Dushan-Wegner

28.08.2023

Harald Schmidt macht (k)einen Scherz

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Bild: »Was kommt uns da entgegen?«
Wenn man nicht merkt, dass der Zug anfährt, könnte man meinen, dass es der Bahnhof ist, der wegfährt! (Spätestens wenn man »Schnee« sieht, weiß man, dass man irrt.) So ähnlich sind Leute, die Harald Schmidt bescheinigen, »nach rechts gerückt« zu sein.
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Ich darf mich noch zur »Generation Harald-Schmidt-Show« zählen. Ich bekam noch mit, als die Show auf den Kölner Ringen, im Capitol, zelebriert wurde. Dann zog sie nach Köln-Mülheim um, wo ich ein paarmal Tickets kaufte und live zusah.

In der Schule diskutierten wir zur Blütezeit der Show die Witze vom Vortag. Der »Schulhof« war unsere vordigitale Form von Social Media, das Reden unsere Form von »Tweets« (die aktuell wohl »X-Posts« heißen, was noch anzüglicher als »tweeten« klingt).

Harald Schmidt trug schon damals bisweilen Witze vor, welche die TV-Nation – und damit »die Republik« – den Atem anhalten ließen. Und nachdem Theatermann Schmidt seinen Witz erzählt hatte, wechselte er oft genug die Rolle, und fragte an Stelle des Publikums in den Raum hinein: »Darf man das sagen?«

»Schnee!«

Das übliche Schema von Witzen besteht aus einem Setup, also Kontext und Konflikt, und der Punchline, also einer unerwarteten Auflösung, welche durch Übersteigerung, Absurdität oder eine andere verfremdende Technik den vom Witz umschriebenen Schmerz erst »verdaubar« macht. (Der Schmerz liegt meist im Widerspruch zwischen Begriff und Realität. Indem der Witz diesen Schmerz beschreibt und verfremdet, können wir diesen Schmerz überhaupt erst angehen. Das ist die therapeutische Wirkung des Humors.)

Einige meiner liebsten Schmidt-Witze waren aber formal gar nicht nach dem üblichen Witz-Schema aufgebaut.

Bei wirklich großen Witzen scheint das Setup zu fehlen, und der Witzemacher steigt sofort mit der Pointe ein.

Doch Kontext und Konflikt sind da, wir sind uns dessen nur nicht bewusst, vielleicht auch weil der Kontext früher gesetzt wurde und wir »in der Story« sind. Ein Beispiel dafür wäre wohl der Sketch »Essen im Zug« in der Show-Folge 1199 (siehe YouTube). Darin aber fiel jene bis heute unvergessene Ein-Wort-Pointe: »Schnee«.

Schmidt wusste schon damals, dass sie stark ist – er teaserte sie denkbar selbstbewusst an. (Und die 1. Folge des Podcasts »About Schmidt Show« mit Manuel Andrack, kürzlich 2023, verhandelt diesen Sketch, mit dem Satz (!) »Schnee«; siehe YouTube.)

Den Kontext zur Pointe »Schnee« setzte der gesamte Sketch-Setup und die darin beschriebene Dynamik zweier älterer Mittelschicht-Bahnreisender. (Hatte der Bahnreise-Witz das Potenzial, zum deutschen Äquivalent des Flugreise-Witzes der US-Comedians zu werden? What’s the deal with airline peanuts?)

»Juden!«

Doch bisweilen scheint Schmidt gar keinen Aufbau zu benötigen. Etwa als er in einem (wienerischen? bayerischen? osteuropäisch-deutschen?) Akzent fragte: »Oft wenn ich daheim sitze, und ne Sendung vorbereite, denk ich mir: Sacha mal Schmidt, was glaubste, wie viele von deine Zuschauer san Juden?« (siehe YouTube)

Das Publikum lacht nervös. Schmidt genießt, grinst und grimassiert. Nach einigen amüsant schmerzhaften Sekunden setzt Schmidt nach: »Jetzt möchte ich wissen, ob ein paar Volltrottel zum Telefon greifen: Der Schmidt hat gesagt ›Juden‹.«

Weitere Pause fürs Lachen, dann erklärt er, weiter im Akzent: »Habe ich, aber das darfst du im deutschen Fernsehen sagen. Juden, Juden, Juden, Juden.«

(Bezugnehmend auf diese Szene habe ich im Essay vom 7.8.2022 erklärt, warum die politische Umschreibung »Menschen jüdischen Glaubens« weit problematischer ist.)

Besonders interessant an dieser Szene ist die Tatsache, dass das Publikum lacht, obwohl doch weder Kontext noch Konflikt gesetzt wurden.

Da aber jeder Witz Kontext und Konflikt braucht, kann das nur bedeuten: Kontext und Konflikt existierten bereits, sie sind in Gesellschaft und Publikum schmerzhaft präsent. Es genügte, dass Harald Schmidt seine Stimme etwas verfremdete (um den »Witz« als solchen zu markieren – wichtig!) und das Wort »Jude« sagte.

Wahlomat!

Wir schreiben aktuell das Jahr 2023, und derselbe Harald Schmidt ist wieder in den Schlagzeilen. Und es ist wieder lustig.

Beim F.A.Z.-Kongress 2023 erzählte Schmidt in bewährter halb-spaßig-halb-ernsthaft-Manier, der Wahlomat habe ihn als 50 % Grünen-Wähler und 50 % AfD-Wähler einsortiert, und er sei geschockt gewesen. Es sei bedenklich, denn kaum ist man für »Waffenlieferungen und Kriegseinsätze«, schon werde man »in so eine grüne Ecke gedrängt« (siehe YouTube).

Es ist ein sehr klassischer Scherzaufbau, mit absurdem Kontext (niemand denkt, dass Schmidt wirklich seine politische Meinung mittels Fragebogen eruiert). Auf die überraschende Wendung, in welcher er wieder verfremdet (»in die rechte Ecke gedrängt« wird zur »grünen Ecke«), folgt eine weitere, die den Widerspruch zwischen Grünem Selbstbild als Friedenspartei und der Realität als Kriegs- und Waffenpartei (wie übrigens schon im Jugoslawienkrieg) markiert.

Mit diesem »klassischen« Witz hat Harald Schmidt wahrscheinlich schon so einige grummeln lassen, zumal sich nicht wirklich die sonst heute notwendige Generalablehnung der zu hassenden Opposition herauslesen lässt.

Foto!

Doch kurz darauf brachte Schmidt einen weiteren »Witz« – und dieser »Witz« war selbst weder absurd noch verfremdet, er erklärte keinen Kontext und auch keinen Konflikt. Und doch ist die »Aktion« sehr lustig.

Harald Schmidt besuchte ein Sommerfest der (unter Berliner Freunden des intellektuellen Gleichschritts ohnehin eher unbeliebten) Schweizer »Weltwoche«. Und dort ließ er sich im Gruppenfoto mit Matthias Matussek und – bitte festhalten! – Hans-Georg Maaßen fotografieren (siehe etwa focus.de, 24.8.2023).

Skandal! Empörung!

»t-online«, die Gleichsten unter den Auffällig-gleich-Schaltenden im deutschen Propagandastaat, kritzeln gleich mehrere Hetztexte gegen Schmidt. Er sei »zuletzt immer wieder mit umstrittenen Äußerungen aufgefallen« und ließ sogar »offen, ob er schon geimpft sei« (t-online.de, 26.8.2023).

Das alles kann man bei t-online natürlich nicht so stehen lassen, also wechselt man zu einer Art öffentlicher Denunziation und Anschwärzung. Ich zitiere wörtlich deren Teaser: »Aktuell sorgt ein Foto für Aufsehen. Harald Schmidt posiert darauf mit Populisten. Drohen ihm nun berufliche Konsequenzen? t-online hat beim ZDF nachgefragt.« (t-online.de, 28.8.2023)

(Es mag ein zum Scheitern verurteilter Versuch der Empathie mit dem Berliner Abgrund sein, doch ich frage mich bei Staatsfunkern oder anderen Mainstreamern wieder und wieder: Was bitteschön geht in der Seele dieser »Journalisten« vor? Wie düster fühlt es sich an, wie kalt muss es sein, das einzige Leben, das einem geschenkt wurde, damit zu verbringen, für diese Medien zu schreiben?)

Das eigentlich Uneigentliche

Ein Witz arbeitet mit Verfremdung und Uneigentlichkeit, und der Hofnarr zieht eine Narrenkappe auf, bevor er dem König die Wahrheit sagen darf.

Doch Harald Schmidt hat einen »Witz« gemacht, in welchem nichts verfremdet war, nichts uneigentlich.

Das bedeutet logisch: Wir, die deutsche Gesellschaft, sind das Verfremdete. Die deutsche Debatte ist das Uneigentliche.

Freunde des politischen Gleichschritts bescheinigen Harald Schmidt, »nach rechts gedriftet« zu sein. Es drängt sich auf, die Bahnfahrt des Sketches aufzugreifen: Wenn man im Zug sitzt und dieser sanft genug anfährt, könnte man fast meinen, dass es der Bahnhof ist, der sich fortbewegt. Früher oder später wirst du deinen Irrtum aber erkennen und korrigieren wollen – spätestens wenn du sinnierend aus dem Zugfenster schaust und draußen liegt »Schnee« (siehe YouTube).

Die Clowns

Dieselben Leute, die konstatieren, dass Harald Schmidt nach rechts abdriftet, sind auch davon überzeugt, dass die Welt dem deutschen Vorbild folgen und zur »Klimarettung« die eigene Wirtschaft kaputtmachen wird. Ja, es ist die Art von Leuten, die auf die Radio-Warnung vor dem Geisterfahrer auf der Autobahn antworten: »Einer? Hunderte!«

Harald Schmidt machte wieder einen Scherz, indem er keinen Scherz machte, sondern das Offensichtliche sagte.

Beim erwähnten F.A.Z.-Auftritt sprang Schmidt ein, als der Flieger des eigentlich eingeplanten Kanzlers Erinnerungslücke verspätet war. Schmidt wurde tatsächlich als »Pausenclown« anmoderiert (siehe YouTube). Sein Honorar wird ihn trösten, aber natürlich klingt das etwas despektierlich. Doch es liegt auch wichtige Wahrheit im Begriff »Clown«, und zwar nicht »nur« im Sinne von Hofnarr.

Unser Deutschland wirkt täglich mehr wie der Zirkus, der seine Zelte im großen Weltdorf aufgeschlagen hat – eine große, tägliche Clownerie.

Wie ich aber schon 2019 schrieb: In einem Zirkus voller Clowns sind es die Ungeschminkten, die als »verrückt« gelten.

Weiterschreiben, Wegner!

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