28.08.2021

Lecker, diese sauren Trauben!

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Nacho Domínguez Argenta
In der kognitiven Dissonanz der Guten™ war Trump ein böser, dummer Kerl, der nur zufällig erfolgreich der Welt den Frieden brachte – aber Biden ist denen ein guter und kluger Mann, der bloß viel Pech hat, so dass alles misslingt und Menschen sterben.
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Die Fabel vom Fuchs und den sauren Trauben, sie begleitet mich, sie mahnt und beschäftigt mich! Wenn ich der Fuchs bin – wie ein jeder eines von Aesops Tieren sein kann – was sind meine »sauren Trauben«?

Ich habe jene Fabel 2018 im Text »Das Glück in Zeiten der Unordnung« zur Hilfe gerufen, ähnlich so im Droh-Essay »Kanzlerin, so lange sie will« von 2020.

Inzwischen steht überm Kalender die Jahreszahl 2021, und mir schwant, dass Aesops Annahme über den Fuchs vielleicht zu optimistisch war, ja, zu »normal«.

Wir erleben heute – und wir sind täglich neu verwundert und nun wahrlich nicht mehr überrascht – ein anderes Fuchs-und-Trauben-Szenario!

…dem einfach nichts gelingen will

In »derer« Denkwelt war Donald J. Trump ein böser Kerl – und dumm dazu! – dem nur zufällig viele gute Dinge gelangen. Unter ihm war der Nahe Osten auf dem Weg zum Frieden (unter Biden brach wieder Krieg aus), der Wirtschaft ging es gut, ein Impfstoff — was man auch immer davon halten will – wurde rasend schnell entwickelt, obwohl die Journalisten und andere Trumphasser ätzten, dafür bräuchte es schon Wunder – und so weiter.

Biden dagegen ist in »deren« Denkwelt ein kluger und moralischer Kerl (man ignoriert einfach seine Skandale, seinen Rassismus, seine Grabscherei, die Verstrickungen mit den Angelegenheiten seines Sohnes) – für »die« ist Biden ein Guter, dem nur dummerweise einfach nichts glücken will (und jetzt gehen in Afghanistan eben wieder die Bomben hoch und Menschen sterben).

Gegen das Vergessenwerden

Wenn ein Mensch versucht, widersprüchliche Fakten und Werte gleichzeitig zu unterstützen, erlebt er bekanntermaßen »kognitive Dissonanz«.

Wer heute »mitspielen« will, muss viel, sehr sehr viel kognitive Dissonanz ertragen.

Im Essay »Kulturschaffende 1934, 1976, 2018« dokumentierte ich, wie deutsche Künstler sich immer wieder einspannen ließen, als Moral des Tages zu bejubeln, was die Regierung jeweils bejubelt sehen will. Aktuell etwa versuchen sich wieder einige gegen das Vergessenwerden ankämpfende Künstler mit einer Kampagne für die aktuellen Propaganda-Anliegen der Regierung ins Gespräch zu bringen, diesmal also für Impfung (weser-kurier.de, 25.8.2021). – Ich frage mich: Wie viel kognitive Dissonanz müssen ein Künstler und seine Fans unterdrücken, um nicht zu merken, dass du kein Punkrock und gewiss kein Revoluzzer, wahrscheinlich nicht einmal ein freier Geist bist, wenn du dich wieder und wieder und wieder bewegt siehst, enthusiastisch die Regierung zu unterstützen?

Ach, es sind ja nicht nur die Künstler und Kulturschaffenden, welche sich in kognitiver Dissonanz verrenken!

Man spricht heute auch mit manchem »ganz normalen« Mittelschichtler, der die höchste Abgabenlast der Welt (!) zahlt, dessen Erspartes null Prozent Zinsen einbringt, dessen Arbeitsplatz oder Kunden bald wegbrechen oder ins Ausland auswandern – und der doch sagt, dass Merkel das alles »ganz gut macht«.

Weniger stressig

Meine eigene simple Theorie dazu, warum Menschen so oft und stur sich kognitiven Widersprüchen hingeben, hat mit Stressvermeidung zu tun: Ich vermute, dass das Ertragen eines kognitiven Widerspruchs zwar stressig ist, aber dass das Eingestehen einer unbequemen Realität als noch stressiger eingeschätzt wird.

Wenn die Lüge zu leben weniger stressig scheint als die Wahrheit zu akzeptieren, dann werden all jene, für die Wahrhaftigkeit kein eigener Wert ist, logischerweise lieber die Lüge zu leben versuchen.

Wie köstlich!

In der Original-Fabel von den sauren Trauben sieht der Fuchs die Früchte zwar, und er will sie auch haben, doch er kann sie nicht erreichen, und also redet er sich ein, dass sie ihm gewiss zu sauer waren.

Heute könnte Aesop dieselbe Fabel neu und anders schreiben (oder natürlich eine zweite Fabel anfügen): In der neuen Fabel vom Fuchs und den Trauben gelingt es dem Fuchs mit Mühe und Aufwand, an die Trauben zu gelangen. Allerdings, sobald der Fuchs die Trauben im Maul hat, stellt er fest, dass die Trauben tatsächlich ganz scheußlich sauer sind!

Der Fuchs gesteht es sich aber nicht ein, dass die Wahrheit der Trauben eine saure ist – oh nein!

Statt die sauren Trauben auszuspucken, kaut der Fuchs weiter auf ihnen; er deklamiert für sich wie für die Umstehenden: »Wie süß diese Trauben schmecken, gar köstlich und niemals nicht sauer! Es war eine gute Entscheidung, diese Trauben zu fressen!«

Aus dieser neuen Variante der Fabel vom Fuchs und den Trauben können wir gleich drei Lehren ziehen!

  1. Manche Traube, die aus der Ferne süß aussah, schmeckt im Maul dann überraschend fies und sauer.
  2. Glaube nicht jedem Fuchs, der laut schmatzt, und beteuert, wie süß die Trauben seien! Vielleicht belügt er dich, vielleicht wird er fürs Lügen bezahlt – womöglich belügt er sich selbst!
  3. Egal wie süß die Traube dir schien, egal wie süß die Worte des Traubenverkäufers waren – es nutzt ja doch nichts: Wenn die Trauben fies und sauer sind, dann würge nicht weiter an ihnen, sondern spucke sie endlich aus!

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