09.01.2022

Information und Realität

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Jordan Stewart
Wenn die Wahrnehmung der Welt unschön ist, verändern die einen Menschen eben ihre Wahrnehmung – sie leugnen. Die anderen aber stellen sich der Realität, so schmerzhaft das ist, und sie sind es, welche die Welt zum Besseren verändern können.
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Unser Leben besteht, wenn man darüber nachdenkt, aus den Informationen, die unser Gehirn uns bereitstellt. Unsere Erinnerungen, unsere Deutungen unserer eigenen Existenz, die Grundlagen unserer Wut wie auch unserer Freude, es sind alles Informationen.

Ich sage etwa, »ich habe heute Nacht etwas nervös geschlafen«, doch woher weiß ich, dass ich überhaupt geschlafen habe? Mein Gehirn sagte es mir, hält mir Informationen bereit, eingeschlafen, einige Mal »halb« und zuletzt »so richtig« aufgewacht zu sein.

Unser Leben/Welt/Selbst »ist«, was wir für eben das halten – soweit es unser Bewusstsein betrifft, werden wir in der Frage nach dem, was ist, nie tiefer dringen, als einen immer etwas ungenauen Stand der jeweils aktuellsten Information in dieser Angelegenheit.

Tagesablauf und Erinnerung

Eine Reihe von Denkschulen lehrt uns, »besser« über unser Leben nachzudenken. Die einen lehren uns, dass alles Begehren leidvoll sei. Die anderen lehren uns, unser Leid zu ertragen, indem wir auf eine Belohnung nach dem Tode hoffen.

Diese und andere Denkschulen können funktionieren, sie können uns ein ruhigeres und gelegentlich sogar längeres Leben bescheren, doch tatsächlich bringen sie mit der veränderten Denkweise immer auch eine Veränderung der Tages-, Wochen- und Jahresabläufe mit.

Das, was ich »Ich« nenne, und die Existenz des Ich über die Zeit, also mein Leben, es besteht aus meiner Information über mich selbst.

Damit spielen Science-Fiction-Geschichten wie der Film »Total Recall«, basierend auf der Geschichte »Erinnerungen en gros« von Philip K. Dick: Wie real war ein Leben, wenn die Erinnerung, also die Informationen, künstlich eingepflanzt waren?

Man könnte es als paradox empfinden: Das, was wir als unser Leben wahrnehmen, werden wir nie tiefer ergründen können als die uns vorliegende Information über eben dieses.

Diese Information leitet sich aus einer zugrundeliegenden Realität ab, und hier kommt ein Schimmer handelnder Hoffnung hinein, denn die der Information zugrunde liegende Hoffnung kann und wird durch unsere Handlungen geformt und verändert – wenn wir uns denn zu formen und zu verändern trauen!

Niemals näher

Man redet seit einigen Jahrzehnten von simulierten Realitäten (als würden Theaterleute oder Geschichtenerzähler nicht eben diese seit Jahrtausenden liefern). Philosophen fragen, woher wir denn wissen können, dass die Welt, wie wir sie erleben, gar nicht »echt«, sondern eine Simulation sei. Descartes etwa erwog, ob nicht ein böser Täuschergott uns sogar unsere eigene Existenz nur vorgaukelt.

Die Antwort lautet: Natürlich leben wir in einer Simulation! Unser eigenes Gehirn spielt uns eine Simulation der Realität vor, stellt die Informationen zusammen, welche uns die »Realität« beschreiben sollen. Näher als diese von unserem eigenen Gehirn betriebene Simulation werden wir kaum an unsere Realität gelangen.

Unser Gehirn interpretiert die von außen kommenden Informationen, so gut es kann, und verbindet sie zusammen mit bereits vorhandenen Informationen zu einem geistigen Modell der Welt. Mit anderen Worten: Alles, was ich als »ich und die Welt um mich her« wahrnehme, ist eine virtuelle Simulation, die mein Gehirn mir erstellt.

Verbotenes Erwähnen

Wenn unser Gehirn feststellt, dass die von außen dringenden Informationen so nicht stimmen können oder dass wichtige Informationen fehlen, lernt es über die Zeit, diese Information zu korrigieren und/oder zu ergänzen. (Außer natürlich, wir sind Linke, Verrückte oder Journalisten: Wenn denen die Realität nicht zum Gedankenmodell passt, wird einfach das Erwähnen dieses Missstands verboten.)

Das Auge wandelt das eindringende Licht in elektrische Signale um, und diese Signale stehen auch noch auf dem Kopf, bedingt durch die Linse in unseren Augen.

»Das Auge schaut, aber das Gehirn sieht«, so sagt man, und das Gehirn muss erst lernen, das Gesehene realitätsadäquat zu interpretieren. Überhaupt ist der Vorgang des Sehens mit mancher Ergänzungsleistung und Korrektur verbunden. Man denke nur an die ergänzenden Deutungen, die unser Gehirn leistet, wenn es eine Seite eines Würfels oder einer anderen bekannten Figur sieht, und auf die Gesamtform schließt, oder an die vielen optischen Illusionen, welche die automatischen Ergänzungen und Korrekturen gegen uns wenden.

Mancher Weise und Kluge hat den Menschen vorgeworfen, nur das zu sehen, was vor Augen ist – ach, würden wir nur wenigstens das korrekt sehen!

Vorhersagemaschine

Das Gehirn ist eine Vorhersagemaschine. Das Gehirn sagt beständig voraus, was als Nächstes passieren wird – und schlägt Alarm, wenn neue Informationen nicht zur Vorhersage passen.

Die Vorhersage-Arbeit des Gehirns erklärt manchen Effekt unserer Existenz, vom schnellen Vorbeigehen gleichförmiger Tage bis hin zur Denkfaulheit, die lieber die Realität leugnet, als zuzugeben, dass die eigenen Vorhersagen und deren zugrundeliegenden Modelle schlicht falsch waren.

Das Gehirn ist das energieintensivste der Organe (bis zu 20 Prozent, siehe scientificamerican.com), und all die Simulationsarbeit ist kein Selbstzweck. Wenn die Evolution so viel Aufwand treibt, dann muss das auch einen Vorteil bei der Erhaltung der eigenen Art bieten.

Die korrekte Vorhersage möglicher Konsequenzen unserer Handlungen macht erst planvolles Vorgehen möglich, und so konnte sich »der nackte Affe« gegen Säbelzahntiger und wütende Büffel behaupten.

Es gibt Menschen, welche aus diesem oder jenen Grund die Vorhersageleistung ihres eigenen Gehirns behindern, etwa indem sie nicht auf die Ergebnisse hören oder es mit falschen Informationen füttern, weil sich die »süßen Lügen« einfach besser anfühlen. Diese Menschen sollten zumindest so ehrlich sein, dass sie in eigener Sache eine »Evolution rückwärts« betreiben, eine »Rückentwicklung«.

Schere und Drogen

Unsere Wahrnehmung der Welt ist Information, mehr oder weniger passend aus der Realität abgeleitet.

Hierin liegt eine methodische Schere: Wir schließen von der Simulation, die unser Gehirn uns vorspielt, auf die Handlungen, die in der realen Realität notwendig sind, um eben diese Realität derart zu verändern, dass die in Zukunft vom Gehirn erstellte Simulation angenehmer ist. (Ironie unserer vom Gehirn simulierten Realität: Was wir als »angenehmer« empfinden, legen wieder Gehirn und einige Körpersäfte fest.)

Es ist vielleicht kein Zufall, dass in »linken«, »toleranten« und »politisch korrekten« Städten wie San Francisco oder Berlin auch die Drogenszene besonders lebhaft blüht (und dass es oft Linke sind, die Drogen freigeben wollen). Politisch korrekte Linke und Konsumenten von Drogen leiden beide an der Realität (wer tut das auch nicht?!), doch statt diese selbst zu verändern, versuchen sie, zuerst ihre Wahrnehmung der Realität zu verändern. Die einen wollen es verbieten, Unterschiede und Probleme auszusprechen, die anderen manipulieren und vergiften die Funktionen des Gehirns, die für Wahrnehmung, Deutung und emotionale Bewertung zuständig sind, beide trennen die Information von ihrer realen Grundlage.

Unsere Wahrnehmung der Welt ist Information, mehr oder weniger passend aus der Realität abgeleitet. – Der »politisch korrekte« Umgang mit dem Leiden an der Welt besteht darin, die Informationen über die Realität von eben dieser Realität abzutrennen – sprich: eine zentrale Funktion des Gehirns abzuschalten. Unsere (hoffentlich klügere und langfristig glücklicher machende) Alternative besteht darin, die Realität brutal ehrlich zu benennen, und dann mutig in eben dieser Realität zu handeln.

Die Großen

So wichtig alle Informationen sind, es sind Handlungen, mit denen wir die Welt verändern.

Nicht Informationen allein verändern dein Leben, sondern Handlungen aufgrund realistischer Informationen.

Je älter ich werde, umso deutlicher wird mir die Bedeutung des Unterschieds zwischen jenen, welche sich die Lage der Dinge schönreden (und manchmal schlechtreden, was eine perverse Form des Schönredens ist, denn es absolviert einen von Verantwortung), und jenen, welche ihr Denkmodell über die Realität eben dieser anpassen, selbst wenn es schmerzhaft und anstrengend ist.

Ich habe im Leben die Ehre gehabt, Menschen zu treffen, die man »groß«, »wichtig« oder »sehr erfolgreich« nennen könnte. So unterschiedlich die Großen und Erfolgreichen sind, sie teilen alle die Eigenschaft, bei öffentlichen Auftritten zwar meistens wie »gewöhnliche Menschen« daherzureden, also vorsichtig und etwas schönfärbend, um dann im Privaten plötzlich so brutal realistisch über die Lage der Welt zu reden, dass es mir nicht nur einmal die Sprache verschlug.

(Randnotiz: Wenn ein Reicher und Erfolgreicher nicht brutal ehrlich ob der Realität ist, dann ist seine Zeit vorüber und er steht kurz vor seinem Fall – oder er betrachtet das Gespräch mit dir nicht als privat, spielt also »gewöhnlich«. Doch, Vorsicht: Die Mächtigen wissen natürlich, dass sie ihr Realismus von uns unterscheidet, und sie wissen, dass viele von uns es wissen, und also passiert es, dass sie im Gespräch mit uns Normalsterblichen einen schmerzhaften, aber tatsächlich konsequenzlosen Realismus an den Tag legen, um so in uns das falsche Gefühl zu wecken, zu ihrem »inneren Kreise« zu gehören. Wenn es einfach wäre, ein Großer zu sein, wären wir alle groß.)

Gerade wenn es wehtut

2017 schrieb ich den Text »Eine Brücke über den großen Graben«. Über die Jahre versuchte ich immer wieder, ehrlich den Graben nachzuzeichnen, der unsere Gesellschaft und zu oft unsere Familien spaltet – wenn nicht sogar uns selbst.

Man könnte eine neue Beschreibung dieses Grabens heute damit beginnen, zu sagen, was die Menschen auf beiden Seiten gemeinsam haben: Beide wollen die Information verändern, die in ihrem Kopf für »die Welt inklusive mir selbst« steht. Die einen verändern die Information direkt (durch politische Korrektheit, Drogen, et cetera), die anderen passen ihre inneren Modelle bestmöglich der wahrscheinlichen Realität an, selbst wenn es wehtut – gerade wenn es wehtut! – und dann handeln sie auch, in der Realität selbst.

Informationen sind wichtig, durch Informationen werden neue Imperien begründet, doch erst unsere Handlungen verändern die Realität, welche der Information zugrunde liegt.

Er muss handeln

Wer die Welt wirklich zum Guten verändern will, der muss sich maximal realistische Informationen beschaffen. Er muss es ertragen, jeden Tag und jeden Moment aufs Neue, seine inneren Modelle an die wahrscheinliche Realität anzupassen. Und dann muss er handeln.

Ich will mir in diesen Tagen wieder Mut machen, meine Modelle der Welt an eben diese anzupassen. Wenn es schmerzt, die Realität realistisch zu betrachten, wollen wir nicht fliehen wie die Linken, Leugner und Lügner.

Wenn die Realität realistisch zu sehen schmerzhaft ist, dann weicht offenbar mein inneres Modell der Realität eklatant von eben dieser ab. Das ist ein Fall, wo es lebensgefährlich sein kann, nicht den Schmerz zu suchen.

Im Moment dieser Erkenntnis aber trennen sich die Menschen in zwei Gruppen auf, zwischen denen ein tiefer, auch emotionaler Graben klafft.

Die einen Menschen reagieren auf die Ahnung schmerzhafter Realitätserkenntnis durch blankes Leugnen – die anderen wissen, dass weiteres Vorgehen auf dem Fundament falscher Modelle zu Konsequenzen führen wird, die noch weit schmerzhafter sein werden, als die vorzeitige Korrektur der inneren Modelle im Augenblick es sein kann.

Sich selbst antun

Manche Menschen scheinen zwar zu wissen, dass das Ausbleiben der schmerzhaften Anpassung innerer Modelle an die Realität zu noch schmerzhafteren Folgen in der Zukunft führen wird, doch sie bevorzugen das Grausame, das »die Welt« ihnen antut, gegenüber dem schmerzhaften Umbau inneren Modelle und Gewohnheiten, den sie sich heute selbst antun müssten.

Ich möchte gern zu jener anderen Gruppe gehören, welche sich heute der schmerzhaften Realität stellt – um dann aufgrund dieses realistischen Models zu handeln. (Wir denken hier an den Paten, von dem der Consiglieri sagt, er sei ein besonderer Klient, der es bevorzuge, schlechte Nachrichten umgehend zu erfahren. So, und nur so, kann der Pate sein Bild der Realität bestmöglich an eben diese anpassen, um dann aufgrund maximaler präziser Information die Welt zum »Guten«, wie er es versteht, zu verändern.)

Ich will meine Informationen über die Realität so realistisch wie irgend möglich an eben diese anpassen. Dann aber will ich – auch das habe ich mir fürs neue Jahr vorgenommen – aufgrund meiner Modelle in die reale Welt hinein handeln.

Möge es mir so gelingen, etwas Schmerz zu lindern.

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