28.10.2020

Lockdown!

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Bruno Neurath-Wilson
Der Lockdown kommt und er riecht nach DDR 2.0: Öffentliche Freude wird verboten (das war nicht einmal in der DDR so). Der Bürger hat zu arbeiten, Steuern zu zahlen und am Abend den Staatsfunk zu gucken. Wer glaubt, dass diese Macht wieder aufgegeben wird?
man in gray jacket walking on street during daytime
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Es ist eine Gewissensfrage, eine Frage von erfrischend klarem Entweder-Oder, eine unzweideutige Frage relevanter Strukturen: Erlaubt man den Kindern, im Wohnzimmer den Ball herumzuwerfen?

Auf der einen Seite: Jene Lebensweisheit, dass jeder Tag im Leben nur einmal kommt, ich glaube fest an sie. Dieser Tag ist zu jeder gegebenen Zeit der einzige Tag. Das Vergangene existiert nur durch seine Konsequenzen, die es dem heutigen Tag auferlegt. Das Kommende existiert nur durch die Notwendigkeit, mit der es heute unsere Hand führt. Ich will doch nicht als Vater meinen Kindern verbieten, heute ihre Lebensfreude auszuleben! Wenn ich dem Jetzt die Freude raube, diesem einzigen realen und kleinsten Moment, was für eine Kindheit gebe ich meinen Kindern mit? – In diesem Geiste also: Spielt Kinder, spielt! Werft euren Ball! Lacht laut und von Herzen! Wer braucht denn heute noch Porzellanschalen oder Glasvitrinen?

Auf der anderen Seite: Meeeeine Güte, könnt ihr nicht auch draußen spielen, ihr wunderbaren, süßen Blagen? Wohnzimmer ist Wohnzimmer, da müsst ihr doch nicht euren Ball herumwerfen!

Nun, während Elli (a.k.a. »Engelmensch«) und ich (a.k.a. »Meeensch, Papaaa!«) das ethische Dilemma »Ballfreude vs. Wohnzimmerausstattung« debattieren, haben die großartigsten aller Kinder längst mit dem Spiel begonnen (genau genommen hatten sie nie mit dem Spiel aufgehört (ein noch dramatischerer Essayist als ich könnte an dieser Stelle einfügen: ach, ist es nicht traurig, wenn das Leben nicht mehr Spiel ist…)).

Der Ball fliegt – und wer Kinder hat, der kennt jenen »flackernden« Moment, den Filmemacher gern mit »Slow-Motion« darstellen, wenn die Zeit kriechend langsam wird – der Ball fliegt, und wir erkennen es an der Flugbahn: der Ball wird die schwedische Design-Vase treffen, die preisgünstige und doch bislang gern gemochte Tonware wird am Boden zerschellen – oder vielleicht auch nicht?

»Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen«

Ganz unabhängig von obskuren linksgedrehten Sprachmechanikern erlaube ich mir die simple Tatsachen-Feststellung: Das (wahre und eigentliche) »Wort des Jahres 2020« und das (wahre und eigentliche) »Unwort des Jahres 2020« sind dasselbe, und zwar: Lockdown.

2020 ist das Jahr, vor dem uns all die Verschwörungstheoretiker gewarnt haben.

Während in Wuhan (wo angeblich das China-Virus herkam, ob nun via Fledermaus-Suppe oder via Labor-Unfall) angeblich wieder Partys gefeiert werden, spürt man geradezu ein lustvolles Prickeln und sieht kleine Funken der Aufregung sprühen, wenn gewisse Politiker von einem neuen Lockdown reden. Die Infektionszahlen steigen wieder – und also will man, exakt wie ich vorhersagte, auf Weihnachten zugehend die Bürger einsperren.

Ab dem 2. November 2020 soll ein neuer »Teil-Lockdown« in Kraft treten (bild.de, 28.10.2020). Hessens CDU-Ministerpräsident macht sich extra ehrlich und fordert sogar den »Gesundheitsnotstand« – »Notstand« bedeutet in der Praxis die (noch weiter als bisher gehende) Aufhebung einer Anzahl demokratischer und rechtsstaatlicher Regeln – wenig überraschend ist laut BILD-Information auch Ramelow von der umbenannten SED nicht dagegen.

Lesen wir einen simplen Satz in den aktuellen Nachrichten:

Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen, sollen wegen der Corona-Krise, deutschlandweit über den gesamten Zeitraum untersagt werden. (welt.de, 28.10.2020)

In Deutschland wird zum Gesetz, was bis vor kurzem noch als Witz über die Deutschen kolportiert wurde: Spaß ist in Deutschland verboten. Zuschauersport darf nur noch ohne Zuschauer stattfinden. Innenminister will Schleierfahndung (bild.de, 28.10.2020) – man könnte sagen: die Politik lässt den Schleier fallen. Auch für Musiker hat es sich ausmusiziert, zumindest öffentlich. Das Reisen wird verboten, wenn es vergnüglich sein könnte. Restaurants »dürfen« zwar noch kochen, doch die Bürger sollen die Speisen einsam daheim in sich hinein stopfen – idealerweise wohl dabei vom Staatsfunk beschallt, bis sie ermattet einschlafen (und Zyniker ergänzen: »oder sich den Strick nehmen«).

SPD-»Gesundheitsexperte« Lauterbach, der sich die Haare selbst mit der Bastelschere zu schneiden scheint und auch sonst sehr vertrauensbildend wirkt, fordert sogar Kontrollen bis in Privatwohnungen hinein (bz-berlin.de, 28.10.2020).

In Zahlen und Fakten

Wenn ein Unfall »beinahe« passiert, nennen wir es hinterher etwa im Fall von Autos einen »Beinahe-Unfall« oder vielleicht sogar eine »Beinahe-Katastrophe«.

Ich höre vom kommenden Lockdown, und mein Gefühl ist exakt dasselbe wie wenn ein Ball durchs Wohnzimmer und in die Richtung von Glas oder Porzellan fliegt.

Der interessanteste Moment an Beinahe-Unfall ist, auf gewisse Weise, gar nicht der doch-noch-gute Ausgang (der ist manchmal sogar eher enttäuschend – fragen Sie mal den Nascar-Autorennen-Fan). Und wenn der Unfall leider nicht nur ein Beinahe-Unfall sondern schlicht ein Unfall war, wenn das Glück nicht mehr ausreichte, auch dann ist es, wenn die finalen Fakten erst feststehen, wenig mehr als ein in Zahlen und Fakten zu bezifferndes Problem.

Der schillerndste Moment am Beinahe-Unfall ist der Moment der Ungewissheit. Ein Flackern. Wir sehen den Ball im Flug, eine Ahnung befällt uns. Das Gehirn ist eine Vorherberechnungsmaschine, und wie wenn die Matrix sich nicht entscheiden könnte, welche von beiden Realitäten sie materialisieren will, flackern in unserem Bewusstsein die beiden möglichen Ausgänge – bis es dann entweder scheppert oder es gerade-noch-gut-geht.

(Deterministen glauben, dass alle Ereignisse der Welt bis ins kleine Detail von den jeweils vorherigen Ereignissen abhängen, werden uns erklären, dass dieses »Flackern« ein Zustand unseres Denkens ist, kein Zustand der Welt… nun ja.)

Der Ball fliegt, es könnte schiefgehen – und ich frage mich: Kann es gutgehen?

Wir »erlauben« unseren Politikern, »im Wohnzimmer Ball zu spielen«.

Ich frage nicht mehr, ob die Demokratie überlebt. Wer glaubt wirklich, dass Merkel und ihre Helfer alle »Sonderrechte« zurückgeben, die sich die Behörden mit propagandistischer Rückendeckung des Staatsfunks genehmigt haben. Bei der sogenannten »Euro-Rettung« ließ man die fragwürdigen Maßnahmen noch mindestens/wenigstens des Anstands halber von braven Parteisoldaten im Bundestag abnicken. Bei Corona machte man sich über Monate nicht mal mehr die Mühe, die Maßnahmen pro forma abnicken zu lassen.

Ich frage nicht mehr, ob Demokratie (unbeschädigt) bleibt. Irgendetwas wird bleiben, und es wird sich Demokratie nennen.

Ich frage, ob das Land (!) überlebt. 2020 ist ein Jahr, in welchem über Nacht die wildesten Verschwörungstheorien zum »neuen Normal« werden. Im Juli 2020 schrieb ich von Deutschland und Europa als »Chinas Kolonie«. Ich läge gerne falsch darin.

Es »flackert«.

Unsere eigene Lampe

Es flackert, und ich weiß nicht, ob das »Flackern« natürlich ist – oder ob da einer ist, der am Lichtschalter spielt.

Ich weiß nicht, wie der Lockdown ausgehen wird. Es ist nicht schwer, vorherzusagen, dass Scherben bleiben werden – die Vasen fallen ja bereits.

Es fliegt ja mehr als ein »Ball« in diesem Jahr herum. Der Migrationspakt und Merkels Welteinladung wirken weiter. Das dramatische Zurückfallen bei Zukunftstechnologien. Die demokratiegefährdende Verdummung der deutschen Debatte durch den Staatsfunk, mit publizistischem Flankenschutz der von der Regierung co-finanzierten Zeitungen. Die diversen Verantwortungen in Währungs- und Geldangelegenheiten.

Es flackert und ich weiß nicht, wie die Bälle landen werden. Einige Vasen sind ja bereits zerdeppert, und es gilt, sich nicht an den Scherben die Füße zu zerschneiden.

Nein: Ich glaube nicht, dass Politiker ihre Lust am Lockdown so schnell aufgeben. Macht will Macht bleiben, und Macht will ihre Macht absichern, indem sie täglich mächtiger wird.

Doch, ja: Ich glaube wirklich daran, dass jeder Tag es wert ist, ganz gelebt zu werden – auch und besonders in Zeiten, in denen ganz offiziell die Freude verboten wird, wenn sie »ansteckend« sein könnte, ist es buchstäblich überlebenswichtig, jeden einzelnen unserer Tage, dieser Ziegelsteine unseres Lebenshauses, bewusst und mit Sorgfalt zu legen.

Es flackert. Es ist Zeit, unsere eigene Lampe anzuzünden, eine Lampe, die auch den Schlag des Balles überlebt – es ist schon lange Zeit. Wohl dem, der einen Innenhof sein eigen nennt.

Der Ball fliegt und die Vase, die er zu zerschlagen droht, ist unser Land, unsere Heimat, der alte Grund unserer einst immer wieder neuen Hoffnung. Es ist eine Gewissensfrage, eine Frage von erfrischend klarem Entweder-Oder, eine unzweideutige Frage relevanter Strukturen: Verzweifle ich am düsteren Flackern oder suche ich nach der eigenen Möglichkeit, dass dieser Tag doch noch schön und seiner Stunden wert gewesen sein wird?

Lasst euch nicht vom Flackern irre machen! Bereitet euch auf Scherben vor. Bringt in Sicherheit, was ihr in Sicherheit bringen könnt. Vor allem aber: Macht diesen Tag schön. Und den nächsten. Und dann wieder den nächsten.

Ich gehe jetzt meine Kinder von der Schule abholen. Wir fahren mit dem Sohn zur Bibliothek, um (natürlich mit desinfizierten Händen und Maske über der Nase) neuen Lesestoff auszuleihen (er liest lieber Papier als E-Reader). Mit der Tochter gehen wir zum Optiker, ihre neue Brille abholen (die letzte ist beim Spielen abhanden gekommen – eine wiederum ganz eigene Geschichte).

Es flackert. Ich will Lichter anzünden, wo ich nur kann.

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