01.10.2021

Warum so gleichgültig?

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Alessio Soggetti
Warum ist es uns so erschreckend egal, wer sich in Berlin zur Koalition zusammentut? Woher kommt sie, diese neue, kollektive Gleichgültigkeit?
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In Berlin soll sich eine neue Regierung bilden. Ich startete diese Woche dazu eine Umfrage auf Twitter, kurze drei Stunden lang, und die Frage lautete: »Interessiert euch (heute noch), wer die nächste deutsche Regierung bildet? (Wenn nein, bin ich ehrlich und sehr an der Begründung interessiert!)« (@dushanwegner, 30.9.2021)

Nur 23,9% der 498 Antwortenden klickten »Ja«, die restlichen 76,1% klickten »Nein«.

Stand 1.10.2021, frühe Morgenstunden, kommentierten etwa 98 Leser unter den Tweet. Ich will hier einige wenige Antworten zitieren, stellvertretend für viele weitere, welche ihr Desinteresse begründen.

Manche formulieren ausführlich:

Weil der Wählerwillen sowieso nicht berücksichtigt wird.. egal was kommt, es wird nicht besser für Deutschland. Verlierer bleibt wie die letzten Jahre bereits, der ehrliche hart arbeitende Bürger, unsere Wertevorstellungen, Traditionen, Sprache und unsere innere Sicherheit. (@Chris61575913, 30.9.2021)

Es spielt wirklich keine Rolle. Deutschland hat sich bedingungslos der EU in ihrer jetzigen Form verschrieben. Die Richtung wird in der gesamten EU aus ERT Kreisen vorgegeben. Wer es umsetzt ist am Ende egal. (@AndreLogen, 30.9.2021)

Es war in der DDR auch egal, welche der Blockparteien wie viele Stimmen bekommen hat. CDUSPDFDPGRÜNE, die unterscheiden sich nur in Nuancen. Welcher Kasper zum Schluss die Narrenkappe auf hat spielt keine Rolle. (@Derzweifelnde, 30.9.2021)

Andere sagen es knapper:

Selber Irrsinn, selbe Gesichter wohin man schaut. (@AlgaRata, 30.9.2021)

Der Drops ist gelutscht (@Ennairam62, 30.9.2021)

Egal, wer welchen Posten bekommt, die Politik bleibt die gleiche. (13 Std.)

Und manche sind derb und deutlich, dabei aber keineswegs unpräzise:

Gequirlte Kacke bleibt gequirlte Kacke… (@stemrich, 30.9.2021)

Oder sogar:

Es ist durch. Wir sind komplett im Arsch (@Frank_Ober71, 30.9.2021)

Nein, Hoffnung klingt da nicht viel durch.

Giftiger Qualm

Wenn ein Übelriechender das Zimmer verlässt, dann hinterlässt er doch oft seinen Gestank in der Luft. So ist es auch mit manchen Politikern.

Merkel sollte jetzt nun bald wirklich gehen, und es riecht alles nicht gut, und es wird noch eine ganze Zeit lang so bleiben. Es ist zu befürchten, dass dieser Übelgeruch noch lange in der Luft hängen wird. Es sind böse Muster, die eine Merkel möglich machten, und diese Muster bestehen ja weiter.

Der demotivierende Gestank der Macht- und Alternativlosigkeit ist in die Ritzen des Landes gekrochen. Der fiese Qualm des Merkelismus hat Heimat und Herzen vergiftet, er wird noch lange um uns her wabern.

Es ist 2021, und ich sage offen, dass ich von uns selbst enttäuscht bin, auch von mir. Warum ist es uns so egal?

Der unmittelbare Wortsinn von »Enttäuschen« ist ja, dass eine Täuschung aufgehoben wurde.

Enttäuschen, das ist wie Entkalken, Entkernen oder Entkeimen. (Nur Jungfern sind wir Deutsche, politisch betrachtet, wahrlich nicht mehr. Wie die Amerikaner so treffend formulieren: This is not our first rodeo – dies ist nicht unser erstes Rodeo.)

Auch im Wortsinn

2018 fragte ich: »Was wirst du am Tag nach Merkel tun?«

In der Einleitung jenes Essays fasste ich zusammen:

Merkel muss weg und wenn sie geht, werden sich viele Bürger freuen. Doch vergessen wir nicht: Die Probleme bleiben, und die Strukturen, die sie möglich machten, ebenso.

Ja, ich bin enttäuscht. Ich täuschte mich in der Hoffnung, dass Aufbruchstimmung herrschen würde.

Ich hoffte, dass mehr Hoffnung sein würde. Ein neuer Refrain ist zu hören, mehr geseufzt als gesungen: »egal. alles egal. völlig egal.«

Sogar den Politikern selbst ist offenbar so einiges reichlich egal. Es sind ja nicht nur die eigenen Corona-Regeln, die nur für den Pöbel gelten, aber selbstredend nicht für die linken Politbonzen (siehe etwa bild.de, 30.9.2021). Auch die Verhandlungen um die neue Koalition scheinen denen eher sekundär wichtig zu sein; man lässt sich Zeit, man hat andere Termine (bild.de, 30.9.2021).

Ich glaube an die Hoffnung, welche aus der Handlung geboren ist. Ich verstehe, dass heute wenig Lust zur mutigen Handlung aufkommt, zu schaffenden Tat? Wer will seine Kraft an vergebliche Unternehmungen verschleudern?

Jedoch: Hoffnung schafft Handlung, und Handlung schafft Hoffnung. Töte das eine und du tötest das andere.

Wir hoffen nicht, weil wir keine Möglichkeit zur sinnvollen Handlung sehen – und weil wir nicht handeln, haben wir auch wenig Anlass zur Hoffnung.

(Noch eine) Goldene Regel

Mancher Philosoph und Weisheitslehrer hat sich an der großen »Goldenen Regel« versucht.

Eine Variante der Goldenen Regel besagt, dass man dem anderen nicht antun soll, wovon man nicht möchte, dass es einem nicht selbst angetan wird. (Ein schwieriges Prinzip, wenn Masochisten es anwenden sollten.)

Eine andere Variante der Goldenen Regel besagt, dass man nur so handeln soll, dass die eigene Handlung zur Grundlage eines allgemeinen Gesetzes werden könnte. (Ein schwieriges Prinzip, etwa wenn Bürger mit Untertanen-Mentalität oder blanke Schufte es so handhaben.)

Wir sollten vielleicht nicht nach der Goldenen Regel für alle Zeiten fragen. Ich will hier eine Goldene Regel für uns und für diese Zeit zu sagen wagen: Handle stets so, dass Hoffnung aus deiner Handlung erwächst.

In die Hand zu nehmen

1999 beging Merkel politischen Vatermord. Die FAZ druckte damals Merkels charakterlosen Hetzbrief gegen Helmut Kohl ab. Ich schrieb davon im Essay vom 7.12.2018.

In jenem Pamphlet heißt es in zynischer Ironie:

Wir kommen nicht umhin, unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. (Angela Merkel in FAZ 22.12.1999, zitiert nach ghi-dc.org)

Ach, wenn wir doch die Kraft hätten, »unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen«! Ach, wenn es nur ein Ich gäbe!

Obiger Essay von 2018, in welchem ich zuerst aus diesem Brief zitierte, er trug den Titel: »Gibt es Hoffnung nach Merkel?«

Im letzten Absatz des Essays schrieb ich voller Energie: »Es liegt an Merkels Nachfolger, Deutschland den Glauben an die Demokratie wiederzugeben, den linksgrünen Wahn einzudämmen und der rechtsstaatlichen Vernunft wieder Geltung zu verschaffen – ich wünsche ihm oder ihr darin allen denkbaren Erfolg.«

In heute etwas naiv wirkender Hoffnungsseligkeit schloss ich 2018 den Essay dann so: »Es geht ja nicht nur um den Job eines Politikers, es geht um die Zukunft von Bürgern und ihren Familien, es geht um die, die schon länger da sind, und um die, die noch viel länger auf diesem Planeten sein werden.«

Die Begründung und die Motivation die ich damals nannte, sie sind ja weiterhin wichtig und richtig! Verschwunden ist aber die Illusion, dass es Politiker sind, die es reparieren könnten, dass die Wahl des Politikers einen Unterschied ausmachen werde.

Es ist nicht in jeder Hinsicht schlecht, ent-täuscht zu werden. Enttäuscht zu sein, das bedeutet bei aller Schmerzhaftigkeit eben auch, dass man ab sofort weniger Täuschungen unterliegt. Am Ende gewinnt immer die Realität, und die »Enttäuschung« ruft dir herzhaft zu: Willkommen in der Realität!

Wir sind von uns selbst erschrocken, wenn wir plötzlich fühlen, dass und wie egal uns Berliner Ereignisse sind. Die Frage ist aber beantwortet, warum wir so merkwürdige Gleichgültigkeit empfinden. Zynisch zugespitzt: Es ist egal, welche Einheitsbrei-Koalition die Direktiven aus Brüssel umsetzen wird. Es ist ein ekliger Geruch, und wer will da schon tief einatmen?

Es könnte ratsam sein, sich heute neu bewusst zu werden, was alles uns nicht egal ist, was unsere Relevanten Strukturen sind. Die Familie natürlich, so wir denn für sie verantwortlich sind. Die Firma vielleicht, die Angestellten und die Kunden. Auf jeden Fall aber die eigene Gesundheit, körperlich wie geistig.

Ja, es braucht eine neue goldene Regel: Handle stets so, dass Hoffnung aus deiner Handlung erwächst. Überlege neu, was dir nicht gleichgültig ist – und dann kümmere dich um das, was dir wirklich wichtig ist!

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