29.11.2022

Chinesische Querdenker, Steine und Stöcke

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Aida L
Schlagzeilen der letzten Jahre und Tage: »Polizei löst Corona-Demos auf«, »Polizei verhindert weitere Proteste«, »Rund 200 Festnahmen bei Corona-Protesten«. – Raten Sie mal, welche von China handeln und welche von Deutschland!
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Wir erinnern uns noch, wie aggressiv Deutschlands Politik, Presse und Polizei gegen Bürger vorgingen, welche es wagten, für Grundrechte und gegen Lockdowns, Impfpflicht und andere willkürliche repressive Maßnahmen zu demonstrieren. (In Essays wie »Chinaprotokoll, oder: Die Sprache der Vernichtung« (8.6.2022) schrieb ich darüber.)

Politik und Staatsfunk hetzten und schäumten in immer aggressiveren Vokabeln gegen die Abweichler, die es wagen, Widerspruch öffentlich zu äußern. Ein längst wie der geheimdienstliche Arm der Einheitsmeinungs-Armee wirkende Verfassungsschutz stellte bundesweit »Teile der Querdenker-Bewegung unter Beobachtung« (Video bei tagesschau.de, 28.4.2021).

Und natürlich »Staatsfeind«

Wenn es um die deutschen Demonstranten ging, die der Coronapolitik zu widersprechen wagten, konnte die Sprache gar nicht scharf genug sein: »Schwurbler«, »Spinner«, »Rechtsextreme« … und natürlich »Staatsfeinde« (stern.de, 19.12.2020).

Apropos »Staatsfeinde«: Auch in China sieht die Politik es eher ungern, wenn die Bürger der Coronapolitik zu widersprechen wagen. Und inzwischen wagen auch in China die Bürger, gegen die Übergriffigkeit im Namen von Corona zu demonstrieren.

Wir haben also die Chance, ganz praktisch zu vergleichen, wie es sich anhört, wenn in Deutschland über ein ähnliches Phänomen in einem anderen Land gesprochen wird!

»Proteste in China: Die unterdrückte Wut«, titelt aktuell tagesschau.de, 28.11.2022, und im Text dann: »Hunderte Menschen haben deshalb am Wochenende gegen die strikten Corona-Maßnahmen protestiert.«

Es passt zum Geist der Zeit, dass im Text so etwas wie Verständnis durchzuklingen scheint: »Nach den Protesten gegen die Null-Covid-Politik am Wochenende hat sich die Lage in China beruhigt. Nur noch vereinzelt demonstrieren Menschen.«, »Diesmal sind die Behörden Shanghais vorbereitet«, und: »Experten sehen Impfungen als einzigen Weg für China aus der Pandemie.«

Zwischen den Zeilen klingt einerseits eine Sympathie der Tagesschau-Fachkräfte für einen »starken Staat« nach Chinas Vorbild (siehe Essay vom 27.11.2022), der Corona-Politik gegen die lästigen Abweichler durchsetzt. Andererseits erinnert man sich noch daran, dass Journalisten es doch doof zu finden haben, wenn Regierungen mit Polizeigewalt gegen Andersdenkende vorgehen – zumindest wenn das in fernen Ländern geschieht.

Öffentliche Dissonanz

Wir erleben in diesen Tagen ein Tauziehen, eine öffentlich ausgelebte kognitive Dissonanz zwischen der offiziellen Wahrheit, man sei eine freiheitliche Demokratie, ganz anders als in fernen Ländern – und den kaum noch zu verhehlenden Sympathien für die repressiven Methoden etwa im »Vorbild China«.

Einst positionierte Apple sich mit einem Ridley-Scott-Filmchen als Widerständler gegen die Überwachung im 1984-Stil (siehe YouTube). Heute hilft Apple laut aktuellen Meldungen dabei, Meinungskontrolle nach 1984-Vorbild durchzusetzen: In China hat Apple die AirDrop-Funktion eingeschränkt (businessinsider.com, 27.11.2022), was China die Proteste der »chinesischen Schwurbler und Querdenker« einzudämmen hilft.

In den USA liest man, dass iPhone-App-Entwickler gezwungen wurden, in ihren Nachrichten-Apps unerwünschte Meinungen und Nachrichten herauszufiltern (@LBRYcom, 28.11.2022).

Was Apple nicht von sich aus schnell genug auf dem iPhone verbietet, darum kümmert sich die chinesische Polizei persönlich, in der U-Bahn, während der Fahrt (@whyyoutouzhele, 29.11.2022).

Der neue Twitter-Besitzer Elon Musk hat angekündigt, offenzulegen, nach welchen Kriterien und mit welcher Motivation in der Vergangenheit freie Rede auf Twitter zensiert wurde (@elonmusk, 28.11.2022). Die Guten geraten in Raserei, sogar das Weiße Haus äußert sich quasi-drohend, man behalte Twitter scharf im Blick (»keeping a close eye«, siehe foxnews.com, 29.11.2022).

Wir Störenfriede

Seit es öffentliche Denker, Essayisten und andere Störenfriede gibt, war es Teil unserer Aufgabe, die großen Widersprüche zwischen Gesagtem und Getanen der Großen aufzuzeigen. Jesus ist bekannt für seine Tiraden gegen Heuchler und Pharisäer (heute würde man sagen: »Gutmenschen«). Den Twitterer @argonerd kennen und schätzen wir für seine Zwei-Screenshot-Spitzen, mit welchen er die Widersprüche und die öffentlichen Lügen unserer Zeit dokumentiert.

Und doch finde ich, dass ein praktischer Widerspruch im Reden über China nicht unser größtes Problem ist.

Sicher, ein Herr Steinmeier amüsiert uns etwas, wenn er »Verständnis für die Proteste in China« äußert (br.de, 28.11.2022), bei den entsprechenden Protesten von »Coronaleugnern« in Deutschland sah er aber »zunehmende Radikalisierung« (aerzteblatt.de, 17.11.2022). Damals fiel natürlich auch der Universalvorwurf gegen Andersdenkende im Propagandastaat »Hass und Hetze« (dw.com, 24.1.2022), der immer dann eingesetzt wird, wenn störende Meinung mundtot gemacht werden soll (siehe Essay vom 21.3.2018) – nun hofft Steinmeier aber, so heißt es aktuell, »dass die staatlichen Behörden in China das Recht der freien Meinungsäußerung achten« (dw.com, 28.11.2022).

Und doch, Herr Steinmeiers offen widersprüchliches »Verständnis für die Proteste in China« wirkt auf mich etwas altbacken, aus der Zeit gefallen. Die Tagesschau ist da tatsächlich deutlich moderner: Man berichtet »neutral«, doch erstaunlich viele Schlagzeilen könnten ebenso gut aus Berlin 2020/2021 stammen. Vergleiche tagesschau.de, 29.11.2022 (über China): »Polizei verhindert weitere Proteste« vs. rbb24.de, 21.4.2021: »Rund 200 Festnahmen bei Corona-Protesten  in Berlin«

Was vor uns liegt

In diesen Tagen werden Elon Musk und Donald Trump immer wieder zusammen genannt. Beides sind sie Feindfiguren der NPCs und ihrer »Programmierer« – und beide aus ähnlichen Gründen.

Elon Musk spricht derzeit einige Wahrheiten aus, welche die linken Lügen als eben das offenlegen. Ja, er ist Geschäftsmann, und er handelt für den Profit – das allein macht seine Aussagen aber nicht in der Sache falsch.

Musks aktuellster Tweet, während ich dies schreibe:

This is a battle for the future of civilization. If free speech is lost even in America, tyranny is all that lies ahead. (@elonmusk, 29.11.2022)

Zu Deutsch etwa:

Dies ist eine Schlacht um die Zukunft der Zivilisation. Wenn die Meinungsfreiheit sogar in Amerika verloren geht, ist Tyrannei alles, was vor uns liegt. (@elonmusk, 29.11.2022, aus dem Englischen übersetzt)

Stöcke, Steine, Wortlos

Albert Einstein zitierte 1949 in einem Interview jene düstere Vorhersage, er wisse nicht, mit welchen Waffen der Dritte Weltkrieg ausgefochten wird, im Vierten aber würde man mit Stöcken und Steinen kämpfen – sprich: der Dritte Weltkrieg würde die Zivilisation beenden und wir würden, so »wir« überhaupt überleben, ganz bei null neu beginnen.

Nun, mögen wir hoffen, dass es zu diesem Dritten Weltkrieg nicht kommt (für die Toten etwa in der Ukraine ist er übrigens gekommen und schon vorbei) – und wenn er kommt, möge es schnell hinter uns sein.

Jedoch, die Sprache betreffend, bewegen wir uns bereits zurück an die Anfänge.

Wörter werden illegal, jeder Satz ist verdächtig. Selbst die Zustimmung zu Wörtern anderer Leute via »Like« kann dich die Existenz kosten.

Wer öffentlich denkt, kann damit falsch liegen – aber eben auch richtig. Einen Gedanken öffentlich zu formulieren, das kann gefährlich sein.

Doch jede abweichende Idee, jeder öffentlich formulierte und so zur Prüfung vorgelegte Gedanke ist ein Protest.

Ja, ich verstehe diese Essays als Protest – und zwar als Protest gegen eine bevorstehende Zukunft, in welcher unsere Sprache das Äquivalent zu Stöcken und Steinen ist.

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