Dushan-Wegner

22.12.2023

Aufmerksame Zuschauende

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten
Es wirkt harmlos, wenn man »Zuschauende« statt »Zuschauer« sagt, doch es macht Sprache unpräzise und falsch. Beispiele: Nicht jeder Trinkende ist ein Trinker, nicht jeder Singende ein Sänger … und längst nicht jeder Vordenkende ist wirklich denkend
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Ich weiß, ich weiß, ich sollte nicht. Ich sollte nicht nach Perlen im Misthaufen suchen, nicht nach Schönem im Spiegel und ganz besonders nicht nach Hoffnung in der Zeitung.

Letztens aber tat ich es doch. Letztens schaute ich in die aktuellen Nachrichten und meinte, etwas wirklich Schönes zu entdecken. Ich mag ja die Wes-Anderson-Filme (auch wenn man sie meines Wissens derzeit nur bei Disney streamen kann, und Disney macht mir sonst zu viel woken Dreck), und um diese ging es doch.

Bei spiegel.de, innerhalb einer an Kinder und Jugendliche gerichteten Magazin-Abteilung (wir kommen darauf noch zurück), liest man aktuell vom Modellbauer Simon Weisse. Er hat unter anderem das Modell des »Grand Budapest Hotels« gebaut. Oder die Kulissen in »The French Dispatch«.

Ich klickte mich also in den Text (spiegel.de, 21.12.2023). Ich las. Es war routiniert geschrieben, wenn auch etwas faul. (Erster Satz: »Der Weg zu Simon Weisses Werkstatt führt durch einen tristen Hinterhof …« – na ja, wenn Hinterhof, dann muss es natürlich trist sein, Literatur ist das nicht.)

Nun gut, das Thema »zieht«, gerade wenn, wie bei mir, schon der Name »Wes Anderson« diese Zuckerwatte-süße, pastellfarbene Sentimentalität über den Moment gießt.

Und wenn überhaupt über etwas so Schönes wie das Werk und die Zuarbeiter des Wes Anderson geschrieben wird, muss man doch von vornherein glücklich sein, oder?

Ich lese.

Und dann stolpere ich über diesen Satz: »Erst auf den zweiten oder dritten Blick merken aufmerksame Zuschauende, dass es sich nicht um echte Waggons, sondern um ein Modell handelt.« (spiegel.de, 21.12.2023)

Das Wort »Zuschauende« stört mich natürlich.

Es ist der »woke« Propaganda-Neusprech für »Zuschauer«.

Die Täter und die Opfer der Gehirnwäsche werden sagen, dass mich »Zuschauende« statt »Zuschauer« nur deshalb stört, weil ich reaktionär sei und wahrscheinlich rechts und alter weißer Mann und bla bla bla.

Mich aber ärgert der Propaganda-Neusprech, weil das andere Wort etwas anderes bedeutet.

Ein anderes Beispiel: Ein Radfahrer ist ein Mensch, der das Radfahren beherrscht und gelegentlich ausübt. »Radfahrend« aber ist ein Partizip, eine Chimäre aus Adjektiv und Verb, welche die jetzt laufende Handlung zur Eigenschaft erklärt. Ein Radfahrer ist auch dann Radfahrer, wenn er nicht gerade Rad fährt, aber Radfahrender ist nur dann Rad fahrend, wenn er radfahrend ist.

Dies verdeutlichend:

Wenn man Lehrer durch »Lehrende« ersetzen könnte, dann müsste der folgende Satz widersprüchlich sein: »Der Lehrende war kein Lehrer.«

Oder: »Der Trinkende ist eigentlich kein Trinker.«

Oder, besonders charmant: »Die Singende war wahrlich keine Sängerin.«

Diese Sätze ergeben einen Sinn, sprich: wir wissen, was gemeint ist – und deshalb bedeutet »Zuschauende« nicht dasselbe wie »Zuschauer«.

Schöner wäre es

Selbst in diesem konkreten Fall : »Erst auf den zweiten oder dritten Blick merken aufmerksame Zuschauende, dass es sich nicht um echte Waggons, sondern um ein Modell handelt.«

Meinte man wirklich die Menschen im Zustand des Zuschauens, müsste es dann nicht heißen: »aufmerksam Zuschauende«?

Der Schreiber – pardon: der Schreibende (Jahrgang 1987, zuvor auch bei TAZ und SZ) nimmt es aber wohl generell nicht so genau mit seinen Formulierungen.

Gleich im Relativsatz »dass es sich nicht um echte Waggons, sondern um ein Modell handelt« – müsste da nicht »Modelle« im Plural stehen? Schöner wäre es.

Schlimm genug

Ach ja, dieser Text erscheint in der Kinder- und Jugendsparte dieses Kamikazeflugzeugs der Demokratie. Im nächsten Monat wird man ihn in der Druckausgabe an Deutschlands Kiosken finden.

Doch wisst ihr, was das Titelthema dieses Jugendmagazins sein wird? Es lautet »Was essen wir morgen? Die Zukunft unserer Ernährung«, und die Antwort darauf wird bereits in der Ankündigung verraten: »Algen vielleicht! Oder Insekten und Fleisch aus dem Labor.«

Oder wie Klaus Schwab sagen würde: »Ju vill iht ze bugs änt ju vill bi häppi.«

Es klingt alles sehr nach Propaganda, ich weiß, und dass das an Kinder verfüttert wird, ist schlimm genug. Doch mich ärgert heute fast noch mehr diese Verhunzung der Sprache und damit des Denkens – wahrlich nicht nur bei Kindern.

Ich weiß, ich weiß. Ich sollte mir das nicht so zu Herz nehmen, diese Propaganda, diese ungenaue Sprache, dieses unscharfe Denken. xDoch wenn nicht ich mir das zu Herz nehme, wer dann?

Ich schrieb letztens den Essay »Barbari intra portas« über die importierte Barbarei.

Ich will ehrlich sagen: Auch solche Gleichgültigkeit gegenüber der Funktion, also der Bedeutung von Wörtern, kommt mir wie Barbarei vor.

Nicht mehr den Schmerz

Die Grenzen deiner Sprache sind die Grenzen deiner Welt, mahnt Ludwig Wittgenstein. Doch es gilt auch: Die Unschärfe deiner Sprache lässt auf ein verwaschenes Denken schließen.

Alles, was mit Wes Anderson zu tun hat, macht mich ja sonst glücklich. Aber, wie kann ich glücklich sein, wenn die Sprache so dumm ist? Wie sollen die Dinge besser werden, wenn die Leute täglich ungenauer sprechen und also denken? Wenn selbst die bezahlten Textarbeiter nicht mehr den Schmerz spüren, den ich spüre, wenn Sätze und Wörter nicht funktionieren? Wie soll unser Denken besser werden?

Solche Texte, wo man Saufende statt Säufer sagt und dabei Vordenker sein will, aber es nicht mal zum Denkenden schafft – vielleicht schmerzt dich dieser kollektive Sprachverlust weniger als mich.

Vielleicht machen dich diese Texte sogar glücklich – immerhin kommt auch Wes Anderson vor.

Dann, lieber Freund, lass mich dir mit Wes Anderson antworten, aus dem Film »Bottle Rocket«: »Ich erwarte nicht, dass du so deprimiert bist wie ich. Aber ich glaube nicht, dass dein Glück angemessen ist.«

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