21.09.2021

Es könnten Üblere sein

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Eleanor
Einige Leute trösten sich, was die Kanzlerkandidaten angeht: »Hey, es könnten NOCH schlimmere Leute sein.« – Ist das denn ein Argument für die Demokratie? Sorry, »es könnte NOCH schlimmer sein« wird nicht genügen, um die Zukunft zu bestehen.
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Ist ein Scheitern, dass der Scheiternde nicht merkt, überhaupt ein wirkliches Scheitern? (Wenn Sie »Scheitern« durch »Liebe« ersetzen, können Sie aus der Frage einen Liebesfilm drehen. Und wenn Sie »Furcht« einsetzen, sind Sie bei »Agent Null Null Nix« mit Bill Murray, siehe IMDB.)

Dieser Tage hat eine im deutschen Propagandastaat erfolgreiche Journalistin etwas Bemerkenswertes gesagt – dies:
Wovon ich zutiefst überzeugt bin mit Blick auf die Wahl:
– Keine/r der drei Spitzenkandidaten/in ist absolut unfähig, das Land zu führen
– Keine/r ist charakterlich ein Totalausfall
– Keine der sich abzeichnenden möglichen Koalitionen würde den Untergang des Abendlands bedeuten
(@HollsteinM, 20.9.2021)

Warum versichert uns eine unter Staatsfunkern durchaus beliebte Person, dass zumindest denktheoretisch noch üblere Charaktere möglich seien als jene, welche zur Wahl als nächster Kanzler stehen?!

Die These wäre nicht zu mutig, dass Frau Hollstein uns beruhigen will. Es stellt sich sogleich aber die Frage, wer genau es sein soll, den sie beruhigen will.

Will sie sich selbst beruhigen? Will sie uns beruhigen? Sie ist Publizistin (ein Beruf, der keiner behördlichen Zulassung bedarf). Wir dürfen beides vermuten.

Jene Person ist Journalistin, von Staatsfunk und Relotiusmedien gleichermaßen anerkannt. Ich bin Philosoph. Die Dame hat ihre Motivationen, ich habe meine.

Ich fühle mich motiviert, das Gesagte einmal ernst zu nehmen (anders etwa als alles, was mit Baerbock zusammenhängt – da muss man aber ernst nehmen, dass es nicht ernst zu nehmen ist, und doch ernst genommen wird) – und ich denke es weiter, ich drehe es um.

Frau Journalistin will uns beruhigen, dass die Kanzlerkandidaten nicht das Allerübelste darstellen, das Deutschland aufbieten kann.

Wir räuspern uns, wir atmen durch, und dann fragen wir: Das soll uns beruhigen?!

Man möge mich korrigieren, doch schwang nicht in der Idee der Demokratie mit, dass wir unsere Besten, sprich unsere Anständigsten und Klügsten zu unseren Herrschern wählen?

In ihrer typisch journalistischen Unbedarftheit hat Frau H. einen sehr wichtigen Pfeiler der Demokratie-Idee gesprengt. Implizit sagt die Journalistin: »Dies ist eine Demokratie, seid also froh, wenn die Kandidaten nicht gleich verurteilte Mörder sind.« (Dass die Kandidaten ein Klausurnoten-Betrüger, eine Groß-Plagiatorin und ein Minister mit spannender Cum-Ex-Geschichte sind, das erwähnt sie nicht – es wäre beunruhigend.)

Ist die Demokratie eine Staatsform, in welcher die Bürger froh sein sollen, wenn statt der übelsten nur die zweitübelsten Gestalten regieren?

Frau H. wollte die Demokratie verteidigen, vermute ich, und sie tat es mit der bevorzugten Waffe des heutigen »Journalismus«, der Emotion. – Die Implikation ihres emotionalen Appells sah sie nicht. (Implikationen haben mit Logik und Konsequenz zu tun. Für moderne Journalisten sind Logik und Konsequenz gleichermaßen »nazi« und »faschistisch«.)

In einem einzigen simplen Statement ist Frau H. gescheitert. (Ein weiteres Scheitern derselben Person sezierte ich 2018 im Essay »Alles, was falsch läuft in der Islam-Debatte«.)

Die Frage sei wiederholt: Ist ein Scheitern, das der Scheiternde nicht merkt, überhaupt ein Scheitern zu nennen?

Eine mögliche Antwort erwähnt jenes Bonmot von Reichtum vs. Weisheit: »Ich wäre lieber reich und dumm als arm und weise.« – Journalisten merken nicht, wenn sie dumme Dinge sagen. Journalisten merken nicht, wenn sie das, was sie verteidigen wollen, mal eben in seinen Prämissen widerlegen.

Was Journalisten motiviert, wir werden es nie erfahren. (These: Wir können es nicht erfahren, weil viele dieser Gestalten in einer Art Autopilot fliegen. Wer sich seiner Handlungen nicht bewusst ist, für den greifen Begriffe wie Gewissen und Motivation nicht im konventionellen Sinn.)

Ein Stein »scheitert« nicht, wenn er hierhin oder dorthin rollt. Ein Journalist »scheitert« nicht, wenn er unversehens sein erklärtes Anliegen in dessen Grundfesten widerlegt hat. Er hat gesagt, was zu sagen ihn »erfolgreich« gemacht hat. Wer nicht denkt, der denkt auch nicht weiter.

Ich aber würde es als mein Scheitern betrachten, wenn ich nicht die logischen Konsequenzen zöge aus den Worten und Taten jener, welche Logik und Konsequenzen für böse erklärt haben.

»Keine der sich abzeichnenden möglichen Koalitionen würde den Untergang des Abendlands bedeuten«, so versichert uns die Journalistin. Nein, sie merkt nicht, dass sie scheitert – und gewiss nicht, wie grandios sie scheitert. »Der Klügere gibt nach«, so lehrte man uns, doch wenn die Klügeren lange genug nachgeben, sitzen irgendwann die Grünen in der Regierung.

Ich weiß nicht, ob sie Oswald Spengler studiert hat. Wenn ja, dann hat sie gewiss bei eben diesem gelesen: »Einst durfte man nicht wagen, frei zu denken; jetzt darf man es, aber man kann es nicht mehr.« (via zeno.org)

Falls wir es aber noch wagen, frei zu denken, und falls wir es können, dann stellt sich die Frage: Wenn die Demokratie von ihren Verteidigern widerlegt wird, was wird, soll und kann nach ihr kommen?

Und dann, ganz persönlich: Bin ich vorbereitet? Ist meine Familie und sind meine Leser gerüstet für das, was hiernach kommt?

Weiterschreiben, Wegner!

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