Dushan-Wegner

08.08.2023

Kurz vor Schluss

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Bild: »Oh, ist da was kaputt?«
Schauen wir doch in Geschichtsbüchern, was die Kennzeichen von Nationen kurz vorm Untergang sind! Da wäre etwa die innere Zerstrittenheit. Mangelnde Fähigkeit, sich gegen Feinde zu verteidigen. Zerfall der Wirtschaft. Verlust der Identität. – Hmm.
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Vom antiken Rom sind die Ruinen geblieben, in welche gelegentlich ein(e) Depp(in) seine/ihre/diverse Initialen ritzt (euronews.com, 17.7.2023). Vom alten Griechenland blieben ebenfalls schmucke Ruinen. Beide beschenkten uns zudem – so viel sei zugegeben – mit intellektuell stimulierenden Göttern (teils dieselben unter verschiedenem Namen), die bis eben noch unseren Großen (also als wir noch Große und Größe hatten) zur Inspiration dienten. (»Wer half mir wider der Titanen Übermut?«)

Das antike Griechenland fragmentierte sich politisch ja selbst. Die Stadtstaaten stritten untereinander und warteten praktisch darauf, im 2. Jahrhundert von den Römern in deren Weltreich eingegliedert zu werden.

Die alten Römer wiederum gingen an wirtschaftlicher Instabilität, politischer Korruption und internationaler Überdehnung zugrunde. Sicher, die Invasionen aus dem Norden setzten Rom zu, doch wir ahnen heute, dass die spätrömische Dekadenz daran schuld war, dass es mit dem Römischen Reich, fünf Jahrhunderte nachdem man den Hebräer an den Querbalken genagelt hatte, zu Ende ging.

Doch die Römer und Griechen sind wahrlich nicht die einzigen Völker und Nationen, welche sich selbst schwächten und praktisch darauf warteten, von außen von ihrem Leid erlöst zu werden.

Etwa die Nabatäer

Die Historiker wissen stundenlang über all die Gescheiterten zu berichten! Von A wie »Akkadisches Reich« (23. bis 22. Jh. v. Chr.) und »Aksumitisches Reich« (1. Jh. n. Chr. bis 10. Jh.) bis X wie »Xia-Dynastie« (21. bis 17. Jh. v. Chr.) und Z wie »Zweite Babylonische Dynastie« (612 bis 539 v. Chr.).

Der Niedergang einer Kultur hat selten nur eine Ursache. Liest man die Schicksale der Untergegangen einmal quer, stellt man bald ein Muster fest: Wenn Nationen untergingen, gingen zuverlässig innere Konflikte und Fehleinschätzung ihrer geopolitischen Lage voraus. Man könnte die Eroberer dann erschreckend häufig mit dem »Gentleman« vergleichen, der die Dame weniger schubst oder niederreißt, als dass er ihr »beim Fallen hilft«.

Betrachten wir etwa die Nabatäer, arabische Nomaden, deren Zivilisation vom 4. bis zum 2. Jahrhundert vor Christus währte. Ihr Kunsthandwerk zählt zum Feinsten der Menschheitsgeschichte, auch die weltberühmten aus dem Fels geschlagenen Gräber von Petra stammen von den Nabatäern.

Und wo sind sie heute, all die Nabatäer? Der Stammesverbund wurde unter Trajan im Jahr 106 v. Chr. ins römische Reich eingegliedert und soll später zum Christentum konvertiert sein. Es passierte nicht plötzlich in einer großen Katastrophe, nicht mit einem Knall, sondern mit Gewimmer – man darf aber vermuten: Jeder einzelne der Schritte, die zum Verschwinden so vieler Völker führte, erschien damals »alternativlos«.

In die Reihe

Wenn dereinst eine Künstliche Intelligenz gefragt werden sollte, wie es damals zum Untergang der Bundesrepublik Deutschland kam, würde sie natürlich die seit jeher bekannten Muster nennen: Dekadenz, Korruption, wirtschaftliche Selbstschwächung für den Profit einzelner, konkret wohl auch aktive wirtschaftliche Schwächung durch ausländische Akteure.

Doch über die »bekannten« Gründe für den Untergang hinaus, lassen sich heute speziell deutsche Faktoren ausmachen: Unsere Stärken wurden gegen uns gedreht. Das Schicksal Deutschlands liegt heute in der Hand von Figuren, die nicht immer zu unterscheiden sind von Leuten, die Deutschland in die Liste der Untergegangenen aufnehmen wollen.

Die drei Fragen

Nehmen wir einmal an, so rein hypothetisch, dass Sie und ich die Bürger eines untergehenden Reiches wären, ob nun in Byzanz (Kriege, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Eroberung durch die Osmanen im 15. Jahrhundert) oder als Wikinger (interne Konflikte, Gegenwehr christlicher Länder, etwa bis 11. Jahrhundert). Ich sehe drei Fragen, die Sie sich hätten stellen sollen: »Wie wird sich das wohl weiterentwickeln?«, »Kann ich verhindern, dass wir untergehen?«, »Oder kann und muss ich mich und meine Lieben in Sicherheit bringen? Wie viel Zeit bleibt?«

Obwohl diese Fragen wohl auch für uns relevant sind, kenne ich die Antworten nicht – nicht mit Gewissheit. Ich hoffe so sehr, dass sich für manche dieser Fragen im Nachhinein eine weit positivere Antwort finden lässt, als die Pessimisten und Realisten heute unken.

Doch um sicherzugehen, dass Sie anstehende Untergänge auch erkennen, prüfen Sie doch Ihr Untergangswissen in meinem neuen Untergangs-Quiz! (40 YouTube-Shorts)

Durch unsere Vorgärten

Irgendwie wird es schon noch werden, ob man das Sinken der Unsinkbaren von Bord oder vom Fernsehsessel aus verfolgt. Das antike Rom ist nicht mehr, das antike Griechenland ist nicht mehr, und auch um Deutschland mache ich mir Sorgen.

Ein Freund schrieb mir gestern Nacht, mit etwas griechischem Ouzo sei das alles viel besser zu ertragen. Ich vermute, dass das auch mit Rotwein aus Latium oder mit hessischem Riesling funktionieren würde. In vino levitas – im Wein ist Leichtigkeit.

Noch sind die Würfel nicht gefallen – noch rollen sie. Doch Hannibal steht vor der Tür und die Vorhut seiner Elefanten trampelt durch unsere Vorgärten.

So vergeht der Ruhm der Welt, doch bis er vergangen ist, sage ich: Mehr spätrömische Dekadenz wagen!

Weiterschreiben, Wegner!

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