08.09.2021

Freiheit in der Gummizelle

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten, Freiheit in der Gummizelle
Ein Mensch fühlt sich »frei«, wenn er sich zwischen verschiedenen Möglichkeiten entscheiden kann, von denen mindestens eine ihn zufrieden stellt. – Können die Deutschen in diesem Sinne »frei wählen«, wer (realistisch) über sie herrscht?
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Wer in einer harten Gefängniszelle sitzt, weil er vielleicht einen anderen Menschen getötet hat, oder weil er eine verbotene Meinung ins Internet schrieb, so einer ist nicht frei, da wären wir uns schnell einig.

Ein Mensch aber, der in einer gepolsterten Gummizelle festgehalten wird, ist er denn frei? Was wäre, wenn ihm noch dazu Tabletten und eine Betreuung zuteil würden, derart dass seine Existenz in der Gummizelle sich für ihn sogar frei anfühlte? (Nehmen wir mindestens an, dass er auf Nachfrage hin versichern würde, frei zu sein. Würden wir ihn frei nennen, von außen betrachtet wohlgemerkt?)

Meine Annäherung an die Idee von Freiheit lautet bekanntlich: Ein Mensch fühlt sich frei, wenn er mit den ihm zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten zufrieden ist.

Ich frage also nicht, ob ein Dritter frei zu nennen sei; ich frage, ob ein Mensch sich selbst frei nennen will – was in Extension dasselbe bedeutet wie die Frage, ob ein Mensch mit seinen Handlungsmöglichkeiten zufrieden ist.

Ein Mensch in der Gummizelle wäre aus seiner Perspektive wohl tatsächlich frei zu nennen – so er mit Medikamenten und Indoktrination dazu gebracht wird, mit seiner Lage zufrieden zu sein – doch eben nur solange, wie Drogen und Indoktrination wirken…

Apropos

In Deutschland wird diesen Monat wieder etwas abgehalten, das sie »Wahlen« nennen.

Die Wahlen in Deutschland, so sagt man in Deutschland, sind frei. Hmm. Okay.

Ich will gern gestehen, dass meine Zunge sich pelzig anfühlt, wenn ich von freien Wahlen in Deutschland spreche. Es hat, wie so manche unappetitliche Pelzigkeit, wohl mehr als einen Grund.

Wenn ich mir schwer tue, von freien Wahlen in Deutschland zu reden, dann meine ich damit nicht nur die für Demokraten sehr unappetitlichen Briefwahlen, die auf »charmante« Weise damit einhergehen können, dass der Flur im Altersheim geschlossen genau das wählt, was zufälligerweise auch der Pfleger wählt. Sie können das Beispiel auch für Junkies und betreute Communities bei der US-Wahl anpassen. Da wäre noch etwas.

Freiheit beinhaltet für mich, dass ein Mensch mit seinen Handlungsmöglichkeiten zufrieden ist. Ich bin mit keiner der Wahlmöglichkeiten in Deutschland wirklich zufrieden – demnach wäre meine Wahl in Deutschland nicht wirklich frei zu nennen.

Im Englischen spricht man von der Entscheidung zwischen dem Teufel und dem tiefen blauen Meer (the devil and the deep blue sea) – ein Dilemma. Beim Dilemma aber sprechen sie von zwei Hörnern (two horns of a dilemma), und du kannst dir aussuchen, auf welches Horn du aufgespießt wirst. – Das soll meine Freiheit sein?

Wenn deine Entscheidung wahlweise schlecht oder schlecht oder schlecht oder ohne Regierungschance sein kann – ist dass eine wirklich freie Demokratie? Fühlst du dich frei?

Die Wahlkabine kann sich heute wie eine Gummizelle anfühlen. (Und doch bin ich dafür, zu wählen – ja: aus Prinzip, mindestens um sagen zu können, dass es nicht an mir lag; siehe dazu den Essay vom 30.8.2021.)

Ich sollte nach dem Pfleger rufen, damit er mir die Dosis erhöht – mit genug Drogen im Kopf, sei es Haschisch oder Crystal Meth, wähle ich vielleicht am Ende sogar die Grünen.

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