21.03.2022

Im Stress

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten, Foto von Master Wen
Im Stress offenbart sich der Charakter eines Menschen – aber auch der einer Nation! Was sagt die Reaktion auf den Ukraine-Stress über den Charakter der Nationen? Über den Charakter der Welt?
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Wenn du einen Menschen wirklich kennenlernen möchtest, so lehrt die Volksweisheit, dann schenke ihm nur genug Wein ein. Schon die alten Römer wussten: »In vino veritas!« – »Im Wein steckt die Wahrheit!«

Ich will es wagen, dieser alten Redeweise eine alternative These zur Seite zu stellen: Wenn du einen Menschen wirklich kennenlernen willst, beobachte ihn, wenn er unter Stress steht!

Ob einer mit Vino im Kopf allen Kneipengästen die große Bruderliebe erklärt oder mit allen und jedem eine Schlägerei beginnt, was heißt das schon? Dass er ein Mensch ist, nicht mehr und nicht weniger. Wenn er angeheitert eine verbotene Liebelei beginnt, was heißt das schon? Dass er auch ein Tier ist, nicht mehr und nicht weniger.

Wenn du den wirklich interessanten Teil eines Charakters feststellen willst, setze ihn unter Stress, und beobachte sein Stress-Verhalten. (Das ist einer der Gründe, warum Businessleute sich schon mal beim Golfen oder Segeln kennenlernen wollen: Man kann den Partner in einer Stress-Situation erleben.)

Und dann sieht die Welt

Ich meine, dass Stress nicht nur den wahren Charakter eines Menschen offenbart, sondern auch einer Nation!

Wo Frieden und Wohlstand herrschen, wenn die Gläubiger gern leihen und keine fremde Armee die eigene testet, wenn Sonntagsreden dem Volk genügen und der Feierabend ein Grundrecht ist, da kann das zufriedenstellende Alltägliche den Blick auf das verdecken, was sich wahrer Charakter nennen ließe.

Wenn aber die Nation im Stress ist, wenn fremde Gläubiger oder eine fremde Armee an das (heute leider nur) metaphorische Burgtor klopfen (noch bevor es zum maximalen Stress »Krieg« kommt), dann geraten auch Nation und Regierung in Stress, und dann ist abzulesen, mit welchem Charakter man es bei jenem Land wirklich zu tun hat.

(Ich will heute einmal weniger den »Nachrichten-Nacherzähler« geben als ohnehin. Ich verweise an dieser Stelle einmal auf Ihre gewiss vorhandene Nachrichtenlektüre. Wenn Sie die aktuellen Ereignisse der letzten Tage in meinen Worten lesen möchten, halte ich natürlich meine Essays aus dem März 2020 bereit.)

Mit einer Frage

Die Nationen der Welt reagieren auf den Ukraine-Krieg, indem sie spontan neue Bündnisse zu bilden beginnen – und teils als hätte es so etwas wie »Globalismus« tatsächlich nie gegeben, als wäre am Ende eben doch ein jeder sich selbst der Nächste.

Es scheinen sich spontan neue, nicht-westliche Bündnisse zu bilden – auch und wesentlich dank westlicher Doofheit. Chinas Xi Jinping etwa wird demnächst wohl zum ersten Mal seit zwei Jahren China verlassen – zum Staatsbesuch in Saudi Arabien; reuters.com, 14.3.2022 – die Saudis gehen derweil nicht einmal ans Telefon, wenn Biden etwa wegen der aktuellen Ölpreise anruft; wsj.com, 8.3.2022. (Nebenbei: Dass der senile Trottel Biden letztes Jahr den Kashoggi-Report von 2018 veröffentlichen ließ, wird die USA nicht nur Geld kosten, sondern wahrscheinlich auch Einfluss und Macht; siehe etwa harvard.edu, 27.2.2021.)

Die Welt kommt einem schon länger »besoffen« vor. Das Stress-Niveau ist heute aber spürbar höher als noch vor kurzer Zeit, und im Stress bilden sich plötzlich neue Bündnisse, jenseits bisheriger »angestammter« Freundschaftsansprüche.

Das scheint mir eine der Schlüsselfragen für die Vorhersage und dann auch Deutung kommender Ereignisse zu sein: Welcher Charakter der Nationen offenbart sich in den Reaktionen auf den Ukraine-Einmarsch? Welcher Charakter der Welt wird heute, im Stress, offenbar?

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