und »woke« gab, ist der Apple-Konzern.

Die Twitter-Übernahme durch Elon Musk wirkt wie wenn einer einen schmutzigen, aber ruhigen See aufgewühlt hätte. Dinge gelangen an die Oberfläche, von denen viele Akteure glaubten, sie würden für immer dort unten liegen bleiben.

Zu diesen Dingen scheint nun zu gehören: Apple hat laut Berichten mindestens eines durchaus seriös klingenden Entwicklers in der Vergangenheit durchgesetzt, welche Nachrichten auf dem iPhone angezeigt werden dürfen, und welche nicht.

Ich hatte es gestern kurz angerissen. Elon Musk hatte auf die Meldung reagiert, und sie steht bislang unwidersprochen im öffentlichen Raum (siehe @LBRYcom, 28.11.2022). (Ja, natürlich handelte es sich wohl um Nachrichten zu Covid – unter anderem.)

Gestern erschien mir die Meldung noch wie eine Randnotiz, »Zeichen der Zeit«. Doch dann las ich einige Kommentare von »einfachen Leuten« – und ich war so erschrocken wie belustigt.

Die meinen das ernst

Ich las tatsächlich Meinungs-Äußerungen, deren Prototyp lautet: »Was ist so schlecht daran, wenn Falschmeldungen herausgefiltert werden? Das wäre doch gut, wenn Apple wirklich gegen Desinformation kämpfen würde!«

Ich hielt buchstäblich den Atem an, als ich diese »Argumente« las.

Diese Leute, so steht es zu vermuten, meinten das ernst!

Es ist offensichtlich falsch, doch lassen Sie mich zu Protokoll geben, warum es falsch ist.

Es wird argumentiert, dass es doch richtig und sogar wichtig sei, die Verbreitung von »Desinformation« zu verbieten, etwa zum Thema »Covid«. – Machen wir uns aber ein paar Sekunden lang darüber Gedanken, wie Menschen tatsächlich zu Wahrheits- und Werturteilen gelangen!

Wir ​meinen​, dass wir die Wahrheit von Aussagen damit feststellen, ob die Realität zur Aussage passt. Wenn also jemand sagt, dass auf dem Tisch ein Glas Milch steht, dann betrachten wir den Tisch und das Glas darauf, und so prüfen wir, ob das eine wahre Aussage ist.

Tatsächlich wäre das aber viel zu aufwändig. Unsere Bewertung der Plausibilität und wahrscheinlichen Wahrheit von Aussagen funktioniert nur in den ​seltensten​ Fällen durch den praktischen Abgleich von Aussage und Realität.

In den allermeisten Fällen bewerten wir anhand des Kontextes und des Netzwerks sonstiger für wahr befundener Aussagen, ob eine Aussage überhaupt wahr sein kann – und also wahrscheinlich wahr ist.

Wenn ich in einem Café arbeite, und sage: »Der Kühlschrank ist voller Milch«, wird man das für plausibel halten, und da ich sonst kein Lügner bin, wird man es für wahr annehmen. – Wenn ich dagegen als Mitarbeiter im Café sage, dass der Kühlschrank voller Blut ist, wird man zweifeln.

Nun, ich habe vor vielen Jahren als Zivi den Rettungsdienst erlebt, und da hatten wir auch mit Blutkonserven zu tun. Da war an der Aussage, dass Blut im Kühlschrank ist, nichts Unglaubwürdiges – und die Aussage, dass dieser im Kontext gemeinte Kühlschrank voller Milch sei, die wäre dagegen problematisch gewesen.

Ob eine Aussage überhaupt wahr sein kann, bewerten wir anhand des Kontextes und anderer für wahr gehaltener Aussagen.

Wer als Nachrichten-Horizont nur Apple-Apps oder etwa den deutschen Staatsfunk hat, für den könnten bald alle Nachrichten und Meinungen, die er nicht innerhalb dieses Kontextes verifizieren konnte, de facto als »Desinformation« erscheinen.

Eine Information könnte in der Zukunft genau dadurch zur »Desinformation« werden, dass Plattformen und sogenannte »Gatekeeper« wie Apple & Co. sie verbieten!

Die neue Zensur-Logik: Desinformation darf nicht gesagt werden – und »Desinformation« ist, was nicht gesagt werden darf.

(Man vergleiche etwa Meldungen wie die zur Möglichkeit eines Labor-Ursprungs von Covid, oder zum Hunter-Biden-Notebook, die beide nachweislich wahr oder zumindest plausibel waren, doch aus jeweils offensichtlicher Motivationen von Konzernen als »Desinformationen« deklariert und also aktiv zensiert wurden.)

Nie so plump

Einst lächelten wir über Bibelgläubige, die angeblich sagten, die Bibel habe immer recht, und als Beleg eine Bibelstelle zitierten. Tatsächlich habe ich aber nie persönlich einen Gläubigen getroffen, der wirklich so plump argumentierte – doch ich erlebe Mainstream-Nachrichten-Gläubige, die so denken und solche »Wahrheitsfindung« zur Grundlage ihrer Entscheidungen machen.

Man kann ja beinahe verstehen, dass Firmen wie Apple eher ungehalten werden, wenn Plattformen wie Twitter ihnen die angestrebte Hoheit über den Nachrichtenfluss unmöglich machen. Und also ist es geradezu verständlich, wenn laut Elon Musk nun Apple seine Werbung bei Twitter herunterfährt (@elonmusk, 28.11.2022) und auch sonst angeblich unscharf begründete Drohungen ausspricht, die Twitter-App aus dem AppStore und damit mittelfristig von iPhones zu entfernen (@elonmusk, 29.11.2022). (Apple bannt schon mal Dienste aus dem AppStore, wenn deren »Moderation« nicht Apples Anforderungen genügt, fragen Sie Gab und Parler.)

Es war einmal eine Zeit, da war es ausreichend gerechtfertigt und rational, sich sein Weltbild anhand dessen zu bauen, was man in den Nachrichten hörte – oder auf seinem iPhone las.

Meine Damen und Herren, heute dürfen wir sagen: Wer nicht aktiv die offizielle Wahrheit anhand jener Meldungen prüft, die interessierte Politiker und Konzerne als »Desinformation« abtun, ist heute selbst als »desinformiert« zu betrachten.

Liebe Leser, wenn ich also sage »Liebe Leser«, dann meine ich damit auch: Wir leben in Zeiten, in denen sich eine Verschwörungstheorie nach der anderen bewahrheitet. Wir wundern uns nicht mehr darüber. Die alten Prophezeiungen werden wahr, und wir werden zu Zeitzeugen.

Wir kneifen also die Augen zusammen, und wir blinzeln in die Zukunft.

Ich bin nicht ganz sicher, was hierauf folgt – doch ich gebe mein Bestes, um gemeinsam mit meinen Lesern darauf vorbereitet zu sein.

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