14.04.2021

Das sind jetzt also wir

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Yujeong Huh
Man zensiert öffentliche Debatte, wegen »Hass«. Man verbietet Zusammenkünfte und damit private Debatte, wegen »Pandemie«. Widerstand wird im Keim erstickt, Das Parlament entmachtet sich und Polizei wird aggressiver. Haben Sie auch dieses Déjà-vu-Gefühl?
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Ein Soldat, verwundet im Kampf, vom Feldarzt mit Chloroform ausgeschaltet, er wacht wieder auf, und er sieht an sich herunter, und es fehlen ihm ein Bein oder beide Beine, und er denkt: »Das ist also jetzt mein Leben. Das bin jetzt ich. Ein Krüppel.«

Ein Mann, der nach dem größten Teil eines Lebens seine Frau der Erde oder den Krematoriumsflammen übergab, nach dem Leichenschmaus und dem hilflosen Geplapper seiner Freunde und Kinder kommt er heim, in den Flur, wo noch die Schuhe seiner Frau stehen, und er sieht sich selbst im Anziehspiegel, und er denkt: »Das ist also jetzt mein Leben. Das bin jetzt ich. Ein Witwer.«

Der Geschäftsinhaber, dem der Lockdown-Wahnsinn zerstörte, was sein Vater und dessen Vater aufgebaut hatten, der seine Angestellten zum Arbeitsamt verabschiedete, er schließt zum letzten Mal seinen Laden ab, und er sieht seine Spiegelung im geputzten Fenster seines seit Monaten leeren Geschäftes, und er denkt bei sich: »Das ist also jetzt mein Leben. Das bin jetzt ich. Ein Bankrotteur.«

Der Soldat ohne Beine, der Witwer, der Bankrotteur, was geht in ihren Köpfen vor? Wer sich je mit einem Menschen unterhielt, dem ein solches oder ähnliches Schicksal zuteil wurde, der wird neben der Wut und zeitweiligen Verzweiflung vor allem eine Frage hören, und diese Frage ist im Kern immer ähnlich: »Was soll ich mit dem nächsten Tag anstellen?«

Ausgangssperren, keine zweite Ebene

Am 13.4.2021 hat die deutsche Regierung einen weiteren Schritt heraus aus der Demokratie in Richtung eines Kanzleramt-Absolutismus unternommen (siehe welt.de, 13.4.2021).

Man will von Berlin aus befehlen können, wo in Deutschland etwa nächtliche Ausgangssperren verhängt werden. Vordergründig ist es »wegen Corona«, doch wer glaubt das noch (wirklich)? Nein, nicht das Virus bestimmt heute unseren Tag, sondern der Machtrausch des Merkelsystems. – Ist das nun wirklich, wie jeder einzelne Tag werden soll? Sind das also wir?

Es sollen Zusammenkünfte von Menschen verboten werden, wenn diese über den eigenen Haushalt plus eine maximal eine Person hinausgehen. Erstens: Niemand mit auch nur drei aktiven Gehirnzellen erwartet, dass dies im Rahmen des aktuellen Ramadan durchgesetzt wird. Es wird nicht passieren, dass die Polizei in eine Ramadan-Zusammenkunft prügelnd einbricht, als ginge es um gewöhnliche Bürger. Zweitens: Es trifft sich auffallend gut, dass dieselbe Regierung zugleich immer härtere Gesetze und Maßnahmen gegen freie Meinungsäußerung im Internet installiert (tagesschau.de, 19.4.2020) – wohlgemerkt während man Islamisten, Antifa und die Feinde des Rechtstaats mit Steuergeld fett mästet (welt.de, 13.4.2021) – cui bono?

Man zensiert öffentliche Debatte, wegen »Hass«. Man verbietet Zusammenkünfte und damit private Debatte, wegen »Pandemie«. Widerstand soll im Keim erstickt werden. Das Parlament entmachtet sich selbst und die Polizei scheint täglich aggressiver zu werden. Eine natürlich rein hypothetische Frage: Wenn in Deutschland tatsächlich wieder eine Diktatur errichtet würde, was würde man denn anders tun, als es heute geschieht?

Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass drastische Maßnahmen mit fragwürdigen Wahrheiten begründet werden. Ich hörte einen Bürger murmeln: »Was dem Bush die Massenvernichtungswaffen im Irak waren, das sind der Merkel die Inzidenzwerte, die im Staatsfunk immer röter und dramatischer eingefärbt werden.« (siehe auch Essay vom 13.4.2021)

Nicht nur ehemalige DDR-Bürger fühlen sich daran erinnert, als die sowjetischen Besatzer damals das Kriegsrecht erklärten und Ausgangssperren verhängten, um den Volksaufstand niederzuringen; die Maßnahmen klingen in der Sache erschreckend ähnlich:

Ab 13 Uhr des 17. Juni wird im sowjetischen Sektor von Berlin der Ausnahmezustand verhängt.

Alle Demonstrationen, Versammlungen, Kundgebungen und sonstige Menschenansammlungen über drei Personen werden auf Straßen und Plätzen wie auch in öffentlichen Gebäuden verboten.

Jeglicher Verkehr von Fußgängern und der Verkehr von Kraftfahrzeugen und anderen Fahrzeugen wird von 21 Uhr bis 5 Uhr verboten, diejenigen, die gegen diesen Befehl verstoßen, werden nach den Kriegsgesetzen bestraft.
(Erklärung des Ausnahmezustandes im sowjetischen Sektor von Berlin, 1953, lpb-bw.de)

Wie schon 2015 scheint Merkel bereit zu sein, zur Durchsetzung ihrer Ziele auch Tote hinzunehmen – Leid, Einsamkeit, Selbstmorde – alles für Merkels Macht. – »Der Zweck des Lockdowns ist der Lockdown«, so schrieb ich im Essay »System Lockdown« vom 9.4.2021; was das so praktisch wie potentiell tödlich bedeutet: Nach Ansicht ernstzunehmender Wissenschaftler können Ausgangssperren die Verbreitung des Virus sogar befördern (siehe etwa welt.de, 13.4.2021), anders wohl als der Aufenthalt an frischer, bewegter Luft.

Es hat einen denkbar simplen Grund, dass die Frühwarnsysteme der vermeintlichen Bildungsrepublik nicht rechtzeitig gegen Merkel anschlugen: Es passiert wieder und wieder, dass die sogenannten »Intellektuellen« ein geradezu lächerlich klischeehaft diktatorisches, undemokratisches und für das Land hochgefährliches Verhalten nicht als solches erkennen, weil sie sich einfach nicht vorstellen können, dass jemand tatsächlich so klischeehaft handelt, und also lachen und schmunzeln sie, sie deuten um und verharmlosen, sie postulieren geradezu zwanghaft eine »zweite Ebene« – bis die »erste Ebene« nicht mehr zu leugnen ist – es gab nie eine andere – und dann ist es schon zu spät.

Was morgen zu tun ist

Ein Land, geschwächt und demoralisiert nach 16 Jahren zerstörerischer Herrschaft einer DDR-Funktionärin, intellektuell verdorrt, ausgezehrt durch die giftige Dauerberieselung aus Staatsfunk und Propaganda, der Wahrheit kaum noch mächtig, dieses Land sieht sich heute selbst an, und es denkt: »Das ist also jetzt unser Leben. Das sind jetzt also wir. Ein Demokratiewrack. Ein Kuriosum. Die staatgewordene Lebenslüge.«

Der Soldat, dem die Beine abgenommen wurden; wie lächerlich und wie zeitverschwendend wäre es doch, wenn er leugnete, zu sein was er ist! Witwer zu werden ist denkbar traurig, doch wäre es besser, wenn er zu Geistern zu sprechen begänne? Bankrott zu gehen ist schlimm, doch es sich dann nicht eingestehen zu wollen, und so zu tun, als wäre man gar nicht pleite, das führt in ganz andere, ganz neue Untiefen.

Das ist also jetzt unser Land. Das sind jetzt wir. Nein, wir sind niemandes Vorbild mehr. Selbst die, denen wir warum-auch-immer einen Blankoscheck für ihre Schulden ausgestellt haben, mögen uns nicht. Wir sind niemandes Vorbild mehr. Zukunft findet woanders statt, seit einigen Jahren schon.

Ja, ja, jeder Tag ist ein Neubeginn, immer wieder geht die Sonne auf – ich kenne die Sinnsprüche, die Kalenderweisheiten, die billigen Aufmunterungen – und ich bin ja gar nicht gegen diese Motivation! (Ich bin aber mit Nachdruck dafür, auch Motivationen zu begründen.)

Der Soldat ohne Beine, er sollte nicht leugnen, dass der Fall ist, was der Fall ist – er sollte seine Arme stärken, um seinen Rollstuhl anzutreiben oder vielleicht sogar lernen, auf Prothesen zu gehen.

Der Bürger aber, dessen Land dank einer DDR-Funktionärin und ihren willigen Helfern in Ämtern und Redaktionen zum Demokratiewrack wurde, auch dieser Bürger sollte sich eingestehen, dass der Fall ist, was der Fall ist – und dann Verantwortung für sich selbst und seinen Lieben übernehmen.

Was Deutschland angetan wurde ändert nichts daran, dass Sie für sich und Ihre Lieben verantwortlich sind, dass es Ihre erste und vornehmste Aufgabe ist, jeden einzelnen Tag seiner 24 Stunden wert zu machen. (Oder, um es poetisch mit Rudyard Kipling zu sagen: »die unbarmherzige Minute mit sechzig Sekunden Langstreckenlauf zu füllen«.)

Das sind jetzt also wir. Das stimmt. Und was bin ich? Ich arbeite an mir, dies zu sein: Ein Mensch, der für seine eigenen Handlungen verantwortlich ist, für seine relevanten Strukturen – und zuerst dafür, dass er am Abend sagen kann: »Ich habe heute getan, was heute zu tun war. Morgen werde ich tun, was morgen zu tun ist. Das bin auch weiterhin ich.«

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