08.08.2022

Warum war Herr Kahrs so laut?

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Johny Goerend
Leute, die extra rasend gegen Opposition und Andersdenkende wüten (sprich: sich »moralisch« geben), haben oft etwas zu verbergen. Im »besten« Fall die eigene Inhaltslosigkeit – und manchmal vielleicht ganz andere Dinge.
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Johannes Kahrs ist wieder in den Schlagzeilen. Herr Kahrs ist ein Ex-SPD-Abgeordneter. In (s)einem Schließfach der Hamburger Sparkasse fanden Ermittler 200.000 Euro in Bar, unerklärt, so berichtete zuerst bild.de, 6.8.2022. Es könnte in Verbindung stehen mit der Cum-Ex-Affäre, die G20-Versager und Merkel-Nachfolger Olaf Scholz (siehe morgenpost.de, 8.7.2017) lieber aus den Schlagzeilen halten würde, denn: »Das Schließfach ist Sprengstoff für den Bundeskanzler«, titelt tagesspiegel.de, 6.8.2022.

»Cum-Ex« ist eine Form von Steuerbetrug, bei welcher Aktienpakete im Kontext von Dividenden-Ausschüttungen mehrfach verschoben werden, sodass Steuern mehrfach rückerstattet werden. Während Cum-Ex-Betrug deutschlandweit passierte, war Hamburg wohl eine Art Epizentrum. Zu der Zeit wirkten dort aber auch lupenreine (Sozial-) Demokraten wie Scholz und Kahrs.

Laut ndr.de, 8.8.2022 grübelt die Kölner Staatsanwaltschaft derzeit über die Frage, ob der Sozialdemokrat Kahrs daran beteiligt war, dass zunächst die Steuergelder nicht zurückgefordert wurden – und was es mit den Geldscheinen im Schließfach zu tun haben könnte.

Ein Zyniker würde sagen, dass Kahrs einfach Pech hatte, nicht schnell genug hoch genug aufzusteigen. Die Ermittlungen gegen Olaf Scholz zum gleichen Thema wurden im Dezember 2021 fallengelassen (ndr.de, 17.12.2021). Ich bin kein Zyniker, und also sage ich, dass Herr Kahrs bis zur eventuellen final gültigen Verurteilung als unschuldig zu gelten hat.

Bei Herrn Harbarth wird die Frage gar nicht erst gestellt, ob er beteiligt war. Es ist nur ein Zufall, dass der aktuelle Präsident des Verfassungsgerichts einst Anwalt und dann Mitinhaber der Kanzlei war, in welcher der »größte Steuerbetrug der deutschen Geschichte« »zur juristischen Reife gebracht« wurde (so nachdenkseiten.de, 9.3.2020). Ich finde ja, dass ihn beides für jedes höhere Amt im Staat disqualifizieren sollte: (mindestens) moralisch, wenn er davon wusste, und (mindestens) intellektuell, wenn er davon nicht wusste.

Aber zurück zu Herrn Kahrs. Es war nicht immer so, dass Herr Kahrs im Kontext von Schließfächern voller Geld und großem Steuerbetrug in den Schlagzeilen war.

Sicher, zu Beginn seiner Karriere als Vorzeige-Sozialdemokrat war da schon mal etwas mit Strafverfahren und so. Herr Kahrs hatte einst eine Mit-Genossin per Telefonat belästigt (Zitat: »Ich krieg’ dich, du Schlampe«; so mopo.com, 04.09.1998 (archiviert)).

Zwischen diesen Strafverfahren zu Anfang seiner Karriere und den aktuellen Meldungen zu Geld im Schließfach, in den Jahren dazwischen lag eine Zeit, da war Herr Kahrs geradezu ein politischer Star.

So lange bis

Wenn Konzerne von eigenen Skandalen ablenken wollen, protestieren sie lautstark für freie Sexualität (aber nur in Ländern, in denen es legal ist und keines Protestes bedarf) – oder sie zeigen »Zivilcourage« gegen die Opposition.

Herr Kahrs hat mehr als einen unappetitlichen Ausrutscher in der Behandlung von Frauen in seiner Vita stehen – nicht nur gegenüber jener Genossin! Der SPD-Abgeordnete bezeichnete 2016 öffentlich auf Twitter eine Schülerin als »Schlampe«, so berichtet bild.de, 16.9.2016. (Derselbe Artikel schreibt übrigens: »Er gilt als zweitmächtigster Mann in der Hamburger SPD hinter Bürgermeister Olaf Scholz (58)«)

Im Bundestag fiel Herr Kahrs aber zuletzt damit auf, in wilde Raserei gegenüber der Opposition zu geraten.

Im Essay vom 12.9.2018 titelte ich: »Wenn Politiker sich wie Affen benehmen, um welche Wähler werben sie?« – Herr Kahrs hatte im Parlament gegeifert: »Rechtsradikale in diesem Parlament sind nicht nur ein Problem, sondern Rechtsradikale in diesem Parlament sind auch unappetitlich.«

Auf dem von Sozialdemokraten gewohnten parlamentarischen Niveau schimpfte er: »Hass macht hässlich. Schauen Sie doch in den Spiegel.«

Er beleidigte die AfD so lange, bis diese das Parlament verließ.

Inzwischen ist er zurückgetreten. Der Hass, den dieser lupenreine Genosse aber säte, der ist geblieben.

Extra laut

Bei Konzernen kennen wir es, dass sie nach einem Skandal extra laut gegen Andersdenkende agitieren. – Ähnlich scheint für Politiker zu gelten: Wenn es etwas gibt, dass sie bei sich verstecken wollen, wüten sie extra laut gegen Abweichler, Andersdenkende und die Opposition.

Mit rasendem Hass und wilden Beleidigungen gegen die AfD konnte sich Kahrs sicher sein, in sozialen und politiknahen Medien gefeiert zu werden (einfach mal bei Twitter nach »Kahrs« und »AfD« bis Ende 2019 suchen). Im Staatsfunk, aber auch etwa bei BILD-TV (siehe YouTube), durfte Kahrs seine Angriffe auf die Opposition fortsetzen.

Wenige Journalisten hakten nach, was die Motivation dieses extra aggressiven Kampfes gegen die Noch-Nicht-Etablierten war. Wer extra laut von Moral schreit, der wird ohne tiefer Nachfrage extra ernst genommen (wenn es Moral im Sinne der Machtbewahrung etablierter Mächte ist).

2017 schrieb ich eine vierteilige Serie über die SPD unter dem Titel »Das sollen die Guten sein?!«. Der Erste Teil hieß dann auch noch: »Teil 1: ›Markenzeichen Hass‹«, Teil 4 behandelte die wirtschaftlichen Tätigkeiten der SPD, und er hieß: »Teil 4: Was macht eigentlich eine Partei?«

Die 2019-Wutausbrüche des Herrn Kahrs und die aktuellen Meldungen um Schließfach und Geldfunde geben mir wenig Anlass, die Bewertung von 2017 zu revidieren.

»Kampf gegen Denkende«

Ich wage die These: Wer wie rasend gegen die Opposition wütet, hat immer etwas zu verbergen – mal die eigene Inhaltslosigkeit – und manchmal ganz andere Dinge.

Nein, nicht immer ist die Raserei gegen Andersdenkende nur dazu da, um von Skandalen im eigenen Lager abzulenken – manchmal soll sie »nur« davon ablenken, dass man nichts Eigenes zu sagen hat. 

Die SPD insgesamt hat sich ja dem »Kampf gegen Rechts« verschrieben. Ich werde sicher nicht die Partei insgesamt (oder gar alle ihre Mitglieder) der illegalen Geschäftemacherei beschuldigen. Alle linke Schreihälse im Bundestag (derer es ja von CDU und FDP bis SED und SPD nicht wenige gibt) wirken auf mich, als wollten sie mit übersteigertem »Kampf gegen Rechts« von der Abwesenheit eigener Inhalte ablenken.

Ein Kahrs geht, aber Hunderte weiterer Figuren bleiben, die sich mit dem Gebrüll gegen Andersdenkende profilieren wollen. Für politische Agitatoren ohne eigene Denk-Tätigkeit ist der »Kampf gegen Andersdenkende« tatsächlich ein »Kampf gegen Denkende«.

Das also soll für jetzt mein Fazit sein: Ich wünsche jedem Andersdenkenden und Abweichler die Kraft, sich nicht von den Moralpredigern und Schreihälsen den Mut nehmen zu lassen.

Die brüllenden Moralisten kommen und gehen. Wir täten gut daran, auch weiter unserem Verstand und unserem Gewissen zu folgen.

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