03.08.2022

Ja, Krieg ist Frieden, und die drei Parolen sind wahr!

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Derek Sutton
Es ist so weit: »Krieg ist Frieden« ist keine fiktive Parole aus »1984« mehr – es ist Realität. Gruselig viele Bürger empfinden es als »friedlicher«, wenn überall Krieg ausbricht, als unter Trump, der die Welt friedlicher machte.
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Als ich eben den Essay »Gurke, Auto, Gartenzwerg, Anthroposoph« schrieb, in etwa als ich um die Wortwahl der letzten Absätze rang, wurde mir etwas Schreckliches klar: Die »drei Parolen« ergeben durchaus Sinn.

Es geht um jene drei Parolen, aus jenem sehr berühmten Buch mit der Jahreszahl zum Namen. Gemeinhin stehen die drei Parolen für die Umkehrung von Bedeutung durch Propaganda und Sprachvorgaben.

Die drei Parolen lauten »Krieg ist Frieden«, »Freiheit ist Sklaverei« und »Unwissenheit ist Stärke«.

Die meisten von uns haben gelernt, dass die Propaganda hinter diesen Parolen schlicht die Bedeutung von Wörtern in ihr Gegenteil umdreht.

Auch ich meinte es viele Jahre, doch während ich den Essay »Gurke, Auto, Gartenzwerg, Anthroposoph« schrieb, begriff ich plötzlich, dass die »neuen« Bedeutungen keinesfalls bloß das Gegenteil sind.

Die Angelegenheit ist viel perfider! Ich will es gern erklären, und ich beginne mit der dritten Parole.

Drei von Drei

Die dritte der Parolen lautet »Unwissenheit ist Stärke«, im Englischen: »Ignorance is strength«.

Bei dieser Parole lässt sich noch leicht aufzeigen, dass hier eine Interpretation gemeint ist. Schließlich ist streng genommen nicht Stärke das Gegenteil von Unwissenheit (das wäre eher Schwäche).

Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, gruselt mich manchmal, was alles in meinen Projekten hätte schiefgehen können.

Mancher Umzug, manche Unternehmung, mancher Neubeginn – wie viele Erfolge oder auch lehrreiche Umwege hätten wir tunlichst vermieden, wenn wir alle Risiken und Konsequenzen gekannt hätten!

Es gilt ja auch fürs Politische. Warum fühlen sich die Linken so selbstsicher? Weil Konsequenzen zu bedenken für sie als »rechts« und also böse gilt. Das schafft Selbstsicherheit, die für viele Menschen attraktiv ist. Unwissenheit ist tatsächlich Stärke.

Wer die Risiken und Konsequenzen nicht kennt, scheint auf den ersten Blick tatsächlich »mutiger« zu handeln.

In Angst und prüfender Unsicherheit zu handeln, das mag »vernünftig« sein, doch es ließe sich als »Schwäche« deuten.

Wenn es uns hilft, selbstbewusster zu handeln, dann wirkt Unwissenheit tatsächlich wie Stärke.

Zwei von Drei

Die zweite der drei Parolen lautet »Freiheit ist Sklaverei«, im Original: »Freedom is slavery«.

Diese Parole wirkt tatsächlich auf den ersten Blick wie die Gleichsetzung von Gegenteiligem. Der Widerspruch von »Freiheit« und »Sklaverei« lässt sich aber auflösen.

Im Essay »Was meinen Sie, wenn Sie ›Freiheit‹ sagen?« (URL: dushanwegner.com/freiheit/) beschrieb ich schon 2017 mein Verständnis von »Freiheit«: »Ich fühle mich »frei«, wenn ich zwischen mehreren (potenziell) ›befriedigenden‹ Möglichkeiten wählen kann.«

Wenn einem Menschen aber anerzogen wird, dass die Möglichkeit und damit die praktische Pflicht zur eigenen Entscheidung etwas Angsteinflößendes ist, dann ist er tatsächlich mit der Freiheit unzufrieden – und die Freiheit ist für ihn Sklaverei!

Und ein Sklave, der mit seinen Möglichkeiten zufrieden ist, fühlt sich in diesem Sinne tatsächlich frei.

Wir kennen ja die Fälle von Gefangenen, die sich innerlich mit ihrer Gefangenschaft arrangiert hatten, und nach ihrer Entlassung todunglücklich sind. Und auch mancher Bürger, der aus der Diktatur flieht, fühlte sich zunächst verloren. Und im Westen erleben wir so manchen eingewanderten Strenggläubigen, der mit der religiösen Freiheit des Westens nicht zurechtkommt, und sich sein religiöses Gefängnis wieder aufbauen möchte – das ist dann seine Freiheit.

Wenn die »richtigen« psychologischen Rahmenbedingungen gesetzt wurden, ist Freiheit tatsächlich Sklaverei. Und dann gilt es sogar andersherum: Für einen zufriedenen Sklaven ist die Sklaverei tatsächlich Freiheit.

Eins von Drei

Und dann wäre da noch die dritte der Parolen: »Krieg ist Frieden«.

Auch das klingt wie die Umkehrung und Gleichsetzung mit dem Widerspruch – doch es ist, unter bestimmten psychologischen Bedingungen, wahr.

Wohlstand, Rechtsstaat und die Abwesenheit von Krieg sind nur eine mögliche, »äußere« Bedeutung des Wortes »Frieden«.

Der Mensch spricht auch vom »inneren Frieden« – und der kann ganz andere Umstände voraussetzen als der äußere!

Der Mensch kann in Friedenszeiten leben und doch »inneren Krieg« durchleiden. Und ein Mensch kann auch in Kriegszeiten »inneren Frieden« finden.

Unterm US-Präsidenten Trump wurde die Welt friedlicher. Nord- und Südkorea kamen ins Gespräch. Der Nahost-Frieden kam voran. So mancher »starke Mann« wollte sich nicht mit Trump anlegen, weil er nicht vorhersagen konnte, wie die Reaktion ausfallen würde.

Den Menschen wurde jedoch eingeredet, dass Trump moralisch böse sei. Teils wurde mit offenen, dreisten Lügen operiert (»Russland-Dossier«), teils mit der Hyperfokussierung auf relative Kleinigkeiten. Man steigerte es zur »Moralpanik« (ähnlich wie bei der »Hexenjagd« im Mittelalter) – bis viele Millionen simpler Propaganda-Opfer bereit waren, Krieg und Not hinzunehmen, wenn nur die »Moralpanik« nachließe.

Stephen Colbert und andere US-Propagandisten in den Konzernmedien priesen, dass es sich endlich wieder »normal« anfühlt (siehe theguardian.com, 29.4.2022).

Ein anderes Wort für »endlich wieder normal« wäre, dass wieder »innerer Frieden« gestattet wird.

In der Zeit des greisen Grabschers Joe Biden mögen Kriege ausbrechen und die Inflation mag galoppieren, doch zumindest dreht die Propaganda die Moralpanik etwas herunter. Man lässt sie nur mit der lächerlichen 6.-Januar-Kommission etwas »köcheln«. Die Erleichterung der Moralpanik fühlt sich für gefährlich viele Bürger tatsächlich wie »innerer Frieden« an – und für die ist die erste der drei Parolen tatsächlich wahr: »Krieg ist Frieden«.

So weit, so wahr

Es ist so weit, die drei Parolen von 1984 sind wahr. Es ist keine Mahnung mehr, keine Warnung einer fernen Dystopie.

Unwissenheit ist Stärke, politisch wie psychologisch. Freiheit fühlt sich für manchen Mitbürger als Sklaverei an, und Sklaverei erscheint denen als Freiheit.

Und, vor allem: Es herrschen Kriege und die Welt wird instabil, weltweit fallen die unteren Klassen in noch tiefere Armut und die Inflation schießt hoch. Die Propaganda aber redet den »inneren Frieden« ein – oder, kürzer: »Krieg ist Frieden.«

Welcher Frieden?

Ein jeder Mensch sucht nach innerem Frieden – darin sind wir uns alle ähnlich. Wir wollen »unsere Kreise ordnen«, unsere »relevanten Strukturen« kennen und stärken.

Was uns aber sehr grundlegend unterscheidet, sind die Umstände, unter denen wir uns »geordnet« und »in innerem Frieden« fühlen.

Millionen unserer nationalen wie internationalen Mitmenschen, hüben wie drüben, brauchen die Zusicherung der Propaganda, dass sie sich nun »in innerem Frieden« fühlen dürfen – selbst wenn Krieg herrscht. Für diese Menschen gilt dann tatsächlich: »Krieg ist Frieden«.

Solches Denken ist mir fremd. Für mich ist Unwissenheit nicht Stärke, sondern Feigheit und Verantwortungslosigkeit. Ich verstehe nicht, wie sich Sklaverei wie Freiheit anfühlen kann, doch ich sehe Tausende, die das anders sehen. Und ich weiß ehrlich nicht, wie Menschen so gehirngewaschen sein können, dass sie inneren Frieden empfinden können, während alte Kriege neu anschwellen und neue Kriege ausbrechen.

Ja, es gibt Menschen, für die sind die drei Parolen tatsächlich wahr. Diese Menschen sind mir fremd.

Ich sollte auch damit meinen Frieden finden.

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