12.11.2020

Mit der Hand in der Keksdose

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Mia Anderson
11-Jähriger bedroht Lehrerin, er werde mit ihr »das Gleiche« tun »wie der Junge mit dem Lehrer in Paris«. Was wird passieren? Nichts. Die Leugner in Berlin fürchten die Wahrheit weit mehr als die Folgen ihrer Lügen – sie sind ja selten selbst betroffen.
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Das Kind, das mit der Hand in der Keksdose erwischt wird, was erzählt es? Vielleicht dies: »Ich wollte nur nachzählen, ob alle da sind!«, oder: »Es war ein Unfall, ich bin gestolpert und wollte mich festhalten, äh, an den Keksen!«, oder natürlich: »Nein, ich hatte nicht die Hand in der Keksdose, das hast du falsch gesehen!«

Auch der Dieb, der mit der Beute auf dem Rücken erwischt wird, oder ein Unternehmen, dessen Bücher so verdächtig sind wie Bidens Wahlsieg, beide könnten sie versuchen, sich mit hektisch erfundenen Erklärungen ad hoc aus der Affäre zu ziehen. Und, wo wir von Affären reden, auch mancher bei einer eben solchen Erwischte produziert natürlich in spontaner Panik wilde Ad-hoc-Ausreden (»ich wollte nur das Regal überm Bett reparieren, und da war uns so warm…«).

Ja, auch Wissenschaft und Politik kennen Ad-hoc-Ausreden, doch man nennt aus offensichtlichen Gründen die Ausreden nicht Ausreden – man nennt sie Thesen.

Was sie überraschte

»Wenn das passiert, weil meine Eltern nicht gekommen sind, dann mache ich mit dir das Gleiche wie der Junge mit dem Lehrer in Paris«, so erklärte dieser Tage ein 11-Jähriger in Berlin seiner Lehrerin (zitiert nach welt.de, 11.11.2020).

Ich erspare uns hier den Rest der Nachricht. Sie können es Ihren sogenannten »Vorurteilen« oder auch Ihrer Lebenserfahrung zuschreiben, dass Sie den Kontext der Nachricht wahrscheinlich richtig vermuten.

»In dieser Schärfe habe ich so etwas noch nie erlebt«, wird die schockierte Lehrerin zitiert. Das heißt, natürlich, dass sie so etwas vermutlich durchaus regelmäßig erlebt – was sie überraschte war wohl nicht die Drohung und die Gesinnung hinter der Drohung, was sie überraschte, war »nur« die Schärfe.

Ansonsten lernt er

Der Zyniker lächelt, wenn auch nur mit einem Mundwinkel, und merkt an: »Na, dann überrascht es sie beim nächsten Mal nicht mehr.«

Das Scherzen fällt schwer. Mehrere Lehrerinnen in meiner Bekanntschaft und unter Leserinnen berichten seit Jahren ähnliche Ereignisse. Einige suchen die Frühverrentung, andere lassen sich versetzen, oder sie versuchen, die Branche zu wechseln – in diesen Zeiten gar nicht einfach.

Das Scherzen fällt auch deshalb schwer, weil jener flapsige Spruch des hypothetischen Zynikers eben schlicht realistisch ist: Der 11-Jährige wird Betreuer-Stunden erhalten – er wird sich also durch Aufmerksamkeit belohnt fühlen – und ansonsten lernt er vor allem eins: Dass er damit durchkommt.

Was aber lernen wir?

In Österreich illegal

Seit Jahren nun, wenn das zarte Gewebe unserer Gesellschaft von einer weiteren Tat angerissen wird, deren Motivation der Handelnde selbst auf seine Religion zurückführt, sind die Regierenden und ihre Verteidiger in den Redaktionen auf den Plan gerufen, denkbar flache Ad-hoc-Thesen zu liefern, warum der Handelnde überhaupt nicht weiß, warum er tut, was er tut.

Wir wollen sie nicht mehr hören, diese Beschwichtiger-Prosa. Je weniger ein Politiker über Religion weiß, umso selbstbewusster trifft er Behauptungen über diese.

Man hört vom »Euro-Islam«, vom »deutschem Islam« oder auch vom »politischen Islam«, den sie in Österreich illegal machen wollen (@sebastiankurz, 11.11.2020). In Deutschland haben sie eine »Dokumentationsstelle« zum »politischen Islam« eingerichtet, und sie legen komplizierte  Formulierungen mit vielen Kommata vor, denen schnell die Luft entweicht, wenn man sie umdreht und nach dem »unpolitischen« Islam fragt (vergleiche zeit.de, 2.11.2020). Sorry, es sind Ad-hoc-Thesen – und »Thesen« ist hier ein höfliches Wort für »Ausreden und panisch ausgedachte Erklärungen, die verhindern sollen, sich ehrlich mit dem Thema zu beschäftigen«.

Und also ärger

In der Politik haben Ad-hoc-Thesen oft den Zweck, die und/oder den Verantwortlichen erst einmal eben von der Last der Verantwortung zu befreien. Anders als »reine« wissenschaftliche Thesen (so es solche »reinen« Thesen überhaupt gibt) ist der Zweck der Ad-hoc-Thesen durchaus nicht eine adäquate und bestmögliche Beschreibung der Realität, ohne Rücksicht auf politische, soziale und wirtschaftliche Konsequenzen, sondern schlicht den Thesen-Aufsteller aus der Schusslinie zu nehmen.

Die Ad-hoc-Thesen des Kindes, warum seine Hand in der Keksdose war, sie werden wahrscheinlich keine allzu dramatischen Konsequenzen für die Geschichte von Menschheit und Geschichte nach sich ziehen (es könnte natürlich das Leben des einzelnen Kindes unschön prägen, sich das Lügen anzugewöhnen, am Ende wird es gar noch Journalist).

In der Politik aber können die Folgen der Ad-hoc-Thesen weit dramatischer sein als beim kindlichen Griff in die Keksdose.

Ad-hoc-Thesen wie »das ist gar kein richtiger X« haben zu keinem Zeitpunkt den Zweck und Anspruch, wirklich wahr zu sein. Gerade in Fragen der Religion, sind die Ad-hoc-Thesen der Politik nicht selten derart falsch, dass nicht einmal ihr Gegenteil richtig wäre – und das ist nicht (nur) eine Übertreibung: Wenn eine Beschreibung die falsche Begriffsebene und -kategorie verwendet, ist sie selbst durch Negation nicht reparabel.

Aufgrund einer fundamental falschen These zu einem akuten Problem zu handeln, bedeutet notwendigerweise, das Problem praktisch zu ignorieren und also ärger werden zu lassen.

Die politische Grundthese, dass mit dem Islam begründete Handlungen nichts mit dem Islam zu tun haben, auf geradezu lächerliche Weise notdürftig gestützt von Ad-hoc-Thesen wie der vom »politischen Islam«, lassen das eigentliche Problem größer werden, welches sich zur Frage zuspitzen ließe: Wie gehen wir damit um, wenn und dass ein Teil der Gesellschaft, die (noch) mehrheitliche Gesellschaft unter Umständen als »Ungläubige« betrachtet und seine Gesetze logischerweise als Gesetze der »Ungläubigen«?

Ad-hoc-Thesen sind bei näherem Hinsehen oft unwissenschaftlich; das ist ja bereits in der Wissenschaft so, um wie viel mehr also in der Politik!

»Wissenschaftlich« bedeutet (hier, im Kern), dass eine These 1. die aktuellen Beobachtungen erklärt, und 2. überprüfbare und zutreffende Vorhersagen erlaubt.

Ad-hoc-Thesen, welche die politische Korrektheit weit vor faktische setzen, erfüllen weder 1. noch 2.: Politisch korrekte Ad-hoc-Thesen zur Religion erklären nicht aktuelle Entwicklungen (oder die der letzten zweitausend Jahre) – im Gegenteil. Manche Vorhersagen politisch korrekter Ad-hoc-Thesen zur Religion sind geradezu tödlich falsch.

Wie die Stachelschweine

Im Text »Das Glück in Zeiten der Unordnung« (2.2.2018) notierte ich die Mahnung eines meiner Lehrer: »Selbst wenn du in die Lage gerätst, die ganze Welt belügen zu müssen, belüge niemals, niemals dich selbst.«

Ein Mensch, der andere Menschen belügt, wird früher oder später erwischt werden, und er wird als Lügner dastehen (doch er kann noch immer als Greis zum US-Präsidenten erhoben werden, wie womöglich der schnüffelnde Lügner Joe Biden). Ein Mensch aber, der sich selbst belügt, der wird langfristig garantiert scheitern.

Ein Land und eine Gesellschaft, die sich selbst belügen, werden ebenso scheitern wie jener unglückliche Mensch, der sich selbst wilde Lügen erzählt und diese auch noch glaubt.

Lassen Sie mich hier Shakespeares Akkord neu anschlagen, den ich im Essay »Der Fisch stinkt vom Staatsfunk her« und anderswo spielte: »This above all: to thine own self be true« – zu Deutsch: »Dies über alles andere: Dir selbst sei wahrhaftig!«

Besser wäre es wohl, überhaupt nicht zu lügen – aus vielen Gründen, zuerst aus jenem, weil ein Lügner zu sein die Seele verbiegt.

Auch auf einer Müllkippe, so lehrt der Buddha im Dhammapada, kann ein Lotus erblühen, der dann mit seinem Duft die Herzen der Menschen erfreut – und eure Heimat ist so viel mehr als eine »Müllkippe«.

Geradezu tödlich aber ist es, sich selbst zu belügen. Ad-hoc-Thesen, die einem anderen Zweck als der ehrlichen, präzisen Beschreibung der Wahrheit dienen, sind Lügen.

Euch selbst sagt immer die Wahrheit! Euch selbst, heimlich und wo es niemand hört, sagt stets die kühle, einfache, un-heimliche Wahrheit.

Auch in Zeiten der politisch korrekten Lüge ist es möglich, die Wahrheit zu sagen – zumindest zu sich selbst.

Und wie soll man die Wahrheit nun sagen? So wie die Stachelschweine sich der Liebe hingeben: Vorsichtig!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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