31.05.2021

In die Zelle, wenn man weinen muss

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Stainless Images
Bei Amazon stellen sie im Lager jetzt Zellen auf, in die Arbeiter sich zurückziehen können, um zwischendurch zu »meditieren«. Oder um über ihr Leben zu weinen? Willkommen in einer schönen neuen Welt!
green grass field under white clouds and rainbow
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Die Firma Amazon stellte dieser Tage eine neue interne Idee namens AmaZen vor. Ja, das »Zen« steht wohl ganz in westlicher Tradition für »irgendwie beruhigend«. AmaZen sind Kabinen, so groß wie einst Telefonzellen (die Gereifteren unter uns erinnern sich noch an jene).

Die AmaZen-Zellen sollen den Amazon-Warenhaus-Arbeitern die Möglichkeit geben, zwischendurch etwas zu »meditieren« (was auch immer man in Konzernen unter »Meditation« verstehen mag), einfach beruhigende Klänge zu genießen oder, so die Berichte, sogar motivierende Slogans zu hören.

Amazon lud ein Video zu diesen AmaZen-Boxen bei Twitter hoch, doch nach dem ersten Feedback nahm man es schnell wieder offline – nicht aber bevor es nicht von Dritten heruntergeladen und bei YouTube wieder hochgeladen wurde.

Man liest und hört ja immer wieder von den Arbeitsbedingungen in Amazon-Lagern – und es ist, äh, »spannend«. Arbeiter berichten von der Überwachung jeder einzelnen Bewegung (spglobal.com, 17.3.2021), von einer Kontrolle durch Computerkameras und Algorithmen, welche angeblich die Sekunden vorgeben, die man für jeden Handgriff brauchen darf (so theguardian.com, 5.2.2020). Man liest von 60-Stunden-Wochen und regelmäßigen Krankenwagen-Einsätzen (so businessinsider.com, 19.2.2019). In seinem letzten Brief an die Aktionäre (siehe aboutamazon.com, 15.4.2021) sah Amazon-Boss Jeff Bezos die Notwendigkeit, es direkt anzusprechen: »our employees are sometimes accused of being desperate souls and treated as robots. That’s not accurate.«, zu Deutsch etwa: »unsere Angestellten werden beschuldigt, verzweifelte Seelen zu sein und wie Roboter behandelt zu werden. Das ist nicht zutreffend.« – Na denn, wir sollten sie nicht »beschuldigen«, wenn es nicht zutreffend ist.

Angesichts solcher Berichte über die Arbeitsbedingungen ahnte so mancher, wofür diese »AmaZen«-Boxen wahrscheinlich am häufigsten gebraucht werden: Lagerarbeiter werden sich zum Weinen zurückziehen. In den Boxen steht ein Schreibtisch mit einem Computer, auf dem man sich Meditations-Anleitungen erklicken kann. Auf einem Regal sehen wir im Video eine tapfere kleine Pflanze (ich weiß nicht, ob sie echt oder aus Plastik ist). Vor allem aber sehen wir eine Art Teppich an den Wänden, was gewiss Schall und Schluchzer etwas dämpft. Kurz für den emotionalen Zusammenbruch in die blaue Box – um dann weiter zu malochen (weil man noch so »doof« ist, selbst zu arbeiten, statt entspannt vom Staat zu leben). Und nicht nur ich musste an die Suizid-Zelle bei Futurama denken (siehe YouTube), vielleicht als nächste, logische Konsequenz, wenn die Schnell-Meditation nicht mehr hilft.

(Zwischendurch: Bevor der brillante @argonerd meinen Widerspruch aufspießt, tue ich es selbst! Mein Buch »Relevante Strukturen« gibt es gedruckt exklusiv bei Amazon. Der schlichte Grund: Zu kleinen Autoren ist Amazon weit freundlicher als der durchschnittliche Verlag.)

Im Video und in Berichten (etwa businessinsider.com, 28.5.2021, Amazon-Pressemitteilung via businesswire.com) erfahren wir, dass Amazon ein 300-Millionen-US-Dollar-Programm names »WorkingWell« aufsetzt. Als Ziele lesen wir Business-Lingo wie »recharge and reenergize, and ultimately reduce the risk of injury«, zu Deutsch etwa: »nachtanken und neue Energie schöpfen, und schlussendlich das Risiko von Verletzungen verringern«.

2018 wurde berichtet, dass in mindestens einem Amazon-Lager die Toiletten so weit weg von der Arbeitsstelle entfernt waren, dass Mitarbeiter lieber heimlich in Flaschen urinierten, als den weiten Weg zum Klo zu unternehmen (theverge.com, 16.4.2018). Vielleicht sollte Amazon einfach nur genug Toiletten installieren. In deutschen Krankenhäusern etwa haben sich Toiletten bewährt als Krankenschwester-Rückzugsort, für den kleinen Nervenkollaps oder die schnelle Zigarette zwischendurch, und auch mal, ja, für ein hektisch verschlungenes Brötchen statt einer ordentlichen Pause (oder natürlich für die Freudentränen, wenn der Corona-Einsatz von den Helios Kliniken, wo keine Krankenschwester ihr Brötchen auf dem Klo isst, mit einem Fünf-Euro-Gutschein gewürdigt wurde; siehe focus.de, 19.3.2021 – der Gewinn des Klinikunternehmens Fresenius Helios in 2020 betrug laut statista.de, 3/2021 übrigens in der Symbolik charmante 666 Millionen Euro). 

Unternehmen haben sich seit jeher um das Wohl ihrer Mitarbeiter gekümmert – denken wir nur an die Siedlungen mit den schmucken Einfamilienhäusern, die Fabriken oder Bergwerke einst ihren Mitarbeitern bereitstellten. Die Initiative von Amazon hat dennoch eine sehr andere Qualität als von Fabriken finanzierte Häuser, Parks oder Sportvereine.

Wenn früher eine Fabrik ihren Arbeitern einen Fußballplatz oder gleich ein Haus finanzierte, dann gab sie den Mitarbeitern, was diese tatsächlich selbst wollten und sich aktiv wünschten. Wenn Amazon ein Programm wie »WorkWell« oder Maßnahmen wie die »AmaZen«-Zellen aufsetzt, dann entscheidet der Konzern selbst, dann entwickelt und beschließt der Konzern die Maßnahmen zur Erhaltung der seelischen Stabilität seiner Mitarbeiter – und er verheimlicht nicht einmal, dass diese Maßnahmen auf die Bedürfnisse des Konzerns hin optimiert sind (zum Beispiel die Senkung der Unfallzahlen und damit der Kosten durch diese).

Mehr als Firmen-Fußballclub

Alle Formen menschlicher Interaktionen sind seit jeher immer mit der menschlichen Suche nach Glück verknüpft, also auch die Arbeitswelt.

Maßnahmen wie »AmaZen« unterscheiden sich von bisherigen »Glücks-Bereitstellungen« zuerst durch die inhaltliche Initiative. Unternehmen sagen ihren Mitarbeitern, dass und wie sie glücklich zu sein haben – weil es zum Vorteil des Unternehmens gereicht.

Es sind ja nicht nur die Mitarbeiter der Konzerne, die neu entwickelte Glückskonzepte und Glücksmethoden anwenden sollen! Wer etwa eine Apple Watch kauft und sie auch tatsächlich einsetzt, wird von der Uhr angehalten, sich regelmäßig zu bewegen, rechtzeitig schlafen zu gehen, und, ja, auch mal so etwas wie »Meditation Light« zu betreiben, indem man zwischendurch eine Minute lang »bewusst atmet«.

Pausenräume und Firmen-Fußballvereine von Arbeitgebern oder »moralische« Produkte wie »gerecht angebauter Kaffee« und Elektro-Autos bedienten noch bereits vorhandene Glücks- und Moralkonzepte. Meditationsboxen am Arbeitsplatz und Smartwatches am Handgelenk entwickeln neue, fürs Unternehmen wirtschaftlich nützliche und zugleich mehrheitsfähige, einfach umzusetzende Glückskonzepte, die sie dann systematisch produzieren, skalieren, kontrollieren und weiter optimieren.

Nur die ersten Schritte

Es ist natürlich und verständlich, wenn wir neugierig, nervös und auch mal wütend die Aufreger des Tages verfolgen. Jedoch, wer immer nur direkt vor seine Füße blickt, wer nie die Augen hebt, der sieht nicht, was vom Horizont her auf ihn zukommt.

Meditations-Boxen in Amazons Warenlagern, Smartwatches oder auch Psycho- und Nudging-Forschung der Regierungen (Beispiel: gut-leben-in-deutschland.de) sind nur die ersten, zaghaften Schritte in die Richtung dessen, was ich »Automatisiertes Glück« (Essay vom 22.4.2021) nenne.

Es soll Zeiten gegeben haben, da haben sich Söhne selbstverständlich dieselbe Automarke wie der Vater zugelegt – schließlich hatten sie ja auch denselben Beruf gewählt. Bis heute ist es in den meisten Teilen der Welt selbstverständlich, dass Kinder die Religion der Eltern annehmen (manche unfreiwillig durch Beschneidung schon im Babyalter) – und damit übernehmen sie auch das »Glückskonzept« der Eltern.

Jedoch, die Zeiten ändern sich. Kinder wählen andere Automarken als die Eltern – wenn sie überhaupt Autos kaufen. Kinder wählen andere Berufe als die Eltern – manchmal auch weil die Berufe der Eltern obsolet geworden sein könnten. Kinder würden aber durchaus gern die Glückskonzepte der Eltern übernehmen, die »praktische Weisheit« – wenn die Eltern überhaupt nachweislich funktionierende Glückskonzepte anzubieten hätten!

In der Zukunft – die ja bereits begonnen hat! – werden Arbeitnehmer den Arbeitgeber ganz bewusst auch nach dessen Glückkonzepten auswählen. Der eine bietet dann Meditationsboxen an, der andere vielleicht philosophischen Unterricht – und ein Unternehmen ohne effektives Glückskonzept wird nicht nur altmodisch wirken, sondern schlicht weniger produktiv und damit weniger wettbewerbsfähig sein.

Wir haben bereits begonnen, zu elektronischen und digitalen Produkten geronnene Glückskonzepte zu kaufen oder unser Denken formen zu lassen. Smartwatches und die emotionalen Manipulationen der Social-Media-Konzerne sind erst die ersten, zaghaften Schritte. In den USA beschäftigen sich Forscher und börsennotierte Unternehmen neu mit bewusstseinsverändernden Drogen (siehe etwa nytimes.com, 9.5.2021 (€)). Es wäre eine logische Konsequenz aktueller Debatten, dass nach der mRNA-Injektion auch eine »Impfung gegen Traurigkeit« angeboten wird. (Natürlich vollständig freiwillig, notwendig nur falls man einen Job, einen Kredit, einen Studienplatz oder einen Führerschein bekommen möchte.)

Koffer selbst gepackt?

Unsere heutige Welt, eine Gesellschaft mit unglücklichen, sorgenvollen Menschen, sie wird kommenden Generationen geradezu barbarisch vorkommen. In der Zukunft werden wir uns Glückskonzepte wie Produkte aussuchen.

Die Frage ist nicht mehr, ob man uns Glück als Produkt verkaufen wird, ob es Glückskonzepte als Voreinstellung geben wird. Die Frage ist, ob und wie wir uns darauf vorbereiten!

Ich rate uns, schon jetzt unsere eigenen Glückzkonzept-Kriterien zu erkunden. Entweder Konzerne und Politiker werden für dich entscheiden, was du Glück zu nennen hast – und es wird ein Glück sein, von welchem zuerst sie profitieren, nicht du – oder du entscheidest rechtzeitig selbst.

Ordne deine Kreise – oder andere werden sie für dich ordnen, nach ihrer Ordnung, nicht deiner.

Am Flughafen werden wir bei der Sicherheitskontrolle manchmal gefragt, ob wir unseren Koffer selbst gepackt haben. Man sollte jeden Menschen ähnlich fragen: Hast du deine Kreise selbst geordnet?

»Weiterschreiben, Wegner!«

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