23.11.2020

Worüber wir lachen (dürfen), das gehört zu uns

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Launde Morel
Wir lachen über Pfaffen und Politik, in der Kneipe, im Kabarett, mal laut, mal heimlich. Wir sind ja selbst der erste Gegenstand unserer Witze, das schweißt zusammen (und macht klüger). Kann ein Islam, der KEINE Witze hinnimmt, »zu uns gehören«?
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Man hört gelegentlich die These, um herauszufinden, wer über einen herrsche, solle man schauen, wen man nicht kritisieren dürfe. Nicht selten wird es fälschlicherweise gar Voltaire zugeschrieben. – Nicht nur ist die wahre Quelle und Absicht jenes Zitates manchem eher unappetitlich – sie ist vor allem auf mehreren Ebenen falsch.

Es ist nicht richtig, dass kein (erfolgreicher) Mächtiger kritisiert werden darf. Vladimir Putin etwa lässt sich in seinem TV durchaus kritisieren und hart fragen (voanews.com, 15.6.2017) – und er gefällt sich dann darin, öffentlich die harten Fragen abzuschmettern. (In diesem Punkt wirkt Putin mutiger als etwa Deutschlands Merkel, die alle Monde mal dem deutschen Staatsfunk eine Audienz mit vorbereiteten Kuschelfragen gewährt.)

Einige kluge Regierende bekämpfen Kritik nicht, sondern nehmen sich ein Beispiel am Kapitalismus, der ja auch seine eigene Negierung einbaut (man kann Werke und Devotionalien des antisemitischen Schwurblers Karl Marx oder des rassistischen Massenmörders Che Guevara vieltausendfach beim ultrakapitalistischen Amazon kaufen).

Kritik an sich zuzulassen und sie ins Leere laufen zu lassen – das ist wirklich hohe Schule. Was wäre Ihnen lieber? Ein Gegner, dem das Schießen verboten wurde, der aber noch immer einen Groll auf Sie hegt und eine geladene Waffe in der Hand hat, oder ein Gegner, der alle Munition wirkungslos verschossen hat und sich seiner Hilflosigkeit bewusst wird?

Nein, der Spruch mit der wahren Herrschaft und der Kritik, er funktioniert nicht wirklich – doch ein anderer Spruch, eine ähnliche lebensphilosophische These könnte durchaus belastbar sein und unserer Erkenntnis weiterhelfen.

Lassen Sie uns doch diese These probieren: »Wer zu uns gehört, mit dem lachen wir auch gemeinsam, und zwar über uns

Hmm.

In den letzten Jahren, wenn gerade-nix-zu-tun oder von-etwas-abzulenken ist, diskutieren Politiker, Journalisten und andere überbezahlte Überforderte die Frage, ob »der Islam« »zu Deutschland« gehöre.

Die Debatte zur Frage wird regelmäßig typisch links geführt: Die Begriffe sind vollständig unklar (meist ist buchstäblich nichts an dem Satz eindeutig oder gar definiert, weder »der Islam« noch »gehört zu« noch »Deutschland«), doch jeder redet mit großem Pathos daher, stets im für linke Debatte im Propagandastaat typischen Wettbewerb um die »moralischere« Wortgeste.

Erlauben Sie mir, in Bezugnahme auf obige These, eine Gegenfrage zur These – und ich will bei »Birne« beginnen.

Der erste Bundeskanzler, an den ich mich bewusst erinnere, war Helmut Kohl. Er wurde als »Birne« veralbert, man lachte über seinen pfälzischen Akzent und ja, über seine Statur, mit der sich manches »aussitzen« ließ, natürlich im doppelten Sinne. Wir schmunzelten über »Genschmans« Ohren und über »Gorkis« Landkarte auf der Stirn. Bessere, klügere Zeiten.

In den letzten Jahren lachten wir über Trumps Frisur und über Macrons Eitelkeit, einige Jahre davor über Berlusconis »italienische Lebensfreude« und wir schmunzeln noch immer – wenn auch vorsichtig und höflich bewundernd – über Putins Oben-ohne-Fotos.

Wir lachten TV-guckend mit den Nerds der Big Bang Theory über jene Leute, deren Geisteskraft das Fundament moderner Zivilisation entstehen lässt – und niemand hätte etwas dagegen, wenn der eigene Nachwuchs so würde, wie diese »Nerds«. Wir lachten mit Two and a Half Men über die Herausforderungen moderner Männerrollen (okay Herrn Harper/Sheen sollte der eigene Nachwuchs besser nicht nacheifern) – und wir beneideten Charlie mindestens um seine Villa. Und wenn wir es extra leicht haben wollen, dann lachen wir via YouTube über die Tapsigkeit der Katzen.

Und dann natürlich… die Religion. Ja, wir lachen auch über Religion und religiös geprägte Eigenheiten! Wir lachten und lachen, etwa im genialen »Life of Brian« übers Christentum. Was wären Hollywood-Filme ohne Witze über Amish People oder die Hare Krishnas. Auf dem Broadway besangen sie das »Book of Mormon« und (ich erweitere hier kurz den Begriff der Religion🙂 über das (fiktive) Buch »How to Succeed in Business Without Really Trying«. Manche halten den »lachenden Mönch« Budai (siehe Wikipedia) für den Buddha Siddhārtha Gautama selbst, und sie stellen ihn sich auf um mit ihm zu lachen – und die Buddhisten schmunzeln gutgelaunt darüber. Und wir lachen mit Juden über die Eigenheiten jüdischer Lebensperspektive, ob mit Jerry Seinfeld, Mel Brooks, Woody Allen oder natürlich all den wunderbaren jüdischen Witzen – meinen liebsten jüdischen Witz erzähle ich im Text »Und dazwischen wir?« vom 17.5.2020. (Bevor wir fortfahren, hier der genialische Woody Allen im Standup von 1965.)

Fehlt jemand in der Liste der Gruppen, Gedankenschulen und Gestalten, mit denen wir lachen? – Hmm.

Hofnarren, wirklich ehrliche Berater

Auch dieses Jahr wurden Menschen ermordet, weil das Magazin »Charlie Hebdo« sich immer wieder erdreistet, Witze im Kontext des Islam zu drucken.

Warum reagiert gerade der Islam so ultra-allergisch auf Witze? Warum hören wir so wenige Witze von Muslimen. Nun, es könnte damit zusammenhängen, was ich 2018 im Essay »The Left Can’t Meme – Warum Linke keinen Humor können« beschrieb.

Eine Faustregel besagt: Was wir »tief innen drin« empfinden, ist aus Perspektive der Evolution »lebensnotwendig«.

Sex ist überlebens-notwendig für die Art, süßes Essen war früher überlebens-notwendig (im süßen Obst waren Vitamine, Nährstoffe und Energie enthalten).

Auch das Lachen ist uns »tief in die Seele« eingepflanzt. Wir freuen uns am Lachen, wir sehnen uns danach, zu lachen – und daraus folgt: Das Lachen erfüllt eine Funktion, die uns einen evolutionären Vorteil verschafft.

Konzise formuliert: Humor ist ein Mechanismus zur Begriffsverbesserung. Wir lernen dazu, indem wir Witze über die Dinge machen.

Humor verhandelt das Scheitern unserer Begriffe an der Realität, welche von den Dingen bezeichnet wird. Witze über den Tod verhandeln den Widerspruch zwischen der Wichtigkeit, die ein jeder seiner Existenz zuschreibt und der Fragilität eben dieser (Allen: »Ich habe keine Angst vorm Tod, ich will nur nicht dabei sein, wenn es passiert.«). Witze über das Verheiratetsein verhandeln den Widerspruch zwischen dem romantischen Ideal des »in guten wie in schlechten Zeiten« mit der Realität der versickerten Hormone (Rodney Dangerfield: »Was nennen Männer das ›Vorspiel‹? Eine halbe Stunde lang betteln!«).

Mit Witzen schärfen wir unsere Begriffe. Witze machen uns kollektiv klüger. Witze lassen uns auch dann klüger werden, wenn sie »nicht witzig« sind – es bedeutet schlicht, dass sie darin versagten, einen wesentlichen, schmerzhaften Widerspruch zwischen Begriff und Realität aufzuspießen.

Ja, selbst die gesellige Kneipenrunde, bei der die Zunge vom Ethanol gelockert wird und man seine wahren Begriffe offenbart, erfüllt wichtige Funktionen in der kollektiven Schärfung der Begriffe. (Auch darum ist der »Lockdown« so gesellschaftlich gefährlich!)

Im Lachen werden unsere Begriffe schärfer – und wir werden klüger. Dass das Lachen manchmal weh tut, das ist Teil des Konzeptes! (Humor ist die Behandlung schmerzhafter Dissonanzen von Begriff und Realität – das Lachen verbieten zu wollen, weil es schmerzt, das ist wie das Zähneziehen aus demselben Grund verbieten zu wollen.)

Das Lachen macht nicht nur die Menschen klüger, das Lachen zeigt auf Fehler und Risse in den Begriffen der Propaganda und/oder der Ideologie.

Indem Menschen klüger werden, fürchtet die Macht um eben diese.

(Der Mensch sehnt sich auch dann nach Humor, wenn dieser verboten ist, also setzt die Propaganda häufig als Humor verkleidete Verhöhnung ein, wie etwa die »Comedians« im deutschen Staatsfunk, welche die Opposition verhöhnen und es »Humor« nennen – es ist leicht entlarvt: es thematisiert nicht einen vorhandenen Schmerz, es verhöhnt die Abweichler; es hat mit Humor so wenig zu tun wie die vor Angst gefletschte Zähne des Schimpansen wirklich ein frohes Grinsen sind.)

Lachen kann den Mächtigen gefährlich sein, wenn es Fehler aufzeigt, die verheimlicht werden sollten. (Einer der vielen brillanten Aspekte am Kapitalismus ist die Tatsache, dass er nicht weniger gut funktioniert, wenn man seine Fehler und schmerzhaften Seiten aufzeigt – Witze über den Kapitalismus sind ein sehr einträgliches kapitalistisches Business.)

(Randnotiz für Ideologen und Diktatoren: Wer das öffentliche Lachen über sich verbieten will, der sollte sich »private Fehlerkorrekturen« installieren, also Hofnarren, wirklich ehrliche Berater, et cetera, die ihn diskret auf Fehler in seinen Begriffen hinweisen.)

Einen höheren Sockel

Nein, wer über uns herrscht, das lässt sich nicht automatisch daran ablesen, wen wir »kritisieren dürfen« – das kann mal so sein und mal ganz anders. Wer wirklich über uns herrscht und wie er das tut, das scheint ohnehin gerade im Fluss zu sein – siehe die Wahlfarce in den USA.

Gerade in »unscharfen« Zeiten, in denen sich die Machtverhältnisse zu verschieben scheinen, innerhalb der Länder und innerhalb des Planeten, gerade wenn ich nicht sicher bin, wer wirklich herrscht, und wenn diejenigen, die zu herrschen scheinen, es mir ernsthaft schwer machen, ihnen zu vertrauen, stellt sich die Frage: Herrsche denn wenigstens ich über mich selbst? (Wir sollten den alltäglichen Begriff Selbstbeherrschung abstauben und auf einen höheren Sockel stellen.)

Dürfen/ Sollen/ Können

»Erkenne dich selbst!«, so mahnen die Griechen. Ich übersetze es bei Gelegenheit in meine eigenen Worte: »Erkenne deine Relevanten Strukturen

Heute will ich es wieder neu formulieren: Erkenne dich selbst, lache über dich selbst – und dann: herrsche über dich selbst!

Worüber wir lachen (dürfen), das gehört zu uns. Worüber wir nicht lachen dürfen/sollen/können, das wird es schwer haben, wirklich dazu zu gehören.

Ich könnte formulieren: »Lachst du auch manchmal über dich selbst, und sei es heimlich? Siehst du die Brüche in deinen Begriffen, in der Beschreibung, die du dir selbst gibst?«

Ich will wagen, es auch esoterisch zu formulieren (»Esoterik« kommt vom altgriechischen ἐσωτερικός, und bedeutet ‚innerlich‘, dem inneren Bereich zugehörig‘)!

Wenn ich nun frage: »Lachst du auch manchmal über dich selbst?«, dann frage ich ja auch: Gehörst du zu dir selbst?

»Weiterschreiben, Wegner!«

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