10.09.2021

Dringend und wichtig

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Clément Falize
Wir überschauen noch längst nicht die Gefährlichkeit und Konsequenzen, wenn die Uni-Intellektualität des Westens von brettharten Identitäts-Ideologen ersetzt wird. Wenn die Unis blöd werden, dann wird woanders gedacht werden müssen!
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Vielleicht sind die Bücher zur Selbstorganisation wie »Getting Things Done« von David Allen eine moderne Form von praktischer Philosophie, oder sogar Weisheit. Ich will gern gestehen, dass ich diese Ideen durchaus sympathisch finde, seit jeher schon, wenn auch die praktische Umsetzung eine ewige Baustelle bleibt.

Ein wichtiger Gedanke dieser Bücher ist die Unterscheidung zwischen dem Dringenden und dem Wichtigen.

Es gibt die dringenden Mails, die dringenden Krisen, die dringenden Meetings. Und es gibt die wichtigen Themen, die leider vor lauter Dringlichkeit der anderen zu kurz kommen. Das Beobachten gesellschaftlicher Entwicklungen. Das Nachdenken über die eigene Rolle in der Gesellschaft der Zukunft – inklusive der eigenen wirtschaftlichen Rolle. Das Nachdenken über jene »ätherischen« Dinge, die zu viele leider erst dann ernst nehmen, wenn sie nur noch wenig dran ändern können.

Dann gibt es natürlich noch Dinge, die sind dringend und wichtig, etwa manche Dinge, die eigenen Kinder betreffend. Im hektischen Berufsalltag aber sind diese Dinge auffällig oft getrennt.

Es wäre eine interessante Übung, die Unterscheidung nach Dringendem und Wichtigem auf die Nachrichten des Tages anzuwenden – und da wird die Trennung schnell recht verschwommen.

Klagen und Spaltung

Der neueste Wahlkampfkrach über Laschet und Scholz oder Baerbock – es klingt dringend, aber wie wichtig ist es an diesem Punkt noch?

Wichtiger weil auch langfristig gefährlicher ist an diesem Punkt vielleicht die üble Sprache von der »Pandemie der Ungeimpften« (ein Ausdruck, den man von Politikern und Propagandisten weltweit hört) – und natürlich ist es weiterhin dringend. Es ist menschenverachtend. Und ob es so richtig ist, das wäre wieder eine eigene Frage.

Und dann gibt es Themen, die könnten kurios oder lästig wirken, auf jeden Fall nicht dringend, doch wir beginnen erst zu ahnen, wie wichtig sie für unsere Zukunft sind.

Aus den USA hören wir vom Fall des Uni-Philosophen Peter Boghossian, der seinen Job hinwarf.

Boghossian hatte Vertreter sehr unterschiedlicher und zweifelsohne kontroverser Meinungen als Sprecher an die Universität eingeladen, darunter konservative Christen, Occupy-Wallstreet-Aktivisten oder sogar »Flat Earther«, also Leute, die ernsthaft vertreten, dass die Erde eine Scheibe sei.

Jedoch, er wurde von seiner eigenen Universität heftig dafür angegangen.

Ich will ihn selbst zitieren, zunächst auf Englisch:

But brick by brick, the university has made this kind of intellectual exploration impossible. It has transformed a bastion of free inquiry into a Social Justice factory whose only inputs were race, gender, and victimhood and whose only outputs were grievance and division. (Peter Boghossian, via bariweiss.substack.com, 8.9.2021)

Im Deutschen etwa:

Jedoch, Stein um Stein hat die Universität diese Art von intellektueller Erkundung unmöglich gemacht. Sie hat eine Bastion der freien Forschung in eine Social-Justice-Fabrik verwandelt, deren einziger Input die Rasse, das Geschlecht (»gender«) und die Opferrolle ist, und deren Output nur ständiges Klagen und Spaltung sind. (Peter Boghossian, via bariweiss.substack.com, 8.9.2021, frei von mir aus dem Englischen übertragen)

Ja, ich weiß, dass es nicht dringend erscheint, wenn ein Philosoph in den USA seinen Job hinwirft. Es ist auch nicht neu, dass Universitäten zu Orten der Intoleranz und Ideologie werden. – Ich halte es aber für wichtig.

Wir überschauen noch nicht die Bedeutung und Reichweite der Tatsache, dass – angeheizt von den immer wieder auftauchenden NGOs mit »spannenden« Geldquellen – dem Westen das intellektuelle Herz abhanden kommt und durch brettharte Identitäts-Ideologen und Profi-Spalter ersetzt wird.

Dass Gestalten wie Merkel, Maas oder Spahn sich an der Macht halten können, dass in westlichen Staaten basierend auf Halbwahrheiten die Grundrechte aufgehoben werden können, dass in den USA eine lächerliche »Wahl« einen noch lächerlicheren »Präsidenten« ins Amt heben konnte, dass Biden & Co. nach dem Afghanistan-Desaster noch im Amt sind und sich dystopische Corona-Maßnahmen ausdenken können, während in Deutschland ein geradezu clownesker Wahlkampf so tun kann, als wären Gestalten wie Baerbock ernst zu nehmen – all das hätte so nicht passieren können, wenn nicht weite Teile der (finanziell ausgestatteten) Intellektualität des Westens durch so stramme wie auffällig gleichschaltende Ideologen ersetzt worden wären.

»Anything, but not everything«

Ja, ich verstehe, dass Angelegenheiten wie die anstehende Bundestagswahl oder die neuesten Krisenlügen uns als dringend erscheinen – jedoch, wenn wir uns nicht dem Wichtigen stellen, nämlich, dass der Westen seinen jahrtausendalten Vorteil aufzugeben droht, das kritische Denken, den Willen zur Wahrheit, die Aufklärung selbst, dann könnte sich das Dringende ebenfalls bald ganz erledigt haben.

Wenn die Unis blöd werden, dann wird woanders gedacht werden müssen. Denke selbst, denn niemand wird es für dich tun – ganz bestimmt nicht die Ideologen an den Universitäten.

»You can do anything, but not everything«, so sagt der Getting-Things-Done-Guru David Allen; sinngemäß ins Deutsche übertragen: »Du kannst jedes Ziel erreichen, aber nicht alle Ziele.«

Das Dringende wird sich schon von selbst in den Vordergrund schieben. Wenn schon unser Land es nicht tut, dann könnten wir es als Einzelne tun: Es könnte eine gute Idee sein, uns immer wieder bewusst dem Wichtigen zuzuwenden.

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