Dushan-Wegner

29.01.2024

Die große Lüge

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten
Die große Lüge unserer Zeit: Selbst wenn unsere Mächtigen ähnlich vorgehen wie böse Mächtige anderer Zeiten und Länder, so ist das nicht böse, denn unsere Mächtigen sind die große Ausnahme, und ihr Handeln ist »gut«, auch wenn es bösem Handeln ähnelt.
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Freunde, wir werden angelogen. Und ja, ich weiß, dass es trivial ist, das zu sagen – man sollte etwas spezifischer werden – also lasst uns das mutig tun!

Wir werden vielleicht angelogen bezüglich mancher Statistiken. Wir werden womöglich angelogen bezüglich mancher Absicht. Und wir werden definitiv angelogen, was dieses Thema da betrifft: … woran denkt ihr genau jetzt, welches Thema fällt euch ein?

Frage: Wenn ihr etwas (eine Behauptung oder einen Sachverhalt) als die »große Lüge« auszeichnen müsstet, was wäre das?

Jeder Mensch wird an dieser Stelle etwas anderes als »große Lüge« beschreiben. Ein Arzt wird eine andere »große Lüge« anführen als ein Völkerrechtler (also ein, äh, »richtiger« Völkerrechtler). Jemand, der heute in der Kinder- oder Altenbetreuung arbeitet, ein Lehrer oder ein Arbeitgeber – einem jeden wird eine andere Antwort dazu einfallen, was die »große Lüge« sein könnte. Und jede Antwort wird auf ihre Weise zutreffend sein. (Schreibt eure Deutung gern als Kommentar zum Video, so können wir gemeinsam klüger werden – und zum Klügerwerden gehört definitiv, sich darüber ehrlich zu machen, was die reale Lage ist.)

Alles ganz anders?

Ich will euch hier meine persönliche Antwort auf diese Frage nach der »großen Lüge« als These vorlegen.

Und zwar: Die »große Lüge« ist heute, dass »diesmal alles ganz anders zu bewerten« sei.

Lasst mich erklären!

Probiert bitte folgenden Gedanken aus: Die Mächtigen aller Zeiten – und die heutigen Mächtigen in besonderem Maße – wollen glauben lassen, dass sie eine moralische Ausnahme darstellen, dass ihre Handlungen selbst dann im moralischen Sinne »gut« sind, wenn diese Handlungen denen früherer oder anderswo regierender Übeltäter in wesentlichen Eigenschaften gleichen.

Oder eben simpel: dass es »diesmal alles ganz anders zu bewerten« ist.

Nun, ich sage: Es ist die »große Lüge«, dass das Heute magischerweise eine Ausnahme ist, in welcher alle moralischen Bewertungen andersrum gelten.

Keinesfalls unmoralisch

Ein Beispiel für die mögliche Anwendbarkeit dieser »großen Lüge«:

Heute hört man bisweilen von Einheizern aus dem Altparteien-Kontext, dass man die Opposition verbieten müsse, da sie »Feind der Demokratie« oder sogar »Staatsfeind« sei.

Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, der erinnert sich, dass in der Historie verschiedener Nationen immer wieder auf die Erklärung oppositioneller Parteien zu »Staatsfeinden« (oder ähnlich) regelmäßig sehr üble Entwicklungen folgten. Und vor allem, dass diejenigen, die dies taten, später zuverlässig als sehr böse Menschen bewertet wurden.

Und hier etwa greift die »große Lüge«. Politiker und Propaganda jeder gegebenen Zeit wollen ihre Untertanen davon überzeugen, dass die aktuellen politischen Handlungen, selbst wenn sie sich auf die Handlungen ihrer verbrecherischen Vorgänger »reimen«, dennoch keinesfalls unmoralisch sind, denn magischerweise sind sie, die aktuellen Mächtigen, jetzt die Ausnahme und »die Guten«.

(Nebenbei: Dass man in Deutschland heute zum »Staatsfeind« und »Feind der Demokratie« erklärt wird, wenn und weil man Staat und Demokratie retten will, verleiht dieser aktuellen Unart eine zusätzliche, so absurde wie zynische Ebene.)

Denkfehler der Abhängigen

Der Denkmechanismus aber, der es der Propaganda ermöglicht, sich selbst zur moralischen Ausnahme zu erheben, hat mit »relevanten Strukturen« zu tun. (Mehr dazu in meinem Buch dieses Titels.)

Jeder Mensch empfindet etwa seine eigene Familie oder seine eigenen Kinder als ethisch relevanter. Es ist ein »Chauvinismus«, ohne den die Welt noch schlechter funktionieren würde. Es ist das Prinzip hinter der Regel, dass wenn jeder vor seiner Haustür kehrt, die ganze Straße gekehrt ist – was natürlich voraussetzt, dass alle Bewohner ihre Tür als auch die ihre wahrnehmen.

Es ist aber auch der ethische Denkfehler beim Stockholm-Syndrom. Im Kern: Wovon wir abhängig sind, das empfinden wir eher als ethisch und moralisch gut. Und genau das macht es möglich, uns einzureden, die Handlungen heutiger Regierungen wären plötzlich als ethisch »gut« zu werten – während sie in Methode und Zielrichtung denen »böser« Regime zu ähneln scheinen.

Die umbenannte SED als Partei der Mauermorde und Foltergefängnisse lebt weiter, und durch ihre blanke Existenz verhöhnt sie jedes einzelne Opfer des DDR-Unrechts bis heute, jeden Tag. Doch auch deren alte Propagandamethode, politische Gegner grundsätzlich als »Faschisten« zu diffamieren, lebt weiter. Es ist wohl eine makabre Spielart der »großen Lüge«, doch wir erkennen auch hier den psychologisch-ethischen Mechanismus: Aus westlicher Sicht war es natürlich böse DDR-Propaganda, den politischen Gegner als »faschistisch« zu diffamieren, doch heute ist es wichtig und richtig, selbst wenn DDR-Personal das tun sollte – weil das Heute eben heute ist und also eine relevantere Struktur als es jede andere Zeit zu sein scheint.

Magisch: Aus Pfui wird Hui!

Nun, ich halte es für eine »große Lüge«, dass die Diffamierung der Gegner als »Faschisten« durch die SED zwar damals inakzeptabel war, aber heute wie durch einen magischen Akt plötzlich richtig sein soll.

Wie in der DDR und zuvor im Dritten Reich lässt man heute wieder »Kulturschaffende« für die Regierung und gegen politische Gegner agitieren (siehe Essay vom 22.9.2018). Aber ja, damals war so etwas böse, falsch und undemokratisch, heute ist es gut und richtig und nun plötzlich Ausdruck demokratischer Gesinnung – so will man uns glauben machen, und so reden es sich die willigen, teils direkt oder indirekt vom Staat finanzierten Künstler selbst ein.

Wie in der DDR und zuvor im Dritten Reich setzt man heute – wieder und immer noch – unscharfe Vokabeln wie »Hetze« gegen Andersdenkende ein. Vor einem halben Jahrzehnt schon beschrieb ich (im Essay vom 23.7.2018) den Fall der Bettina Wegner, die nach dem DDR-Paragrafen »Staatsfeindliche Hetze« (§ 106 DDR-StGB) von der Stasi als »feindlich-negative Person« ausgemacht und abgeschoben wurde.

Wenn Regierungskritiker heute als »Miesmacher« abgetan werden und ihr euch fragt, wo ihr das schon mal gehört habt, dann solltet ihr besser auf keinen Fall an die »Aktion gegen Miesmacher und Kritikaster« der Reichspropagandaleitung der NSDAP im Frühjahr 1934 denken.

(Übrigens: Im heutigen Deutschland spiegelt man zwar Methoden früherer Zeiten, doch man hat sich einen Trick überlegt, dies zu verschleiern: Man behauptet bisweilen, dass wer als Nicht-Linker die Methoden von Linken mit »früheren« Methoden vergleicht, das frühere Unrecht durch Gleichsetzung »verharmlose«. Allerdings: Der Methoden-Vergleich durch einen Nicht-Linken gilt als Gleichsetzung. »Gute« dürfen nicht nur Methoden vergleichen, sondern auch explizit das Wesen gleichsetzen – siehe »Faschisten« und »Nazi« für Regierungskritiker.)

Hochmoralische »Säuberung«

In für den Normalbürger kaum vorstellbarer Höhe leistet die Regierung wie in früheren Zeiten hohe Zahlungen an »NGOs« und »Journalisten«, die dann die Botschaften der Regierung verstärken und die politischen Gegner scharf attackieren (siehe aktuell etwa die Berichte um die Millionenzahlungen an »Correctiv«, nius.de, 29.1.2024). Für jede andere Zeit und Staatsform würde man eine solche politische Praxis richtigerweise als krass undemokratisch und schlicht »böse« bewerten. Doch wenn es jetzt und hier passiert, im »besten Deutschland aller Zeiten«, ist dieses Muster plötzlich hochmoralisch und selbstverständlich zu begrüßen – denn heute ist alles ganz anders und alle Moral gilt andersherum.

Ich halte das definitiv für einen Teil der »großen Lüge«.

Vor einiger Zeit erwähnte ich die bemerkenswerte »China-Kompatibilität« der deutschen Politik (siehe Essay vom 16.1.2024). Wusstet ihr aber, dass China unter Mao Zedong ab 1957 eine »Säuberung« erlebte, deren Auftrag und Name übersetzt »Anti-Rechts-Bewegung« heißt? Der Kampf gegen politische Gegner als »Kampf gegen Rechts« ist eine tyrannisch-kommunistische Idee aus der Mao-Zedong-Ära.

Doch wenn man heute in Deutschland den »Kampf gegen Rechts« führt, mit der im Kern ähnlichen Absicht wie China damals (nämlich Sicherung der eigenen Macht) und praktisch identischer Wortwahl, wird man dennoch selbstbewusst erklären, dass diesmal alles ganz anders sei und dieser Vergleich sei selbstverständlich hanebüchen.

Gleiches gleich bewerten

Bewertet selbst, ob ihr das denen so abnehmt – oder ob es Teil der »großen Lüge« ist.

Ich verkaufe euch hier keine »große Wahrheit«; für diese wendet euch bitte auch weiterhin an die 20-Uhr-Propaganda und andere »Journalisten«.

Nichtsdestotrotz und umso mehr will ich mich der Wahrheit nähern, und das setzt voraus, dass wir uns auch erarbeiten, was eben NICHT die Wahrheit ist – sprich: was recht eindeutig eine »große Lüge« ist.

Wenn die uns sagen, dass deren Verhalten komischerweise ganz anders zu bewerten ist als sehr ähnliches Verhalten zu allen Zeiten und in allen Systemen zuvor und woanders, dann prüft, ob das womöglich eine »große Lüge« ist.

Und wenn ihr zum vorläufigen Fazit gelangt, dass man uns diese »große Lüge« erzählt, dann wisst ihr immerhin, wo wahrscheinlich die Wahrheit zu suchen ist, nämlich im Gegenteil dessen, was Politik und Propaganda sagen.

So viel für heute! Ich danke euch für euer Mitdenken, und ich bin sehr gespannt auf eure Interpretationen in den Kommentaren.

Ich bin auch jedem einzelnen Unterstützer dafür dankbar, dass ihr diese Arbeit möglich macht – und das ist definitiv die Wahrheit.

Weitermachen, Wegner!

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