27.07.2021

Ich denke, also bin ich (in Gefahr)

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Eliott Van Buggenhout
Ein lauter Widerspruch genügte, und schon hatte Nena die linken Freunde des straffen Gleichschritts gegen sich. Es sind schräge Zeiten, doch eines wissen wir: Wer selbst denkt, der ist denen gefährlich – und die werden reagieren.
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Wir haben heute mobile Telefone mit so vielen Funktionen, wie den Entwicklern neue Ideen einfallen. Meine Großeltern hatten im Wohnzimmer eine Multifunktions-Wanduhr, mit einer Quarzuhr, einem Thermometer und einem Barometer, alle drei übereinander apart auf Kiefernholz montiert.

Der Barometer ist ein Gerät, das den Luftdruck misst. Ein Dosenbarometer, wie es in der Wanduhr meiner Großeltern verbaut war, hatte einen Zeiger wie den Sekundenzeiger einer Uhr. Wenn der Luftdruck sank, drehte sich der Zeiger nach links und gegen den Uhrzeigersinn. Dann wusste man, dass es wohl regnen würde. Wenn der Luftdruck stieg, drehte sich der Zeiger in die andere Richtung, dann durfte man auf Sonnenschein hoffen.

Ein zweiter Zeiger war da dran, den konnte man von Hand drehen und einstellen. Ich vermute, dass man ihn auf den aktuellen Luftdruck einstellen konnte, um später zu sehen, ob und in welche Richtung der Wert sich verändert hatte.

Mein Großvater hielt nicht viel vom Barometer, es war mehr so ein Spielzeug für mich. Er sagt, er bräuchte die Geräte nicht, seine Gelenke würden ihm das Wetter weit zuverlässiger vorhersagen. Wer braucht schon Dosenbarometer und kleine Kupferzeiger, wenn die Knie den kommenden Regen melden?

Oder, wie Bob Dylan es besang (ich zitierte ihn im Essay vom 24.04.2021): »Du brauchst keinen Wettermann, um zu wissen in welche Richtung der Wind weht« (»you don’t need a weather man, to know which way the wind blows«) … doch wer weiß (und dazu noch ausspricht) woher und wohin der Wind weht, der könnte gefährlich leben – womit wir bei den Nachrichten des Tages wären.

»Also schaltet den Strom aus…«

Die Sängerin Nena (ja, die mit den 99 Luftballons) ist unter Linken nicht mehr ganz so beliebt. Politisch »links« steht heute für Gehorsam, Gleichschritt und blinden Glauben an den Staat. Wer ausschert, wer das System hinterfragt, wer sich so seine eigenen Gedanken macht, der gilt als »Rechts« und »Schwurbler«.

Nena nun ist bei der Gleichschritt-Linken nicht mehr ganz so beliebt. Bei einem Konzert forderte sie ihr Publikum auf, näher zu ihr an die Bühne zu kommen. Das verstieß, so lesen wir (etwa bei bild.de, 26.7.2021) gegen die »Hygienemaßnahmen«, weshalb der Veranstalter wohl drohte, die Veranstaltung abzubrechen. Nena reagierte wütend: »Also schaltet den Strom aus oder holt mich mit der Polizei hier runter. I don’t fucking care. Ich hab die Schnauze voll davon!« (n-tv.de, 26.7.2021)

Wäre Nenas Konzert eine politische Veranstaltung gegen Rechts, gegen Rassismus oder für Schwule gewesen, dann wäre natürlich kein Virus-Risiko davon ausgegangen. Da es aber »nur« ein Konzert ohne Einbindung in den Propagandastaat war, bestand hohe Virus-Gefahr.

Nenas Konzert war auch kein Fußballspiel, wo Tausende sich wieder näher kommen können. Der Fußball stellt einen »stellvertretenden Krieg« dar (wie ich in Talking Points erkläre), und ist gerade im Propagandastaat politisch wichtig, um Stammesinstinkte »abzufackeln«.

Ein simples Konzert mit ein paar Hundert oder sogar ein paar Tausend Zuschauern, und noch dazu ohne Pro-Regime-Botschaft wie die Konzerte gewisser »Kulturschaffenden« und der »Wir sind mehr«-Schreihälse.

»Ich hab die Schnauze voll!«, rief Nena, und sie ist damit nicht die Einzige (wir denken aktuell etwa auch an einen Helge Schneider, der ein Konzert unter Corona-Bedingungen abbrach; bild.de, 25.7.2021). Ihr nächstes Konzert wurde gleich ganz abgesagt (spiegel.de, 27.7.2021). Ach, man gibt nicht einmal mehr vor, dass es wirklich (nur) um Sicherheit ginge. Die Veranstalter lassen mitteilen: »Es war uns wichtig und daher auch bereits im Vorfeld vertraglich vereinbart, dass die Konzerte nicht als politische Bühne genutzt werden dürfen.« (laut tagesspiegel.de, 27.7.2021) – Ein Popkonzert ohne politische Botschaft?! Gemeint ist wohl: ohne regierungskritische Botschaft.

Wenn die Mutneider wüssten!

Man könnte Künstler ein Barometer der Gesellschaft nennen. Künstler sind wie ein Luftdruckmesser, der uns anzeigt, wie sich der Luftdruck verändert – und damit, wie es bald ums Wetter steht. Wenn im Propagandastaat Deutschland die ersten Künstler bereit sind, der offiziellen Linie zu widersprechen und sich selbst finanziellen Schaden zuzufügen, indem sie sich von Fördertöpfen und vielleicht sogar Auftrittsmöglichkeiten abschneiden, dann wechselt tatsächlich der »Luftdruck in der Gesellschaft«.

Ich zitierte weiter oben Nena nach n-tv.de, 26.7.2021. Jener n-tv-Text ist ein Kommentar, und er klingt nach dem strammen journalistischen Gleichschritt-Ton, wie er in deutschen Redaktionen wieder eingekehrt ist.

»Dann bleib doch einfach zu Hause, Nena«, keift ein n-tv-Chef-vom-Dienst. In den sozialen Medien bellen diverse Freunde-des-Gleichschritts ihre Beschimpfungen gegen die abweichenden Künstler heraus. Und bei der Frankfurter Rundschau dreht der Hass auf Abweichler ganz frei – »Nena ruft zur Menschenverachtung auf« kreischt dort ein alter weißer Mann (fr.de, 27.7.2021), und es heißt, Nena schiene »ob der Corona-Pandemie etwas verwirrt«. Dem politischen Abweichler aufgrund seiner abweichenden Meinung eine Geistesschwäche vorzuwerfen – das kennt man aus der Geschichte (der hetzende Schreiberling kassierte laut seiner Biographie auch vom deutschen Staatsfunk und diversen linken Medien, auch da keine Überraschung).

Sind es nicht die kümmerlichsten Gestalten, die ihren Selbstwert aus ihrem Hass auf die Ungehorsamen beziehen? Selbst fehlen ihnen Kraft und Mut, aus dem Gleichschritt auszuscheren, also bündeln sie den berechtigten Ekel vor sich selbst und lenken ihn auf die um, die sich doch trauen. (Ach, wenn die Mutneider wüssten, wie nervös wir selbst bei Gelegenheit sind, wie unsicher. Wir sind gar nicht so mutig, wir können nur nicht anders.)

Gefährlich/ in Gefahr

Künstler, die dem offiziellen Konsens-des-Tages widersprechen, gefährden ihre Existenz. Wer selbst denkt, ist der vorgegebenen Wahrheit gefährlich – also ist er selbst in Gefahr.

»Ich denke, also bin ich«, so sagte Descartes. Heute gilt: »Ich denke, also bin ich gefährlich« – und in Konsequenz dann: »Ich denke, also bin ich (in Gefahr)«. (Man könnte allerdings sagen, dass es auch schon für Descartes galt – nur so kann ich mir den im Niveau dann doch deutlich abfallenden »Gottesbeweis« in den Meditationes erklären.)

»He thinks too much«, sagt Shakespeares Caesar über Cassius, »such men are dangerous.« (Julius Caesar, 1. Akt, 2 Szene, via gutenberg.org) – »Er denkt zu viel: Solche Männer sind gefährlich.«

Weh dem Barometer, das ein anderes Wetter anzeigt, als was von offizieller Stelle zur offiziellen Wetterwahrheit erklärt wurde!

Wir haben heute mobile Telefone, wir haben das Internet. Wir könnten auf so viele Ideen zurückgreifen, wie es Menschen gibt (diese Zahl gilt vermutlich nur durchschnittlich – manche Menschen haben mehr als eine Idee, andere haben nicht mal eine). Tatsächlich aber ist es nicht nur unkomfortabel und anstrengend, selbst zu denken, man lebt auch gefährlich, wenn man selbst durch allzu viel eigenes Denken zur Gefahr für die Freunde des gehorsamen Gleichschritts wird.

Denkt selbst, oder andere werden für euch denken, und die haben ihre eigenen Interessen.

Denkt selbst, und seid vorsichtig dabei – damit ihr auch morgen noch die Gelegenheit habt, selbst zu denken!

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