Dushan-Wegner

22.05.2023

Tägliches Wegschaufeln schlechter Argumente

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, rubbish heap
Schlechte Argumente sind nicht immer »nur« schlechte Argumente. Oft machen sie Debatten insgesamt unmöglich und »zersetzen« den Gegner im Stasi-Stil. Wer mitreden will, muss dann erst mal bergeweise Gedankenmüll wegschaufeln.
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Stellen wir uns einen Film vor. Der Anfang. Held in dystopischer Welt – eine Wohnung in einem Wohnblock. Doch erst mal muss der Held aufwachen (tvtropes.org: Morning Routine), so lernen wir ihn kennen.

Seinen Kaffee zieht er aus einer futuristischen Maschine mit einer Hologramm-Figur, die ihm einen guten Morgen wünscht.

Von draußen hören wir metallischen Lärm und fluchende Menschen, die sich durch Dosen und anderen harten Abfall kämpfen.

Es klingt sehr nah, der Müll scheint bis an die Tür zu schlagen, doch der Held schlürft unberührt seinen Kaffee – es ist offenbar »normal«.

Er greift sich eine Schaufel und öffnet die Tür. Vor der Tür sehen wir einen Haufen Müll, der sich angesammelt hat.

Der Held muss sich buchstäblich den Weg freischaufeln, um die Außenwelt überhaupt betreten und so an ihr teilnehmen zu können.

»Ein Risiko …«

Manche Nachrichtenlektüre am Morgen kommt mir vor, als müsste ich erst einmal Müll zur Seite schaufeln.

Frau Lang (Geburtsjahr 1994, abgebrochenes Studium, bisexuell, »body positive«, Grünen Co-Chefin) nennt Markus Söder ein »Risiko für Bayerns Wirtschaft« (br.de, 21.5.2023).

Personen, die in ihrem Leben noch keinen Euro an wirtschaftlichem Wert schufen, dürfen sich auf der großen politischen Bühne äußern. Irgendwo sind wir als Gesellschaft falsch abgebogen.

Und sonst so?

Bleiben wir beim Bayerischen Qualitätsfunk: »Elon Musk radikalisiert sich weiter – vor unser aller Augen«, weiß eine Annika Brockschmidt zu berichten (br.de, 19.5.2023).

Ich schaue erst mal, wer das ist. Soweit ich es im Anonym-Modus auf Twitter mitbekomme, findet Frau Brockschmidt, dass »Trumpismus« viel mit Faschismus zu tun hat (@ardenthistorian, 22.5.2023). Haha, alles klar, daher weht der Wind.

Zurück zum BR-Artikel über Elon Musk. Darin schreibt sie über Musks Kommentare zu Herrn Soros. Herr Soros sei »Holocaust-Überlebender« und würde »Demokratieförderung« unterstützen.

Das schreibt die. Ernsthaft!

Auf der Seite werden dreizehn Varianten von »antisemitisch« verwendet! Natürlich. Elon Musk verbreite »antisemitische Verschwörungstheorien«.

Das ist natürlich doppelt falsch: Erstens ist es keine »Theorie«, sondern die konkrete Behauptung von Fakten, dass Soros den Wahlkampf solcher US-Staatsanwälte unterstützt (ja, in den USA werden die gewählt), deren Milde regelmäßig zum Anstieg der Kriminalität führt. Das ist nicht bloß »Theorie« oder gar »Erzählung«, das ist entweder richtig oder falsch. (Vergleiche etwa dailymail.co.uk, 23.1.2023 – und direkt george soros.com, 31.1.2022!)

Oder die Behauptung, dass Soros auf die sozialen Folgen seiner Handlungen keine Rücksicht nehmen kann. Wäre die »antisemitisch«? Nun, er sagt es selbst von sich (siehe Essay vom 13.2.2013).

Eine kritisierte Person muss gar nicht mehr jüdisch sein, damit die Kritik an ihr »antisemitisch« ist! Laut theguardian.com, 16.5.2023 oder Anetta Kahane (siehe @SHomburg, 21.5.2023) ist praktisch jede Kritik an globalen Akteuren antisemitisch.

Es ist so lächerlich! Es ist argumentativer Müll, nicht einmal mit Mühe logisch oder inhaltlich zu rechtfertigen. Die »Logik« dieser Anschuldigungen soll sein: »Juden wurden stereotyp bestimmter Handlungen beschuldigt, also ist jede Erwähnung solcher Handlungen durch irgendwen antisemitisch.«

Stefan Homburg weist in diesem Kontext, siehe @shomburg, 21.5.2023, auf Ähnlichkeiten der Methode etwa der ehemaligen Stasi-IM Kahane oder des »Volksverpetzers« zur Stasi-Richtlinie 1/76 hin (siehe stasi-unterlagen-archiv.de).

Darin beachte man den Punkt 2.6, der die »Zersetzung« von »feindlich-negativen Kräften« beschreibt: »Maßnahmen der Zersetzung sind auf das Hervorrufen sowie die Ausnutzung und Verstärkung solcher Widersprüche bzw. Differenzen zwischen feindlich-negativen Kräften zu richten, durch die sie zersplittert, gelähmt, desorganisiert und isoliert und ihre feindlich-negativen Handlungen einschließlich deren Auswirkungen vorbeugend verhindert, wesentlich eingeschränkt oder gänzlich unterbunden werden.« (Lesen Sie mindestens den ganzen Punkt 2.6!)

Es ähnelt dem, was beispielsweise einige der Financiers von »Identity Politics«, »Genderwissenschaft« und Astroturf-Bewegungen wie »Black Lives Matter« treiben könnten: Indem man Widersprüche in der Gesellschaft verschärft – die man als »Feind« betrachtet –, lähmt und desorganisiert man sie.

Ja, es ist viel Müll, der jeden Tag an die Tür unseres Geistes schwappt. Wenn wir nicht aufpassen, »vermüllt« unsere Aufmerksamkeit noch wie Parks in Berlin-Kreuzberg.

Und da wir in dieser Welt handeln wollen – und wohl auch müssen –, werden wir uns auch mit dem bösartigen Argumente-Müll beschäftigen müssen.

Uns zu besiegen

Etwas Unverbesserliches in mir möchte Mitmenschen besorgt an die Hand nehmen und ihnen sagen: »Prüfe bitte deine Argumente!«

Aber: Diese Leute wollen gar keine Argumente vorbringen, zumindest nicht nach Ihren und meinen Kriterien. Deren Kriterien für Argumente sind nicht, ob diese einen Sinn ergeben oder glaubwürdig sind.

Die wollen »gewinnen« – und »gewinnen« bedeutet, uns zu besiegen.

Wir, die wir von Verstand und Gewissen geplagt werden, sind für diese Leute womöglich »feindlich-negative Kräfte«. Und uns gilt es dann wohl zu »zersetzen«.

Und »Zersetzung« könnte bedeuten, dass eine Frau Kahane die Kritik an Bill Gates für antisemitisch erklärt, eine grüne Studienabbrecherin sich zur Expertin für Wirtschaft erklärt – oder was auch immer heute Abend in der Tagesschau verkündet wird.

Tägliche Schaufel-Arbeit

Ich glaube ja immer noch, dass Technologie und digitale Medien uns klüger machen können. Nur dank Internet können Freie Denker so viel einfacher ihre Gedanken teilen. Und allein für das Projekt Gutenberg, ob auf Deutsch oder auf Englisch, hätten sich die Erfindungen von Internet und World Wide Web gelohnt!

Doch wenn wir nicht aktiv gegen den Argumente-Müll ankämpfen, der täglich via Nachrichten an die Schwelle unseres Geistes heranschwappt, werden wir zynisch und womöglich auch seelisch taub werden. Und wir könnten die Dinge überhören, die wirklich wichtig sind, da sie unsere nahe und fernere Zukunft formen werden.

Lasst uns unsere eigenen Argumente prüfen – auf dass wir nicht werden wie die, für die Worte nur etwas Stinkendes sind, das man über uns, den »Feind«, zu kippen pflegt.

Ich danke Ihnen, dass Sie mich bei der heutigen Schaufel-Arbeit begleitet haben! Morgen schaufeln wir weiter. (Beim Projekt Gutenberg findet sich übrigens auch die Sage vom Sisyphos.)

Weiterschreiben, Wegner!

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