Dushan-Wegner

11.09.2023

Die Gruppen

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Bild: »Schaukelt mit!«
Wir mögen alle gleich an »Würde« sein (was auch immer das für die Regierung bedeutet …), doch wir gleichen uns nicht in Betroffenheit und Realitätsbezug. Es ist ein Unterschied, ob man beschützt im Ländlichen oder in Neukölln wohnt.
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Dieser Essay ist Teil eines Triptychons, die anderen beiden Texte sind »Die Zerrissenen« und »Die Gartenbesitzer«.

Wenn ich über Phänomene und Momente schreibe, die mir Hoffnung geben, wo Deutschland »noch in Ordnung« zu sein scheint, dann lassen mich zuverlässig einige Leser wissen: »Herr Wegner, da wo wir wohnen, sieht es ganz anders aus. Ich sage Ihnen, Sie sehen das viel zu optimistisch. Es ist längst gekippt, und es geht weiter abwärts!«

Und wenn ich über Brennpunkte schreibe, wo »junge Männer« die Vorherrschaft übernommen haben, etwa von Schulen, wo deutsche Kinder die Minderheit stellen und täglich antideutschen Rassismus erfahren, über überschrittene soziale Kipppunkte und die Schließung deutscher Produktionsstätten, dann korrigieren mich andere Leser: »Herr Wegner, da wo wir wohnen, sieht es ganz anders aus. Ich sage Ihnen, Sie sehen das viel zu pessimistisch. Es gibt auch so viel Gutes, und das Gute wird mehr!«

Wer von den beiden liegt richtig?

Es drängt mich ja, erwartbar überraschend zu antworten, indem ich »beide!« sage. Es würde gewiss mein Harmoniebedürfnis befriedigen. Doch ich bin kein Linker, der die Wahrheit einer Behauptung daran festmacht, dass diese auszusprechen sich gut anfühlt.

Ich will versuchen, die Deutschen bezüglich dieser Fragestellung in vier Gruppen zu unterteilen: die (insgesamt) »Unbesorgten«, die »Live-Dabeiseienden«, die »Dissonanten« und die »Zerrissenen«.

Die Sorgenfreien

Es gibt sie noch, die Deutschen, deren Eltern oder auch sie selbst »alles richtig gemacht haben«.

Man hat sich ein Einfamilienhaus erarbeitet, teils angespart, teils finanziert.

Wenn man weitsichtig genug war oder der Zufall es gut mit einem meinte, wählte man einen Ort, der nahe genug zur nächsten Stadt liegt, dass man diese mit überschaubarem Aufwand erreichen kann, aber wiederum weit genug, dass man nicht jene urbanen Phänomene vor der Haustür hat, die verhindern, dass man seine Kinder ebendort spielen lassen will.

Wenn die Kinder noch im Schulalter sind und das Glück einem hold blieb, sind die migrantischen Mitschüler von jener Art, dass sie sich ehrlich integrieren wollen und teils noch motivierter sind als die ur-deutschen Kinder, was für diese eine durchaus wünschenswerte Herausforderung darstellt. Gemeinsam und aneinander klüger werden – großartig!

Man hat, vielleicht sogar schon seit Generationen, alles richtig gemacht, und das ist eine gute und wünschenswerte Sache. Deutschland war mal ein Land, in welchem den Regeln zu folgen einem auch ein angenehmes Leben bescherte.

Das »Problemchen« an dieser Art von gutem Leben ist, dass man unter Umständen nicht mitbekommt, wie es in anderen Teilen Deutschlands aussieht.

Wer morgens seine frischen Brötchen vom lokalen Bäcker holen kann, wer die Äpfel vom örtlichen Bauernmarkt oder gar aus dem eigenen Garten bezieht, wer auf der Arbeit und im Freundeskreis an den meisten Tagen nur Kontakt zu ähnlich wohlerzogenen Menschen hat, wie er selbst einer ist, dem könnte es passieren, dass er in jeder Hinsicht »das Richtige« getan hat – und doch lebt er, ohne es zu merken, mit einer dramatischen Wissenslücke bezüglich seines Landes, und so fehlt ihm das notwendige Verständnis für Millionen seiner Mitdeutschen.

Wer zur Gruppe der »weitgehend Sorgenfreien« gehört, der muss Empathie und Blick über den Tellerrand aufwenden, um zu sehen, was sonst noch in der Republik passiert.

Manchen gelingt es – manchen nicht.

Die Live-Dabei-Seienden

Andere Deutsche haben ebenso »alles richtig gemacht«, und doch wurden sie zum Opfer einer Politik, die großen Schaden an Volk und Land in Kauf nimmt, um globalistische Ziele zu erreichen.

Beispiel: Mir schreiben immer wieder Leser, dass sie Rentner sind und der Stadtteil, in dem sie seit Jahrzehnten leben, sozial »gekippt« ist. (Wenn es Ihnen so geht: Sie sind nicht der/die Einzige.)

Es ist immer wieder das gleiche Muster: Man hat sein Leben lang gearbeitet. Man hat sich etwas angespart, aber längst nicht genug, um jetzt ins Ausland oder aufs Land zu ziehen. Man besitzt eine Wohnung oder mietet sie mit einem alten Vertrag. Und man hat jahrzehntelang in die Rentenkasse eingezahlt, sich brav auf den Staat verlassend. Eigentlich war man glücklich, wo man war – bis die Regierung in ihrer zynischen Bösartigkeit beschloss, die Grenzen offen zu lassen und ganzen Stadtteilen das »bunte Lebensgefühl« sehr fremder Lebensarten zu schenken.

Die letzten Mittelschichtfamilien in diesen Vierteln ziehen woanders hin, damit ihre Kinder auf eine »gute« Schule gehen können. Die alten Geschäfte schließen. Es bleiben nur die von den »neuen« Einheimischen betriebenen Spezialgeschäfte sowie Discounter-Ketten mit dem »neu-einheimischen« Security-Personal an der Tür.

Und man muss nicht einmal »kleiner Rentner« sein, damit einem dies passiert. Gelegentlich wird auch mitten in schmucke Einfamilienhaus-Siedlungen hinein plötzlich ein Junge-Männer-all-inclusive-Haus gestellt. Und von da an ist für die Anwohner alles anders.

Die Dissonanten

Die oben erwähnten »Sorgenfreien« sind meist Bürger, die selbst weniger betroffen sind. Und die »Live-Dabeiseienden« sind häufig selbst betroffen. (Es gibt natürlich auch Nicht-Betroffene, die sich Sorgen machen, siehe »Die Zerrissenen«.)

Und es gibt eine weitere Gruppe, die wir die »Dissonanten« nennen können.

Man nennt es bekanntlich »kognitive Dissonanz«, wenn ein Mensch zwei einander widersprechende Wahrheiten in seinem Geist trägt.

Eine Art und Weise, kognitive Dissonanz zu bewältigen, besteht darin, jene Menschen (Andersdenkende, Ungläubige) oder Symbole (World Trade Center, Statuen) zu vernichten, welche einen an den Widerspruch erinnern. Beispiele dafür sind islamistischer Terror und »Cancel-Culture«.

Ein besonders im zivilisierten Westen populärer Umgang mit den eigenen inneren Widersprüchen besteht in der Weigerung, mit diesen überhaupt umzugehen. Anders als Islamisten und Antifa bekämpft man die Zeichen des Widerspruchs auch nicht, und schon gar nicht mit Gewalt, denn dadurch würde man diesen ja (auch vor sich selbst!) anerkennen.

Im persönlichen Gespräch mit Journalisten erlebt man nicht selten, dass diese den Widerspruch zynisch anerkennen und dennoch mit wohligem Schauder die Lügen schreiben oder aufsagen, die von ihnen erwartet oder sogar verlangt werden.

Und es gibt die Dissonanten, die sich schlicht weigern, den Widerspruch zu benennen. Über viele Jahre als braver Deutscher haben sie gelernt, »2 + 2 = 5« zu sagen. Sie halten die Lüge nicht für wahr – sie haben sich bloß antrainiert, nicht darüber nachzudenken.

Diese dritte Gruppe ist nicht »guten Willens«. Man sollte sie also erkennen und benennen können – doch eine Debatte mit ihnen wäre Verschwendung kostbarer Lebenszeit.

Die Zerrissenen

Neben den drei Hauptgruppen, also denen, die nicht betroffen sind, denen, die betroffen sind, und denen, die alles nicht wahrhaben wollen, existiert eine kleine, aber oft auffällige vierte Gruppe, die ich die »Zerrissenen« nennen will.

Ich habe sie 2018 beschrieben, im Essay »Aus Gutmenschen, die es selbst betrifft, werden schnell Bösmenschen«. Und ich beschreibe sie detaillierter im begleitenden Essay »Die Zerrissenen«.

Islamisten und Antifa versuchen, den Konflikt zwischen Ideologie und Realität durch Gewalt zu beseitigen: »Mach kaputt, was deine Ideologie kaputtmacht.«

Die Leute aber, die ich »die Zerrissenen« nenne, wollen weiterleben und auch weiterleben lassen. Von der verlogenen Intelligenzija und einer ans Debile grenzenden Journaille im Stich gelassen, suchen sie nach eigenen Lösungen, und die beginnen dann schon mal mit Formulierungen wie: »Ich habe ja nichts gegen Migranten, aber … hier bei uns würde das echt nicht funktionieren.«

Warum sollten sie?

Die implizite Hoffnung hinter allen »nicht-rechten« Ansätzen zur Migrationspolitik besteht darin, dass die »jungen Männer« sich schon noch »an unsere Kultur« anpassen werden.

Der idiotische Irrtum dabei wird durch eine simple Frage entlarvt: Warum sollten sie?

Sie und ich haben uns an diese Kultur angepasst, weil es für uns in Kindeszeiten selbstverständlich (die Eltern schimpften sonst) und später von Vorteil war, uns zu integrieren (ob in der Schule, in der Familie oder im Berufsleben).

Jedes System wird die Verhaltensweisen fördern, mit denen man innerhalb dieses Systems tatsächlich erfolgreich ist.

Warum sollte ein »junger Mann« brav in der Botschaft sein Asyl beantragen, um wahrscheinlich doch abgelehnt zu werden, wenn es genügt, seinen Pass zerrissen ins Meer zu werfen, damit die Schl…, äh, Seenotretter einen abholen und in Richtung Deutschland bringen?

Und dann, wenn der junge Mann doch irgendwie ins Land gelangt: Warum sollte er die Sprache lernen und morgens um 6 Uhr aufstehen, um eine Ausbildung zu absolvieren, wenn aggressives Fordern und die Mitgliedschaft im örtlichen Clan ein Vielfaches an Komfort bieten? Warum sollte er sich verbiegen, um sich an eine Kultur und Moral anzupassen, wenn er sogar nach einer Vergewaltigung freien Fußes aus dem Gericht spazieren kann?

Aus geborgten Tagen

Die Dinge entfalten sich unvorhersehbar, aber nicht unlogisch. Und wenn man mit Luther fühlt, will man womöglich in diesen Tagen ein Apfelbäumchen pflanzen.

In dem begleitenden Essay »Die Gartenbesitzer« beschreibe ich die »geborgten Jahre«. Und diese geborgten Jahre bestehen aus geborgten Tagen.

Welche der vier Gruppen wird in Einschätzungen und Prognosen nach diesen »geborgten Jahren« am ehesten richtigliegen? Natürlich die, welche am nächsten an der Realität lag.

Weiterschreiben, Wegner!

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