Dushan-Wegner

04.09.2023

Das Wort (eine Geschichte)

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Bild: »Meinst du das ernst?«
Man versucht, Körper mit mRNA neu zu programmieren und sie so »immun« zu machen. Man versucht auch, Menschen durch Propaganda und Indoktrination gegen abweichende Meinung zu »immunisieren«. Es spricht für den Menschen, wie schlecht Letzteres gelingt.
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Es war das Jahr 2033, und alle Immunsysteme waren hilflos. Ein Lufthauch nur und das Immunsystem jedes der damals noch lebenden zweieinhalb Milliarden Menschen kollabierte wie ein Soufflé, das man zu früh aus dem Zauberofen geholt hatte.

Die Rede ist hier aber nicht – und das sei der protokollarischen Klarheit halber festgestellt – von den körperlichen Immunsystemen. Wer die Dekade des Plötzlichen und Unerwarteten überlebt hatte, dessen körperliches Immunsystem war programmiert und optimiert. Er hätte sogar die neuesten Viren aus den bekannten Laboren in sein Insektenmüsli mischen können, und er wäre doch nicht krank geworden.

Nein, die überlebenden körperlichen Immunsysteme waren resilient – es waren die Immunsysteme der Seelen, die sich ergaben, bevor irgendein Abwehrkampf auch nur begonnen hatte.

Der Körper wehrt sich gegen Bakterien und Viren, und die biologischen Vorgänge dieser Verteidigung nennt man gemeinhin das »Immunsystem«.

Doch auch der Geist des Menschen, seine Seele, ist eigentlich darauf ausgelegt, sich unabhängig gegen falsche, dumme und blank gefährliche Ideen zu wehren.

Eigentlich.

Auch dank der Deutschen und ihrer afrikanischen Forschungslager zum Testen von Impfstoffen konnte das 20. Jahrhundert zum Jahrhundert der körperlichen Impfungen werden. Durch Impfkampagnen wurden Infektionskrankheiten weltweit zurückgedrängt oder sogar ausgerottet. Wer dennoch einer dieser Menschheitsplagen erlag, so schien damals zu gelten, der war selbst daran schuld.

Auch dank der Deutschen und ihrer wichtigen Rolle in der ideellen Nachfolgeorganisation der katholischen Kirche, der »EU«, schien das 21. Jahrhundert zum Jahrhundert der geistigen Impfungen zu werden. Durch digitale Filter wurden falsche Meinungen weltweit zurückgedrängt oder sogar ausgerottet. Wer sich dennoch eine verbotene Idee einfing, wofür er natürlich die notwendigen Konsequenzen trug, so musste man sagen, der war bald selbst daran schuld.

Aktiv, passiv, programmierend

Bevor man die Filter gegen falsche Ideen eingerichtet hatte, hatten die Mächtigen beinahe hundert Jahre lang versucht, den Aufbau eines geistigen Immunsystems zu stimulieren.

Bei einer Aktivimpfung des Körpers verabreicht man den Patienten eine abgeschwächte Variante des Erregers. Man »trainiert« ihn, sich dagegen zu wehren. Bei einer Passivimpfung des Geistes konfrontiert man den Patienten mit den bösen Ideen der Vergangenheit im sogenannten Geschichtsunterricht und verlässt sich darauf, dass er »Gegenideen« entwickelt, womit er dann gegen neue gefährliche Ideen ähnlicher Bauart »geimpft« wäre.

Bei einer Passivimpfung hingegen, etwa wenn der Patient kurz vor einer Reise in die Tropen steht oder vor dem Auftritt in einer Talkshow, trainiert man das Immunsystem gar nicht erst, sondern verabreicht direkt die Abwehrstoffe gegen die zu erwartenden Erreger.

Und bei einer Reprogrammierung via mRNA beziehungsweise via Indoktrination verabreicht man dem Patienten weder den Erreger noch die Abwehrstoffe, sondern programmiert seine Zellen beziehungsweise sein Gehirn um. Die neu programmierten Zellen beziehungsweise der neu programmierte Verstand sollen selbstständig die Abwehrstoffe gegen die abzuwehrenden Gefahren produzieren – so zumindest sieht es der Plan vor.

Tatsächlich geschah es immer wieder, dass gerade im Bereich der Ideen und Meinungen, also des geistigen Immunsystems, der Verstand der »Geimpften« ausgerechnet jene, die ihn doch »geimpft« hatten, als Erreger ausmachte und bekämpfte.

Das System hatte die Menschen etwa gegen »Faschismus« geimpft, und die Mächtigen hatten den Menschen auch die Richtung gewiesen, wer als »Faschist« zu bekämpfen sei – der politische Gegner, klar.

Doch es passierte immer wieder, dass die »Geimpften« sich gegen die Impfenden wandten und genau diesen sagten: »Halt! Ihr erfüllt selbst alle Marker jener ›Faschisten‹, gegen die ihr unseren Geist geimpft habt!«

Das war gewiss nicht im Sinne der Impfungen!

Zunächst schien es zu funktionieren

Man versuchte es also mit Passivimpfungen des Geistes. Man gab den Menschen konkret vor, wer zu hassen sei und was man dabei zu sagen hätte. Es verpuffte, denn auch die härtesten Gegenworte verlieren ihre Kraft, wenn sie keine Entsprechung in der Wirklichkeit haben.

Man versuchte es mit Reprogrammierung, sprich: Indoktrination. Die falschen Meinungen und ihre Träger sollten abgewehrt werden, ob es Sinn ergab oder nicht.

Zunächst schien die Indoktrination zu funktionieren, gerade wenn sie schon in den Schulen einsetzte, wo den Kindern das eigene Denken abtrainiert und dafür der Hass auf Andersdenkende antrainiert wurde.

Nach einigen Jahren stellte man aber fest, dass die derart reprogrammierten Schüler auch in sonstigen Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen stark nachließen.

Die derart Behandelten erwiesen sich zudem in zu vielen anderen wirtschaftlich relevanten Bereichen als unproduktiv und unkreativ. Gerade im kollektiven Wettrennen mit maschineller Intelligenz und Kreativität war das viel zu teuer.

Schließlich gab man auf, die Menschen gegen falsche Meinungen zu impfen.

Man ließ Filter errichten.

Eine Zeit lang hatte man ja versucht, die körperliche Gesundheit der Menschen mit papiernen Gesichtsmasken gegen Erreger zu schützen, mit physikalischen Filtern also. Es war eine Sinnlosigkeit, wenn auch eine profitable.

Deutlich sinnvoller waren dagegen die Filter gegen erregende Meinungen.

Da die Menschen zuvor den größten Teil ihrer öffentlichen Kommunikation auf zentrale, digitale Plattformen verlagert hatten, konnte man die Ideen und Meinungen mit überschaubarem Aufwand filtern. Und weil man es konnte, und weil es nützlich war, tat man es natürlich auch.

Man filterte die Luft des öffentlichen Meinungsverkehrs, bis es als ausgeschlossen galt, dass eine übertragene Meinung das regulierte Denken und Wissen des Empfängers infrage stellen konnte.

Was du hören und sehen, was du lesen, ja sogar was du schreiben und überhaupt online posten konntest, war gut für dich und für die Gesellschaft. Und mit »gut für dich und die Gesellschaft« war gemeint, dass es erlaubt war.

»Erlaubt« und »gut für dich und die Gesellschaft« bedeutete dasselbe, und dass es dasselbe bedeutete, das war wichtig.

Halb im blinden Glück

Dann passierte es im späten April des Jahres 2033, dass ein böser Faschist ein Wort fand, ein einzelnes Wort, das wohlgemerkt für einen ganzen Begriff stand, und obgleich es der erlaubten Wahrheit widersprach, gelangte dieses Wort an allen Filtern vorbei, denn die Wahrheitssysteme waren auf dieses Wort und diesen Begriff nicht vorbereitet.

Er, der dieses Wort gefunden hatte – halb aus Versehen, halb im blinden Glück des gerecht Wütenden –, war ein dreckiger Drecksack, ein abartiger Abweichler, alles in allem ein schwurbelnder Querdenker. Doch welche gerechten Verurteilungen wir ihm auch auferlegen, es bleibt Fakt und Tatsache, dass er auf ein Wort stieß, das verboten war und doch alle zu dem Zeitpunkt installierten Filter überforderte.

Dieses Wort ließ die ohnehin geschwächten geistigen Immunsysteme der Menschen des Jahres 2033 vollends kollabieren, ließ sie ihre nicht vorhandenen Waffen niederlegen und die weißen Fahnen schwenken.

Es war den Autoritäten ein schlimmer Graus!

Es war ein Virus der Gedanken, es zerriss geradezu die Filter und Roboterzensoren der Wahrheitssysteme!

Ja, sogar den menschlichen Zensoren schien es erschreckend lange unmöglich, dieses Wort zu bannen, denn in anderen Zusammenhängen war es nicht nur neutral bis positiv besetzt, sondern für gelingende Kommunikation notwendig.

Wie das Leben selbst

Dieses Wort aber gab den Menschen neue, gänzlich unerwartete Hoffnung!

Das Wort ließ die Menschen aufmüpfig und auf schöpferische Art unzufrieden werden. Das Wort weckte – und das alarmierte die Behörden bis hinauf in die höchsten Ränge – in den Menschen das an Wahnsinn grenzende Gefühl, die Hoheit über ihr Leben und ihren Lebenslauf zu besitzen – ja, besitzen zu müssen.

Als hätten sie sich all die Jahre nach diesem Wort gesehnt, wurde alles, was an Menschlichkeit und Gewissen noch in den Menschen glomm, von diesem Wort heiß entzündet und in helle Flammen gesetzt.

Die Menschen verbreiteten es weiter. Es war wie ein Virus, aber wie ein gesundes und fröhliches.

Das Wort was wie eine lang vermisste Nahrung, wie frisches Brot für den Hungernden, wie Sonne für einen, der in einen dunklen Keller gesperrt war. Das Wort weckte Hoffnung und fachte damit das Leben selbst an.

Ihnen aber, liebe Leser (und Hörer) dieser Zeilen, in genau diesem wirklichen Jahr, sei die Denkaufgabe gestellt: Welches Wort könnte das wohl gewesen sein?

Weiterschreiben, Wegner!

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