11.03.2022

Biolabore und zwei falsche Einschätzungen

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Raimond Klavins
US-Senator Rubio: »Besitzt die Ukraine chemische oder biologische Waffen?« – Staatssekretärin Nuland: »Ukraine hat Bio-Labore, über die wir besorgt sind, dass sie in russische Hand gelangen.« – Wie darf man das deuten?
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Nicht nur die Älteren unter uns erinnern sich, als wäre es gestern passiert. Der 5. February 2003, der US-Außenminister Colin Powell redet vor der UN über die angeblichen »Beweise« der USA für die Existenz von »Massenvernichtungswaffen« im Irak (bei YouTube zu sehen). Es ist eine Mischung von Behauptungen und Spekulationen, mit einer bunten Zeichnung abgeblicher mobiler Biowaffen-Labore (siehe commons.wikipedia.org), und man setzt die angebliche Wahrheit mittels williger westlicher Konzernmedien durch. Am 19. März 2003 überfallen die ersten US-Kampfflugzeuge den Irak, am 20. März fallen die Bodentruppen ein.

Am 24. Februar 2022 überfielen nun russische Truppen die Ukraine. Putin nannte es eine »spezielle militärische Operation«. Im Essay vom 9.3.2022 schilderte ich, dass Putin sehr handfeste Energie-Interessen an der Ukraine hat – einige Russen glauben ihm allerdings tatsächlich, dass er es auch aus Sorge um die russische Minderheit in der Donezk-Region tut (und nicht etwa wegen der Gasvorkommen eben dort).

Auch Russland begründet seinen Einmarsch nun mit der angeblichen Produktion böser Waffen in der Ukraine, durchgeführt von Biolaboren, die von den USA betrieben oder (mit-) finanziert wurden (siehe @Dpol_un, 10.3.2022).

Russlands argumentative Kraft wäre stärker gewesen, wenn man, wie 2003 die USA, dies vor oder zumindest zeitgleich mit dem Einmarsch erklärt hätte – so aber klingt es arg nachgeschoben.

Die Sache mit den Bio-Laboren bringt allerdings einiges mit, was es braucht, eine solide Verschwörungstheorie abzugeben, beginnend mit einem wahren Kern.

In einer Senatsanhörung am 8.3.2022 fragte US-Senator Marco Rubio (Rep.) die unter Eid stehende Staatssekretärin im US-Außenministerium Victoria Nuland, ob die Ukraine denn Biowaffen besäße (Mitschrift auf www.rubio.senate.gov/).

Statt klar »Nein« zu antworten, schien Nuland prima facie eine andere Frage zu beantworten – und die Antwort war, gerade als Antwort auf die Frage, ob die Ukraine über Biowaffen verfüge, bemerkenswert.

Ich zitiere die Schlüsselstelle, und übersetze dann:

Rubio: Let me ask you, does Ukraine have chemical or biological weapons?

Nuland: Ukraine has biological research facilities, which, in fact, we are now quite concerned Russian forces may be seeking to gain control of. (Senatsanhörung 8.3.2022, via rubio.senate.gov)

Zu Deutsch etwa:

Rubio: Lassen Sie mich Sie fragen, besitzt die Ukraine chemische oder biologische Waffen?

Nuland: Ukraine besitzt Einrichtungen der Bio-Forschung, bezüglich welcher wir nun tatsächlich besorgt sind, dass sie in die Hand der russischen Armee gelangen. (Senatsanhörung 8.3.2022, via rubio.senate.gov, meine Übertragung aus dem Englischen)

Man darf es ruhig einmal ausformulieren: Die Staatssekretärin antwortet nicht mit »ja« oder »nein« auf die Frage nach der Existenz von chemischen oder biologischen Waffen in der Ukraine – sie antwortet mit Laboren für Bio-Forschung, über deren Schicksal man besorgt sei.

Rubio reagierte geradezu nervös. Er sprach plötzlich von russischer Propaganda und spekulierte von russischen False-Flag-Attacken. Er scheint überrascht über Nulands Art der Nicht-Antwort – eigentlich müsste Nuland doch als »stabile« Kandidatin gelten! Ukraine-Politik-Kenner erinnern sich an ein 2014 (wahrscheinlich von Russen) geleaktes Nuland-Telefonat, welches die erfrischend offene Einmischung in die Innenpolitik des armen Landes mit dem vielen Gas in der Erde nahelegt.

Die Mitschrift des Telefonats ist bei bbc.com, 7.2.2014 zu finden, und das wohl berühmteste Zitat daraus ist: »Fuck the EU!«

Nicht ausgeschlossen 

Karl Marx sagte berühmterweise, dass Geschichte sich zweimal wiederholt, einmal als Tragödie, und einmal als Farce – hier aber spiegeln sich zwei verschiedene Ereignisse, und das als brutale Tragödie und als Farce zugleich.

Russland scheint zu versuchen, die US-Begründung für den Einmarsch 2003 in den Irak zu spiegeln, allerdings erst nach dem Einmarsch.

Russland greift offenbar die spezielle Berichterstattung zum Wuhan-Labor auf, wo zunächst die Möglichkeit eines Zusammenhangs mit Covid-19 geleugnet und die Erwähnung zum Beispiel auf Facebook aktiv zensiert wurde, bis es plötzlich als Theorie erlaubt wurde.

Wenig überraschend greift auch China gern die Theorie von den Biowaffen-Laboren auf (fortune.com, 9.3.2022; bloomberg.com, 8.3.2022), jede Ablenkung von Wuhan kommt China gelegen. Man fordert von den USA, über alle angeblichen »336 Biolabore« weltweit (opindia.com, 9.3.2022) Rechenschaft abzulegen.

Die US-Regierung fürchtet derweil, dass Putin das Thema der Biolabore nutzt, um entsprechende Bio-Waffen gegen die Ukraine zu nutzen, um es dann der Ukraine zuzuschreiben (dailymail.co.uk, 9.3.2022). Russland wiederum behauptet, die USA hätten dort, wie in China, an Corona-Viren bei Fledermäusen geforscht, aber auch an Anthrax (vergleiche dailymail.co.uk, 10.3.2022).

In einem offiziellen Statement bestreitet das Aussenministerium der USA, chemische oder biologische Labore in der Ukraine zu besitzen oder zu betreiben (state.gov, 9.3.2022), und man versichert, solche Waffen nirgendwo zu besitzen oder zu entwickeln. Man beachte, was nicht ausgeschlossen wird, nämlich, solche Forschung mit finanziert oder dabei kooperiert zu haben, oder Forschung zu betreiben, die zwar in Biowaffen wie einer extra gefährlichen Virus-Mutation resultieren könnte, es aber nicht beabsichtigt. Bei friedlicher Forschung für die Verteidigung vor solchen Angriffen wurde durchaus kooperiert: Der entsprechende Vertrag von 2015 ist bei state.gov zu finden – damals war Victoria Nuland übrigens Assistent Secretary of State, also etwa Unterabteilungsleiterin im US-Aussenministerium (siehe Wikipedia).

Die Logik ist hier: Es gibt Biolabore in der Ukraine und die USA waren involviert, aber sie gehören der Ukraine und wurden von der Sowjetunion gebaut, tatsächlich hat man seit 2005 (also siebzehn lange Jahre lang!) nur dabei geholfen, die Hinterlassenschafften der Sowjetunion aufzuräumen (so die Lesart etwa von Jennifer Griffin auf Fox News, vergleiche yahoo.com, 10.3.2022), und es wurde ohnehin nichts Verbotenes getan, aber man ist nun wirklich, wirklich besorgt, dass diese Sachen den Russen in die Hände fallen. – Hmm.

Viel Verschätzung

Mediziner kennen die Faustregel: »Wenn du Hufe klappern hörst, denke ›Pferd‹ und nicht ›Zebra‹.« – Das bedeutet: Bevor du dich  exotischer und seltener Diagnosen bedienst, probiere erstmal das Naheliegende.

Ich will diese Denkregel berücksichtigen, und noch sehe ich keinen Grund, nicht auch weiter davon auszugehen, dass es bei Russlands Angriff auf die Ukraine nicht um Biolabore oder verbotene Waffen geht (Biolabore herunterzufahren dauert nun mal lange, gerade wenn Behörden es tun), sondern schlicht – wieder – um Energie, konkret um Energieressourcen und die wesentlich auf den Export von Energie gebaute Macht von Putin und seinen befreundeten Oligarchen. Die Biolaboren wirken bislang als ein von der russischen Propaganda ausgenutzter Info-Nebenschauplatz.

Ich wage die These, dass sich sowohl Putin als auch Zelensky gründlich verschätzt haben.

Putin hat offenbar die Schlagkraft seiner Armee überschätzt. Er rechnete vermutlich mir einer (Quasi-) Kapitulation der Ukraine innerhalb von zwei bis vier Tagen. Dass dies nicht gelang, schließt aber nicht aus, dass er nicht noch einige Zeit lang »Material« in die Ukraine schicken könnte.

Es wäre eine zynische Mathematik: Selbst wenn auf einen getöteten Soldaten deines Gegners drei Getötete deiner eigenen Soldaten kommen, kannst du dennoch siegen, wenn du viermal so viele Soldaten hinschickst wie dein Gegner aufstellen kann (und dir das Leben von Menschen nichts gilt).

Wenn Putin von einer schnellen Unterwerfung der Ukraine ausging, rechnete er vermutlich nicht damit, dass der Westen sich so schnell koordinieren würde, um tatsächlich wirksame Sanktionen gegen Russland zu verhängen – oder dass die Sanktionen lange schmerzhaft sein würden (vergleiche fortune.com, 4.3.2022; bloomberg.com, 11.3.2022(€)).

Nachdem die Lage sich stabilisiert, werden Konzerne ihre Handelsbeziehungen zu Russland wieder aufnehmen; die meisten eher still und diskret. Man wird Technologie und Software liefern, aber auch die Luxus- und Konsumgüter, mit denen man das Volk beschäftigt und satt hält – doch was wenn die Sanktionen noch Monate andauern? Irgendwann ist keine Wirtschaft mehr da, die man wieder hochfahren könnte.

Putin wird kaum davon ausgegangen sein, dass es keine Reaktion geben würde, doch er hat womöglich nicht bedacht, dass so einfach wie er seinen Bürgern mal große Teile des Internets abstellen kann, der Westen ihn auch mal eben von großen Teilen der westlichen Weltwirtschaft abschneiden kann. Dazu kommt: Eine Zahl der aktuellen Boykotteure (wie etwa Software-Konzerne, Flugzeug-Hersteller oder Chip-Lieferanten) werden von Russland weit dringender gebraucht, als diese Konzerne den russischen Markt brauchen. (Die Deutsche Bank bleibt übrigens in Russland aktiv; Stand reuters.com, 11.3.2022; Stand 10:12 GMT.)

Zelensky wiederum hat die Unterstützung durch »den Westen« massiv überschätzt. Sicher, wir wissen, dass der Biden-Sohn wohl »spannende« wirtschaftliche Beziehungen in die von Korruption geplagte Ukraine pflegte (siehe etwa bbc.com, 6.4.2021 oder nbcnews.com, 11.12.2020). Der greise Boss der Biden-Bande hat auch viele freundliche Worte in Richtung der Ukraine gesagt, wie auch die EU (und Leute wie Soros) gern vom »Euromaidan« schwärmten. Sollte Zelensky aber aus all dem abgeleitet haben, dass die NATO für die Ukraine in den Krieg gegen Russland ziehen würde, dass man für die Ukrainer – oder für deren Gasfelder – den Dritten Weltkrieg anzetteln würde, dann hat er sich verrechnet.

Warum nicht NATO?

Ich weiß nicht sicher, was heute wirklich wahr ist, und ich traue keiner Seite, mir die ganze Wahrheit darüber zu sagen – oder auch nur nicht aktiv zu lügen.

Ich traue natürlich Putin nicht (wenn ich ihn auch bei aller Brutalität für rational halte, was aber nicht ausschließt, dass seine Rationalität von falschen Prämissen bezüglich des politischen Weltklimas aussagen sein könnte).

Ich traue auch Zelensky nicht hundertprozentig. Dass Putin die Ukraine brutal angreift, ändert nichts an der Tatsache, dass Zelenskys Kampf gegen die Korruption (mit den Oligarchen gegen die Oligarchen?!) letztes Jahr laut einigen Beobachtern als quasi-gescheitert galt. Aktuell mag der Hauptgrund gegen einen NATO-Beitritt schlicht sein, dass man ganz real einen Dritten Weltkrieg damit auslösen könnte, 2021 aber nannte Biden die Korruption im Zelensky-Staat als zentralen Hinderungsgrund; thehill.com, 14.6.2021: »Ukraine must clean up corruption to be admitted to NATO«.)

Ich traue ganz gewiss unseren Konzern- und Staatsmedien nicht. Seit Jahren müssen wir uns täglich darin üben, zwischen Propaganda und Stimmungsmache ein paar wahre Brocken herauszufischen. Warum sollte ich ihnen jetzt zu vertrauen beginnen?

Fetter Tiger

Das erste Opfer des Krieges ist bekanntlich die Wahrheit, doch manchmal führt der Krieg uns alte Wahrheiten neu vor Augen, wie etwa die Regel: Wenn zwei das gleiche tun, ist es noch immer nicht dasselbe – auf Lateinisch: Quod licet Iovi, non licet bovi – und das wiederum auf Deutsch etwa: Was Jupiter darf, darf der Ochse noch lange nicht. (Anmerkung: Hier stand statt »Ochse« zunächst »Rindvieh« und »Bulle«, gemeint ist aber der kastrierte Bulle, was gewisse Geringschätzung ausdrückt, wie ein Leser mich dankenswerterweise korrigierte.)

Bleiben wir aber auch in aufgewühlten Zeiten logisch: Aus der Tatsache, dass es in der Ukraine auch Biolabore gibt und diese knapp zwei Wochen später den Russen zur Quasi-Begründung ihrer Invasion einfallen, folgt nicht, dass in diesen Laboren gefährliche, verbotene Dinge passierten – oder natürlich, dass sie dort nicht passierten. (Die Russen sagen, sie hätten entsprechende Dokumente, aber die Proben selbst seien alle vorab vernichtet worden – naaa ja.)

Die Fragwürdigkeit der Kriegsbegründung der USA im Jahr 2003 rechtfertigt in keiner Weise den Einmarsch Putins in die Ukraine. Wir stellen aber – wieder – fest: Die UN ist ein zahnloser, aber fetter Tiger, da und weil dort Unmoralische an unsere Moral appellieren, weil dort zu oft gewissenlose Weltmächte das Gewissen der Welt beschwören wollen.

»Ich weiß es nicht.«

Wir wissen, dass wir nichts wissen, und dass was wir zu wissen glauben, stellt sich auch noch immer wieder als falsch heraus. Ich stelle fest, dass mich dieses Nichtwissen ärgert, und dass ich es doch zu akzeptieren lerne.

Der Dummkopf, wenn er etwas nicht weiß, sucht sich eine beliebige Möglichkeit aus, und dann überzeugt er sich selbst, dass diese zufällig gewählte Position doch die eine Wahrheit sein müsse. Den Klugen unterscheidet vom Dummkopf, dass er viel mehr weiß als dieser, und dennoch öfter »Ich weiß es nicht« sagt.

In diesen Tagen erscheint es mir als klug, noch öfter als ohnehin zu sagen: Ich weiß es nicht, doch ich lerne täglich dazu, um zumindest den groben Umriss dessen zu erkennen, was ich alles nicht weiß.

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