Dushan-Wegner

10.10.2023

Wider das Erkalten

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Bild: »Was hält dieser Zaun?«
Ich sehe die Bilder in den Nachrichten, und eine böse Stimme will sagen: »Schicksal, tu endlich deinen Job, und dann is’ gut!« – Werden wir zu Zynikern? (Wie) lässt sich heute innere Kälte vermeiden?
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Vielleicht haben Sie den Film »No Country for Old Men« gesehen. Wenn ja, dann läuft ihnen allein bei der Erwähnung des Filmtitels ein kalter Schauder über den Rücken.

Der Film handelt vom Mörder Anton Chigurh, genialisch von Javier Bardem gespielt. Chigurh mordet, den gesamten Film lang. Er tut es nicht nur mit besonders grausam wirkenden Waffen, sondern auch ungewöhnlich kalt.

Chigurh steht für »das Schicksal«. Er wirft immer wieder eine Münze, die darüber entscheidet, ob er töten wird.

Als ich den Film sah samt der brutalen, aber – soviel muss man zugeben – ästhetischen Morde, spürte ich in mir einen überraschenden und gar nicht sympathischen Wunsch entstehen.

Chigurh leitet seine Morde regelmäßig mit einem Ritual ein, einer Art »Vorspiel«. Und ich hörte in einem Winkel meines Bewusstseins den Wunsch hochkriechen, Chigurh möge doch endlich den Mord erledigen.

Eine böse, erschreckend fremde Stimme in mir wollte dem Schicksal auf Amerikanisch zurufen: »Get it over with!« – zu Deutsch etwa: »Nun erledige es endlich!«

Ich hatte mich ans Töten und damit ans Sterben gewöhnt – zumindest ans Töten und Sterben in diesem Film.

Ja, ich hatte mich daran gewöhnt und erwischte mich bei dem Gedanken: »Schicksal, tu deinen Job, damit es endlich weitergehen kann!«

Die Angst, zu erkalten

Ich sehe dieser Tage Bilder vom Kriegsleid. Ich sehe Bilder von der Invasion junger Männer aus Afrika nach Europa. Ich sehe Bilder von Demonstrationen und Aufmärschen von Terrorismus-Sympathisanten in »toleranten« Städten des Westens.

Und ich sehe aus dem inneren Augenwinkel, wie irgendwo weit hinten in meiner Seele dieser kalte Wunsch hochkriechen will: »Schicksal, erledige deinen Job!«

Ja, sogar als ich ein Kind sah, dasssich samt Mutter unter die 99 % jungen Männer verirrt hatte, musste ich jene zynische Frage unterdrücken: »Wenn dieses Kind innerhalb seiner Community aufwächst, wird es dem Westen dankbar sein? Oder wird es … das diametrale Gegenteil von Dankbarkeit praktizieren?«

Das ist dann etwa der Moment, an welchem ich derartige Fragen loslasse. Was sollte ich auch als neue Antwort liefern? Sogar die Politikerin, die so viel (womöglich irreparablen) Schaden über Deutschland brachte wie kein anderer Politiker seit der Gründung der Bundesrepublik, hatte zuvor erkannt, dass das naive »Multikulti« »gescheitert« und »tot« ist (dw.com, 16.10.2010) – bevor sie später ebendiesen Wahnsinn forcierte (wer oder was auch immer sie dazu motivierte).

Selbstschutz

Vor siebentausend Jahren, als Helmut noch mit Boris saunen ging und Guns’n’Roses den Soundtrack zu unseren Sommern lieferten, leistete dieser Essayist seinen Zivildienst.

Ich absolvierte dabei einen Kurs zum Rettungshelfer und sah zum ersten Mal nennenswerte Mengen von Blut. (Ein Mensch war durch eine Glasscheibe gelaufen.)

Und ich lernte in diesem Kurs, dass der Retter sich immer zuerst selbst schützen muss. Das kann bedeuten, dass man eine Unfallstelle sichert, bevor man den Patienten behandelt. Oder es bedeutet ganz konkret, dass man präventiv die Polizei ruft, wenn der Patient aus Kulturkreisen stammt, in denen man auf Retter nicht immer dankbar reagiert.

Ich spüre heute eine ähnliche, mentale Notwendigkeit, mich zu schützen – und zwar an zwei gegenüberliegenden Fronten!

Wie gefährlich

Auf der einen Seite will ich nicht so werden wie Gutmenschen und Non-player characters, welche die Realität leugnen und damit sich oder auch andere Menschen in Gefahr bringen.

Auf der anderen Seite will ich nicht von einem Zuviel an Nachrichtenkonsum abgestumpft werden.

In einer Szene von »No Country for Old Men« wird einer, der Anton Chigurh kennt, gefragt, wie gefährlich dieser sei.

Vergessen wir nicht, dass Chigurh im Film für das Schicksal selbst steht! Der Gefragte antwortet also: »Er ist ein psychopathischer Mörder, aber na und? Davon gibt es genug.«

Nicht meinen Applaus

Nein, das Schicksal ist nicht freundlich. Spätestens wenn eine palästinensische Mutter ihrem Kind einen Bombengürtel umschnallt (siehe Wikipedia) oder ein palästinensischer Vater sein Kind vorschickt, damit dieses für PR erschossen wird (via YouTube), dann weißt du, dass das Schicksal grausam sein kann.

Nichts ist so wertvoll wie das Leben, und doch endet auch dieses regelmäßig tödlich, egal, welches Schicksal zwischen Geburt und Tod lag.

Ich will mich mit meinem Schicksal arrangieren. Mit dem eigenen Schicksal wie auch dem Schicksal meiner Mitmenschen, zumindest so weit, wie beide außerhalb meiner Kontrolle liegen.

Das Schicksal wird tun, was es tun muss – es braucht nicht meinen Applaus dafür.

Pragmatisch gerechtfertigt folge ich weiter jener Maxime: Am Ende wird es gut werden, und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

Weiterschreiben, Wegner!

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