26.10.2021

Erwartungsgesellschaft

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten
Je weniger heute einer der Welt anzubieten hat, umso mehr erwartet er von dieser. Das Verwunderliche ist, dass man damit einige Jahrzehnte lang tatsächlich Erfolg haben konnte! Es war nie ein stabiler Zustand.
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Je weniger heute einer der Welt anzubieten hat, umso mehr erwartet er von dieser. – Man spricht viel von »Haltung« in diesen Jahren, und man meint damit Pflicht, Gehorsam und Moral, doch die tatsächliche moralische Haltung ist nicht selten die Erwartungshaltung.

Absolventen unnützer Studiengänge in ausgedachten Sachgebieten erwarten ein Gehalt, im Zweifelsfall vom Steuerzahler.

Angehörige dieser oder jener Gruppe erwarten eine bevorzugte Behandlung, allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit – als wäre Zugehörigkeit allein eine nützliche Leistung.

Kinder, die von schlechten Lehrern in die Irre geführt wurden, erwarten einen Teilnahmepreis, sprich: sie erwarten eine Auszeichnung für bloße Existenz.

Man hört gelegentlich den spöttischen Begriff »Generation Teilnahmepreis«. Ach, es ist doch längst mehr als nur eine Generation. Präziser wäre als Begriff wohl: die Erwartungsgesellschaft.

Zu erwarten bedeutet, davon auszugehen, dass etwas passieren wird. Die heutige und bisherige Erwartungshaltung gegenüber Gesellschaft und Steuerzahler, sie hat zusätzlich noch einen penetranten moralischen Anstrich.

Einen moralischen Anspruch laut und aggressiv zu äußern, das kann tatsächlich Mitmenschen motivieren, zu gehorchen und einem die Erwartung zu finanzieren – eine Zeit lang.

Wenn er mit genug Dreistigkeit und Autorität auftritt, kann der larmoyante Erwartende seine Erwartung zunächst erfüllt bekommen. Früher oder später aber merken die Erfüllenden, dass diese Forderungen für sie und für die Gesellschaft ein Minusgeschäft sind – und sie kündigen die Beziehung auf.

Es ist ratsam, sich rechtzeitig auf kommende Entwicklung einzustellen. Die Erwartung als Lebenshaltung hat einige wunderliche Jahrzehnte lang tatsächlich funktioniert, doch sie wird ihre magische Kraft und bald darauf ihre Attraktivität verlieren.

Die Erwartungsgesellschaft, diese merkwürdige Schnittmenge von Sozialstaat, Moralismus der 1968-er und Demokratie-Spätphase, sie löst sich ja bereits vor unseren Augen auf, und sie wirkt dabei stellenweise wie ihre eigene Parodie.

Es wird sich wieder »normalisieren« – es normalisiert sich bereits. Das alte Prinzip von Angebot und Nachfrage, es wird sich auch in der Stadtgesellschaft einpendeln. Außerhalb der Großstädte war es in vielen Regionen ohnehin nie anders.

Je weniger einer der Welt anzubieten hatte, umso mehr wollte er in den vergangenen Jahrzehnten von der Gesellschaft fordern dürfen – und oft genug erfüllte man ihm seine Forderungen. Diese Jahrzehnte neigen sich ihrem Ende zu.

Die katzengoldene Regel der Erwartungsgesellschaft klingt uns ja noch in den Ohren: »Fordere nur laut genug!«

Es wird wieder normal(er) werden. Schneller als vielen Bürgern bewusst ist, wird wieder gelten, was seit den ersten Menschheitstagen als wahre Grundregel galt: »Sei nützlich!«

Ich sage nicht, dass eine kalte Nützlichkeitsgesellschaft wäre, was ich mir wünsche. Ich bin mir auch sehr wohl dessen bewusst, dass es Kennzeichen der übelsten Regimes ist, die Menschen nach nützlich und nach geduldet zu teilen.

Man könnte sagen, dass sich der moralische Wert einer Gesellschaft auch daran misst, wie sie jene behandelt, die unverschuldet unnütz sind – und zuvor noch daran, was als Nützlichkeit gilt.

Das Pendel schwingt bereits zurück, und gegenüber der Erwartungshaltung, auf der anderen Seite der Pendelbahn, liegt eben die Frage nach der Nützlichkeit.

Das Pendel der Geschichte ist mit schwerer Kugel und scharfen Klingen besetzt, und wehe denen, die in seine Bahn geraten.

Ich könnte ja nett sein wollen und also behaupten, dass auf die Erwartungsgesellschaft etwas anderes folgen kann als die Nützlichkeitsgesellschaft, doch dann spräche ich nicht nach meiner besten Erkenntnis – und damit wiederum wäre ich nicht nützlich.

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