4.10.2020

Islam und Rosen ohne Dornen

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Yousef Espanioly
»Der Islam gehört zu Deutschland!«, so rufen die Guten, und die Intellektuellen ergänzen: »… aber natürlich ein sanfter, lieber Islam!« – Nun, jede Rose hat ihre Dornen. Wollt ihr die Rosen, aber die Dornen nicht?
close-up photography of orange petaled flower
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Es war einmal ein Mann, in dessen Garten drei Sträuche wilder Rosen wuchsen. – »Es sind meine Rosen!«, so sagte der Mann, der die Rosen liebte, »diese Rosen gehören zu mir!«

Ein Freund fragte ihn: »Warum bist du so blutig? Die Rosen haben dich ja mit ihren Dornen ganz zerkratzt!«

Da wurde jener Mann zornig: »Wie kannst du so über Rosen reden? Die Dornen sind nicht die Rosen! Die Rosen ohne Dornen gehören zu mir! Nur ein Bösewicht würde an Dornen denken, wenn er von Rosen spricht. Und außerdem tragen Rosen doch Stacheln, nicht Dornen. Du hast ja gar keine Ahnung von Rosen!«

»Stacheln ist der botanische Begriff, der Nichtbotaniker sagt Dornen«, erklärt der Freund kopfschüttelnd, »hier, nimm ein Pflaster für deine Wunden.«

Der fragende Freund beendet das Gespräch und gleich darauf die Freundschaft mit dem Verkratzten. Zu gewissen Zeitgenossen empfiehlt es sich auch ohne Pandemie einen Sicherheitsabstand einzuhalten.

Es ist ein Kopfnick-Satz

So weit unser einleitendes Geschichtlein vom sehr merkwürdigen Rosenzüchter.

Nach einem weiteren Terrorakt in Paris, wieder eine direkte Folge gelebter »Toleranz« (»Ertragen«), spürte man in Frankreich gewisse Resignation (siehe auch meinen Essay »Werte gegen Unterwerfung« vom 26.9.2020).

Präsident Macron scheint zumindest zu versuchen, sich der Resignation vor der Macht des »nachdrücklichen« Islam ein klein wenig entgegensetzen zu wollen. Einige sagen, es sei um Jahre zu spät (und irgendein Respektloser mäkelte zynisch, es sei doch bereits um Jahrhunderte zu spät).

Macron will gegen »islamistischen« »Separatismus« vorgehen, mit neuen Regeln, die in seinen Büros mit den goldenen Wandbehängen gewiss sehr klug und durchsetzbar klingen (nzz.ch, 2.10.2020 sagt etwa, er wolle keine »importierten« Prediger mehr).

Ein Kommentar aus Deutschland ließ mich schmunzeln (und auch seufzen). In welt.de, 3.10.2020 schreibt ein sympathischer Herr Geiger: »Nur der aufgeklärte Islam gehört zu Deutschland«, und: »Religionsfreiheit endet dort, wo die Regeln des Glaubens mit den Prinzipien der Demokratie unvereinbar sind.«

Es ist ein Kopfnick-Satz – der gleich auf zwei Ebenen gründlich falsch liegt.

Erstens liegt der Kopfnicksatz darin falsch, dass die Religionsfreiheit dort ende, wo die Regeln des Glaubens mit den Prinzipien unvereinbar sei. Es stimmt in der Theorie nicht und in der Praxis nicht.

Mehr als null Religionen verkünden theoretische Lehren, die nicht unmittelbar mit den Werten der Demokratie vereinbar sind. Die großen Religionen stammen aus den Zeiten der Monarchien und patriarchalisch strukturierten, oft kriegerischen Stämme (haben Sie mal das Alte Testament oder eine andere heilige Schrift gelesen?) – die Religion und ihre Moralvorgaben bilden ihre Herkunft und Genese ab, bis hin zur Theologie (etwa: Gott als König und absoluter Herrscher, Jesus dann als Sohn des Königs und Fürsprecher bei diesem, aber dem Wesen nach eigentlich auch König, et cetera).

Auch praktisch sind Religionen keineswegs mit den Werten der Demokratie kompatibel. Versuchen Sie mal als Frau, in der katholischen Kirche zum Bischof aufzusteigen!

Zweitens jedoch zerläuft sich die Aussagekraft des Kopfnicksatzes, Religionsfreiheit »ende« dort, wo die Regeln des Glaubens mit den Prinzipien der Demokratie unvereinbar seien, an der simplen Frage, was das denn für ein »Ende der Religionsfreiheit« konkret sei, mit welchem dieser Satz da um Zustimmung heischt.

Jedes Gesetz ist exakt so wirksam wie seine Sanktion wirksam ist. Ein ungeschriebenes Gesetz kann weit wirksamer als ein geschriebenes sein, wenn und indem die Sanktion des ungeschriebenen wirksamer ist. Man denke etwa an Clan- und Parallelgesellschaften, in welchen die ungeschriebenen Gesetze hart durchgesetzt werden, während der Staat die Übertretung der geschriebenen Gesetze im Namen der »Toleranz« lieber zu »ertragen« scheint, als sie hart durchzusetzen.

Bereits jetzt enthalten die meisten Religionen nicht unwesentliche Elemente, die nicht mit der Demokratie kompatibel sind (sondern im Namen der Religionsfreiheit »toleriert« werden). Der Satz vom Ende der Religionsfreiheit, das erreicht sei, wenn die Religion gegen die Werte der Demokratie stünde, er ist zahnlos und damit bedeutungslos. Nein, wir werden es nicht so bald sehen, dass die katholische Kirche verboten wird, weil Frauen nicht Pfarrer werden können. Und es soll heilige Bücher geben, welche Dinge sagen, die ohne das Etikett »Religionsfreiheit« ein Fall für Staatsanwalt und Staatsschutz wären, doch da es Religion ist, könnte vielmehr derjenige, der es allzu deutlich kritisiert, von eben jenen Behörden bedrängt werden.

Sondern das Schwert

Das Leben in Lüge ist von außen ein Witz und von innen gelegentlich verwirrend – bis es plötzlich in Leid umschlägt, dann ist es sehr klar. Das linke Weltbild ist auf Lügen gebaut. Eine der mit der wärmsten Inbrunst am lautesten erzählten Lügen ist jene, wonach jede Religion ausnahmslos im Kern doch Frieden und Menschlichkeit trage, als wäre es dem Begriff der Religion notwendigerweise inhärent, im Kern von Frieden und Liebe getrieben zu sein.

Man muss ja gar nicht auf jene Religion zeigen, in deren Stammländern es nicht immer friedlich zugeht, die in kriegerischen Zeiten gegründet und geformt wurden. Man kann sich als Westler ja an die eigene kulturchristliche Nase packen. Nein, die Geschichte der Christenheit ist nicht nur von Nächstenliebe geprägt. »Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen«, so sagt Jesus (Matthäus 10:34), »sondern das Schwert.« – Von welchen Waffen würde Jesus heute reden? Von Maschinengewehren, von Handgranaten oder doch weiterhin von scharfen Klingen? – Es wäre, welche Waffe er auch wählte, vermutlich auch heute, zweitausend Jahre später, wieder ein Fall für den Staatsschutz.

Und sich von ihm abwenden

»Every rose has its thorns«, so lehrt uns ein altes Sprichwort, zu Deutsch: Jede Rose hat ihre Dornen.

Wer sich immer die Hände von den Rosen aufkratzen lässt, den wird man bald für einen halten, dem man aus Vorsicht besser die Freundschaft kündigt. »Mit dem stimmt doch etwas nicht«, so wird man sagen – und sich von ihm abwenden. Man fragt sich, ob dem Zerkratzten auf eine heimliche Art die Dornen durchaus imponieren, ob ihm das Zerkratztwerden vielleicht sogar Freude bereitet, ob ihm der Schmerz vielleicht sogar das einzige große Gefühl in einem ansonsten stumpfen Alltag ist – man weiß es nicht, man stochert hilflos im dunklen Nebel menschlicher Seelenabgründe.

»Der Islam gehört zu Deutschland«, so sagen jene, welche sich die Guten nennen, dabei stets mutwillig auslassend, was »gehört zu« bedeutet oder in diesem Fall »Islam« und »Deutschland«). Eine (nicht immer stille) Prämisse scheint zu sein: »… und zwar ein idealisierter Kuschel-Islam, den wir Gutmenschen uns eben so vorstellen, ohne je mit dem Finger darauf gezeigt zu haben, wo genau dieser denn überprüfbar zu finden sei.«

Das sind die Klugen

Es fühlt sich für einige Herrschaften gut an, zu sagen: »Ich liebe Rosen, denn in meiner Vorstellung haben sie keine Dornen!« – Solange man nicht einen realistischen, und in kleiner Dimension erprobten Plan dazu vorlegt, wie man die Dornen von den Rosen zu entfernen gedenkt, solange wird man sich eben die Haut blutig kratzen.

Die einen wähnen, dass die Tat von heute ihnen dereinst als gut und richtig erscheinen wird, weil sie sich heute gut anfühlt. Das sind die Dummen im Herzen und die Bösen in der Tat, die Linken und die Gelinkten.

Die anderen aber wägen ab, welche Tat ihnen dereinst als gut und richtig erscheinen wird. Davon, was ihnen dereinst als klug und richtig erscheinen wird, leiten sie ihre heutigen Taten ab, ob sich die Taten nun hart oder sanft anfühlen. Das sind die Klugen, die man später stets gerecht und weise nennt.

Lasst uns klug sein! Manche Wunden, welche die Rosendornen in unsere Haut schreiben, heilen ungewöhnlich schwer.

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