17.1.2018

Konservativer Mut

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Bild von Chris Ried
„Revolution“ ist ein großes (und: belastetes) Wort. Ich schlage vor: „Konservativer Mut“. Wissen, was sich bewährt hat und was einem wichtig ist – und offen davon sprechen.
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Was haben sie denn gebracht, die Fortschrittler, die Durch-Institutionen-Marschierer und Dauer-Emanzipierer?

Laut dem United Kingdom’s Office for National Statistics sind Frauen seit einigen Jahren endlich genauso unglücklich wie Männer – unglücklich, aber emanzipiert.

Man „verwirklicht sich selbst“ und stirbt darüber aus; die UN denkt darüber nach, wie sich die Menschen im „aussterbenden“ Westen „ersetzen ließen“, das Stichwort ist „Bestandserhaltungsmigration“.

Bei der Bildung gilt im PISA-Bundesländervergleich die Faustregel: Wo heute sogenannte „Progressive“ das Schulwesen bestreiten, haben die Kinder schlechtere Lebens-Chancen.

Sie nennen es „Fortschritt“, meinen aber einen Rückzug ins unreflektierte Gefühl. „Das Private ist politisch“, riefen sie, und sie hatten Erfolg: ihre Politik ist genauso ungeordnet und undurchdacht wie ihr Privatleben. Eine „Fortschrittlichkeit“, die „gut“ und „richtig“ auf spontanes Bauchgefühl reduziert, schafft Unordnung. (Meine Leser wissen: In Relevante Strukturen erkläre ich, dass Glück immer Ordnung braucht.)

Doch, wir als Bürger sind „nur“ das zweite Opfer jenes als Fortschritt getarnten Ego-Trips. Das erste Opfer erwachsener Dummheit sind immer die Kinder. Die FAZ schrieb in 2010:

Die Kinder sind die Opfer der Ich-Optimierung. Das beweisen ein paar einfache Tatsachen, die viele nicht wahrhaben wollen. Zum Beispiel, dass Scheidungskinder später beinahe doppelt so häufig geschieden werden wie Nicht-Scheidungskinder. Dass sie stärker zu Depressionen und Schizophrenie neigen und häufiger kriminell werden.
faz.net, 19.8.2010

Kann man „glücklich“ auf Kosten des Glückes seiner Kinder sein? Wie kann ein Mensch dereinst sagen, „ja, das war ein gutes Leben“, wissend, dass die Kinder durch sein Tun unglücklich sind?

Unglücklich, dumm und durch Nicht-Denken an manchem Unglück Dritter verantwortlich (siehe auch: „Die Schuld der Gutmenschen“). Das soll das tolle Neue sein, das die „Fortschrittlichen“ uns versprachen?

Keine richtige Revolution in der falschen

Ein bayerischer Politiker träumte jüngst von der „Konservativen Revolution der Bürger“. Deutschlands Linke von TAZ (1, 2, 3, ) bis Tagesschau fühlte sich gleich auf den rechten großen Zeh getreten: Mit Alexander Dobrindt hatten Linke endlich wieder einen Debatten-Gegner, der ihnen wenigstens nicht auf den ersten Blick gleich gründerzeitvillenhoch überlegen war.

Die Neue Zürcher Zeitung über den dobrindtschen Essay:

„Die intellektuelle Substanz von Dobrindts Pamphlet ist eher dünn.“
NZZ, 10.1.2018

CSU ist das komfortable Böse, entzahnt und im Handtaschenformat.

Für die ach-so-überparteiliche Tagesschau durfte eine Silvia Stöber dem bayerischen Nachwuchslöwen den Pelz frisieren. Die Dame arbeitet nicht nur für die Tagesschau, sondern gelegentlich auch für die Grünen-nahe Böll-Stiftung und ist überhaupt in der linken Szene auf der gutbetuchten Seite daheim. Es verwundert nicht, dass sie in Dobrindts einfacher Forderung eine Verbindung zum Bösen findet, namentlich zu Schriften von Armin Mohler.

Auch sonst liefen die Reaktionen nach gewohnten Mustern. Das ZDF etwa führte das übliche „Slomka-Interview“, wo Marietta Slomka dem Politiker alle möglichen Absichten unterstellt und der Politiker damit beschäftigt ist, dem von Slomka unterstellten Unsinn zu widersprechen, und der Zuschauer gewiss nicht klüger wird als er zuvor war.

Der Vorwurf der Tagesschau-Website einer möglichen Verbindung der „Konservativen Revolution“ Dobrindts zu rechten Gedanken bereits aus der Weimarer Zeit ist aus mindestens zwei Gründen absurd. Es ist wenig wahrscheinlich, dass ein Politiker mit Zukunftsplänen so etwas sagen würde, wenn er auch nur die Möglichkeit einer solchen gedanklichen Verbindung gesehen hätte. Zweitens: Auch wenn irgendwer irgendwann den Ausdruck „Konservative Revolution“ benutzt hat, so ist es doch eine wenig ungewöhnliche und naheliegende Kombination zweier häufiger und stets aktueller Politikwörter.

Mein Problem mit Dobrindts „Konservativer Revolution“ ist aber ein anderes. Ich bin nicht sicher, wie ernst ich sein Anliegen nehmen kann. Im Mittelalter legte man eine Hand ins Feuer, und am Maß der Verbrennungen lasen die Richter den Wahrheitsgehalt einer Unschuldsbeteuerung ab. Ich bin kein Freund von Verbrennungen und würde deshalb in Sachen Dobrindt zögern, mich einem solchen Gottesurteil auszusetzen.

Als das verfassungswidrige, anti-freiheitliche NetzDG verabschiedet wurde, war Dobrindt „Bundesminister für digitale Infrastruktur“ – und er stimmte nicht dagegen.

Andererseits wird Dobrindt gelegentlich zugeschrieben (nicht immer nur ironisch), Merkel „stürzen“ und/oder ein weiteres Groko-Elend verhindern zu wollen.

Jeder Politiker, der mithilft, die Politik des merkelschen Suizidalismus endlich zu beenden, wird sich auf den „guten“ Seiten der Geschichtsbücher wiederfinden. Das muss man unterstützen, das gebietet fast schon die Moral. Auch wenn Dobrindts Ausbuchstabierung der „konservativen Revolution“ noch etwas dünn und stellenweise unnötig ungelenk ist (beginnend mit dem Titel selbst), so zeigt mindestens die jaulende Reaktion der Journalisten, dass er einen akuten Punkt erwischt hat.

Konservative Revoluzzer

Was haben etwa Jesus, Luther und Gandhi gemeinsam?

Wir tun heute, als hätten diese „Revolutionäre“ alles „neu“ gemacht – und hätten genau das gepredigt, was die heutige Tagesmoral der „Empfindsamen von Berlin“ fordert. In Wahrheit waren alle drei recht konservative Knochen.

Jesus war ein konservativer Revolutionär. In genau den Bereichen, die von „Progressiven“ angegriffen und aufgelöst werden, vor allem die Ordnung von persönlichem Leben und Beziehungen, hat Jesus oft Regeln verschärft statt verwässert, etwa bei Ehe oder Promiskuität.

Das heutige Laissez-faire-Image des Martin Luther ist eher eine Folge der Säkularisierung, er war in Wahrheit, auf seine Art, ein recht konservativer Anwalt.

Gandhi wollte nicht nur sitzend die Engländer aus Indien vertreiben, er war auch und sogar ein Befürworter des Kastensystems – das gilt wohl als „strengst-konservativ“ im indischen Sinne.

Nein, nicht alle gesellschaftlichen Revolutionäre sind konservativ, es gibt auch die linken Revolutionäre, die „uns“ Gulags, Massenerschießungen und Verfolgung von Andersdenkenden brachten.

Manche Dinge lassen sich besser erkennen, wenn man einen Schritt zurück tritt und zuerst die Umrisse, das „große Bild“ betrachtet. Revolutionen könnten so eine Angelegenheit sein.

Es scheint so viele Definitionen und Theorien zu „Revolution“ zu geben, wie es Soziologen und Philosophen gibt. Ein jeder sieht, was seine Brille ihm zu sehen vorgibt. Im Kern des Revolutions-Begriffs aber immer eine grundlegende Veränderung und ein Machtwechsel, ob es sich nun um politische Macht oder Deutungsmacht handelt.

Ich selbst möchte die Revolutionen und ihre Elemente mit locker-selbstbewusster Hand in zwei Gruppen teilen:

  1. Revolutionen, die an einem neuen, ungeprüften Wert ausgerichtet sind.
  2. Revolutionen, die an einem alten, geprüften Wert ausgerichtet sind.

(Ja, manche Revolutionen kombinieren beides.)

Revolutionen zum Neuen tragen Hoffnung in sich. Sie scheitern wieder und wieder am selben Problem: Sie gehen von einem über-vereinfachten, ideologischen Menschenbild aus und bringen so Leid über die Menschen, siehe Kommunismus oder grüne Bildungsexperimente.

Revolutionen zum Bewährten versprechen, verloren gegangene Stabilität wiederzubringen. Sie scheitern dann, wenn sie „Werte“ mit „Nostalgie“ verwechseln.

Es ist genug

Deutschland genoss in den letzten Jahrzehnten eine Reihe linker Revolutionen. Diese bestanden meist in der Auflösung von Grenzen und Ordnung, dann flankiert von orwellschen Verboten, über teils lebensgefährliche, auch mit genau dieser Aufhebung von Ordnung verbundene gesellschaftliche Verwerfungen zu reden. Die letzte einer Reihe von linken Revolutionen war die Öffnung der deutschen Grenzen in 2015. (Mittlerweile fließt diese Teil-Aufhebung rechtsstaatlicher Ordnung sogar in Gerichtsurteile ein, siehe 13 UF 32/17 OLG Koblenz – via Twitter, viele Fundstellen.)

An die heimlichen Konservativen

Die Demonstranten von 1989 wollten zurück zu alten, bestehenden Werten. Sie bekamen Merkel und Kahane, und so stehen einige von ihnen wieder demonstrierend auf der Straße, wieder mit denselben Rufen.

Ja, eine Revolution der und des Konservativen täte uns gut. Diese Revolution muss demokratisch sein und sie könnte mit mutigen Worten beginnen – mit mutigen Worten zu seinen Werten stehen.

Ich kenne Menschen, die leben in friedlichen Vater-Mutter-2-oder-3-Kinder-Familien, doch sie sind in den Medien tätig, und „verschweigen“ im Berufsalltag ihre Familie. Sie sind glücklich, doch sie wollen nicht als „konservativ“ herüberkommen. Wer seine Familie in Ordnung hat und glücklich ist, der ist im Deutschland der kinderlosen Meinungsmacher schon des Ewiggestrigen verdächtig.

Was könnten wir tun, um den vielen „heimlichen Konservativen“ neuen Mut zuzusprechen?

Konservativer Mut könnte etwa bedeuten, zu sagen:

  • Ja, ich liebe meine (evtl.: zukünftige) Familie und ich will (auch weiterhin) eine „ganz normale“ Familie haben – oder etwas möglichst Ähnliches. Kinder sind glücklicher mit stabilen Eltern (fast egal wie stressig das ist!) statt nach Tageslaune zusammengewürfelten „Bezugspersonen“. (Notabene: Ein anständiger Mensch zu sein bedeutet auch, jenen zur Seite zu stehen, denen solches Glück nicht gegeben ist!)
  • Ja, das modern-christliche Menschenbild ist besser als Alternativen wie eine offene Verachtung gegenüber Ungläubigen oder der Verdinglichung der Frau. Wenn wir das modern-christliche Weltbild nicht verteidigen, waren all die Kriege und Schlachten vergebens.
  • Ja, Politiker sollten an ihrem Amtseid gemessen werden, zum Wohle von Land und Volk zu handeln und Schaden von ihm abzuhalten. Politiker, die ihrem Land schaden, müssen demokratisch von der Macht entfernt werden.
  • Aber auch Themen wie dieses: Nein, ungeborene Babys sind keine Wegwerfware, derer man sich entledigt, weil man zu faul/betrunken/doof war, auf ein Kondom zu bestehen. Dass das Leben der höchste aller Werte ist, dass die linke „Eiseskälte beim Thema Abtreibung gespenstisch“ ist (Zitat Poschardt, ein Liberaler), auch das könnte zum „konservativen Mut“ gehören.
  • In einem Rechtsstaat darf die Rechtsstaatlichkeit nicht durch „Befindlichkeiten“ aufgehoben werden. Wenn politische Launen über dem Rechtsstaat stehen, dann ist es kein Rechtsstaat, sondern zumindest in dem Aspekt ein Willkür-Staat. Konservativer Mut muss doch bedeuten, täglich für den Rechtsstaat zu stehen. (Merkel wurde 2016 mit 89,5% zur CDU-Chefin gewählt – man hofft also auf die bis zu 10,5% Konservativen in ihrer Partei.) Wenn es etwas zu Bewahrendes gibt, dann Rechtsstaatlichkeit und demokratische Verlässlichkeit.

Seien wir ehrlich: Die meisten von uns sind der Revolutionen müde, nicht mal die Linken mit ihren in Billiglohnländern genähten Feminismus-T-Shirts wollen wirklich neue Revolutionen betreiben.

Und doch fühlen wir die Pflicht, etwas zu ändern, etwas zum Besseren zu wenden und das Böse abzuwenden.

Es gilt Gesicht zu zeigen, Demokratie zu leben und Zeichen zu setzen. Die Faust in der Tasche ist nicht genug. Konservativer Mut beginnt damit, sich (endlich?) einzugestehen, dass man Ordnung für sein Leben, seine Familie und sogar sein Land möchte, dass man Gutes bewahren und Traditionen fortführen möchte, dass man Zerstörerisches verhindern will, mit Kraft und Ernsthaftigkeit – und diese Haltung vor der Welt zuzugeben.

Es gibt viel mehr „heimliche Konservative“ als mancher von Ihnen denkt. (Ich verrate Ihnen etwas: „Ich bin eigentlich konservativ, aber traue mich nicht, das in meinem Umfeld zuzugeben“, ist sinngemäß eine der häufigsten Aussagen, die Sie mir zumailen.) – Nein, Sie sind nicht allein! Es gibt viel mehr Leute da draußen, die ticken wie Sie! Doch, wie Sie, brauchen auch diese Mitbürger noch etwas Mut.

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