20.09.2021

Wie ernst ist es (zu nehmen)?

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Nsey Benajah
Simple, harte Frage, aber jemand muss sie stellen: Ist ein Land, in dem eine Baerbock ernst genommen wird, noch ernst zu nehmen?
mans face with white scarf
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Sogar der Heiligste verspürt bei Gelegenheit das Bedürfnis, einem allzu tranigen Mitmenschen eine Derbheit an den innerlich ungepflegten Kopf zu werfen. (Der wahre Zweck solch scharfer Worte ließe sich debattieren. Schimpft man, um die eigene Pein im Anblick von Dummheit zu entlasten? Schimpft man als Versuch, die Gesellschaft und, ja, die Menschheit ein klein wenig weniger dumm zu machen? – Ja, auch hier wohl: beides.)

Jedoch, um einen selig dumpfen Dumpfseeligen stilvoll anzuraunzen braucht es nicht immer scharfe Worte. Bisweilen kann eine simple Frage sogar schärfer treffen.

Eine bestimmte Frage ist eine der schärfsten »Waffen« im zwischenmenschlichen Umgang – wie alle scharfen Waffen setzt sie natürlich Erfahrung und Können im Umgang voraus – und diese Frage lautet: »Nimmst du dich eigentlich selbst ernst?«

Im Darknet über Chatgruppen

Erlauben Sie mir, ein aktuelles Video zu transkribieren, welches der Juristen-Account »Hartes Geld« als Bewegtbild-Zitat gepostet hat:

Ich hab’ deutlich, äh, gemacht, angesichts dessen, was in FAKE NEWS, äh, auch in dem deutschen Wahlkampf gegen uns als Grüne, gegen mich als Person aufgetreten ist, und solche Geschichte wie die Grünen wollten angeblich, äh, Haustiere verbieten, oder, äh, wollten angeblich die Witwenrente, äh, abschaffen, äh, das begegnet mir immer noch auf Marktplätzen, weil es sich einfach, äh, im Darknet über Chatgruppen massiv, äääh, verbreitet hat, und das, auch da, das kann man ja nachlesen, das sind ja nicht die Berichte die Grünen gemacht haben, grade auch von außen gesteuerte Fake News verbreitet wurden. Ich sehe das als große Aufgabe, dass wir als demokratische Parteien, aber auch dann in Zukunft gemeinsam zwischen Europa und den Amerikanern, mit Blick auf das Internet, Fake News und, äh, die Gefährdung dortigen Raum das gemeinsam angehen. (Annalena Baerbock, via @Hartes_Geld, 19.9.2021)

Vergessen wir die vielen Lebenslauflügen und Plagiate der Frau. Vergessen wir die vielen Totalaussetzer der Vergangenheit. Nehmen wir nur dieses eine Zitat.

Wir stellen die Ironie des pragmatischen Widerspruchs fest (den auch Hartes Geld herausstreicht), wenn Frau Baerbock zur Bekämpfung des Rufs als Verbotspartei angebliche »Fake News« über Grüne Verbotsphantasien verbieten will. Wir stellen auch den Spin fest, wenn sie die Kritik an ihren Lügen und Übertreibungen als Angriff auf die Person umdeuten will. Wir stellen es fest, doch wir betrachten das Gesamtbild, das sich aus diesem Zitat ergibt.

Stellen wir all die Details für einen Augenblick hintan, und stellen wir ganz allgemein eine simple, aber doch große Frage: Deutschland, du Land, in dem eine Baerbock ernst genommen wird, nimmst du dich eigentlich selbst noch ernst?

Die Perfekte

Im Essay »Merkel sucht den Nachfolgeroboter« (4.6.2021) schrieb ich zu Baerbocks besonderer Rhetorik:

Frau Baerbock wiederholt vermutlich einfach nur Wörter, mit denen sie bei Journalisten und anderen Menschen auf ihrem Denkniveau guten Anklang findet.

Wenn die Chefgrüne im Videoschnipsel also von »Darknet« phantasiert, würde ein richtiger Journalist nachhaken, was genau sie damit meint. Natürlich meint sie nichts damit – man muss ein Wort verstehen, um damit etwas meinen zu können. Insofern ist Baerbock tatsächlich die perfekte Grüne; sie wiederholt Schlagworte, die in ihrer Wählerschaft bestimmte Emotionen auslösen – ob es Sinn ergibt oder nicht.

Kein Muskel

Ich bin kein Heiliger, und ich gestehe, dass ich beim Transkribieren der Baerbockschen Auslassungen zu »Fake News« und »Darknet« mehrfach laut lachen musste, woraufhin ich jedes Mal aufstand und mir erst einmal einen Tee aufbrühte (jetzt stehen in der Küche noch drei volle Tassen Tee – meine Nieren werden heute gut gespült sein).

Aktuelles: Selbst im eher denk- und realitätsunwilligen deutschen Staatsfunk hört man heute Zweifel, ob Deutschland etwa in Energiefragen ernstzunehmen sei. br.de, 19.9.2021 etwa stellt irritiert fest, dass weltweit Länder neue Atomkraftwerke bauen (»War der Atomausstieg in Deutschland ein Fehler?«) – und zwar für den Klimaschutz! (Ich habe es letztes Jahr in »Windkraft ist Gewalt« notiert, oder natürlich in »Kommt Atomkraft wieder? Werden West-EU und Ost-EU versöhnt?«, aber auch schon 2016 in »Talking Points«.)

Ich möchte und werde nicht scharfe Worte gegen Deutschland sagen, dafür ist mein Herz dieser meiner Heimat viel zu nah. Ich frage aber, und ich frage ohne auch nur einen Muskel in meinem Gesicht zu einem Lächeln zucken zu lassen, ich frage ohne Wut und ohne zweite Ebene: Deutschland, nimmst du dich eigentlich selbst noch ernst?

Die große, die eiskalte und doch glühend wichtige Frage lautet heute: Ist ein Land ernst zu nehmen, in welchem eine Baerbock ernst genommen wird?

Wenn aber die Antwort »nein« lautet, dann muss sich der Einzelne fragen, wie ernst er seine Zukunft, sowie die Zukunft seiner Kinder oder seines Unternehmens nimmt. Und dann muss der Einzelne ernsthafte Konsequenzen ziehen.

Am Ende gewinnt immer die Realität – und die Realität, die meint es immer ernst.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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