7.8.2020

Erfindungen, Botschafter und gefährliche Scherze

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Gareth Davies
Deutschland wird zum »gottlosen Gottesstaat«. Was haben Iran und Deutschland gemeinsam? Zum Beispiel, dass es gefährlich ist, Witze über herrschende Ideologie zu reißen. (Und bald einiges mehr, wenn die Vorhersage des nächsten US-Botschafters stimmt.)
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Liebe Leser, ich lege Ihnen heute drei kurze Texte vor, nur formal zu einem Essay zusammengefasst. Zuerst, lassen Sie uns von Erfindungen reden!

Aus dem Himmel

Was ist die folgenreichste Erfindung der Menschheit? Ist es das Rad? Ist es die Schrift? Ist es der Computer?

Ohne Rad, Schrift oder Computer wäre die Welt eine andere – das wird kaum jemand bezweifeln. Wäre sie besser oder schlechter? Um es zu sagen, müssten wir mit unsicheren Prämissen spekulieren.

Was ist die schrecklichste Erfindung der Menschheit? Ist es die Atombombe? Die Folter? Der Kommunismus?

Ohne Atombombe, Folter oder Kommunismus wäre die Welt eine andere, eine schönere – eine Welt mit weniger Leid und Trauer. Da braucht es wenig Spekulation. Da sind die Prämissen solide und die Schlussfolgerung sicher.

Wer die Menschen fragt, was die großen Erfindungen der Menschheit seien, dem wird man mit diesen Dingen und Ideen antworten – Rad, Schrift, Computer – eine weitere Erfindung jedoch wird niemand benennen (außer uns jetzt und hier, das ist der Zweck dieses Textes), und diese »Erfindung« (man beachte meine angeekelten Anführungszeichen) ist das Tabu (Begriffs-Varianten: Sprechverbot, Denkverbot, Politische Korrektheit).

Das Tabu kann, auf seine Art, gefährlicher als eine Atomwaffe sein.

Wirf eine Atombombe auf eine Stadt (oder auf zwei Städte) und du wirst großes, übergroßes Leid bewirken – doch wenn die Trauerfeiern für die Toten gehalten wurden und die tödlich strahlende Erde beseitigt, kann und wird ein kluges, weises und fleißiges Volk sein Land zu neuem Leben erwecken, die alte Heimat wird die neue Heimat bleiben (und eine der ästhetischsten Kulturen der Welt).

Manipuliere ein Land aber dazu, die Gefahr zu leugnen, dumme Ideologien zu praktizieren und die Brüche seiner Ideologie mit Tabus zu belegen, drohe üble Strafen für jene an, welche die Gefahren und gefährlichen Fehler benennen, und du tötest das Land auf Jahrzehnte, du streust Salz in die Äcker seiner Seelen, auf dass es zu einem Volk von Bittstellern werde, so es überlebt.

Genug der ätherischen Worte zu Erfindungen verschiedener Art – wechseln wir unversehens das Thema, wie der Nachrichtensprecher am Abend die Themen wechselt (1. »Deutsche Regierung toll«, 2. »US-Präsident doof«, 3. »Deutsche Opposition extra doof«, 4. »Fußball«, 5. »das Wetter«)

Aus Amerika

Im Juli 1776 proklamierten dreizehn britische Kolonien ihre Unabhängigkeit (siehe dazu »Jeder Tag soll Unabhängigkeitstag sein!«). »Und damit fing das Malheur an«, so könnte mancher im geradezu suizidalen politisch korrekten Europa heute ausrufen, denn im August 2020 wird Douglas Macgregor als neuer Botschafter für Deutschland angekündigt – und die Guten™ sind empört.

Keiner von uns fragt: »Was empört die Guten™?«, denn die Guten™ empört alles (zum Beispiel wenn man ihnen die Verantwortung für die unschönen Folgen ihrer mutwilligen Ignoranz aufzeigt und anlastet).

»Muslimische Migranten kämen nach Europa „mit dem Ziel, Europa in einen islamischen Staat zu verwandeln“«, habe Macgregor gesagt; und über Deutschland: »Es gibt eine kranke Mentalität, dass Generationen nach Generationen die Sünden dessen sühnen müssen, was in 13 Jahren deutscher Geschichte geschehen ist, und die anderen 1500 Jahre Deutschland werden ignoriert« (zitiert nach welt.de, 7.8.2020).

In wenig überraschender Moralpanik schreit man in Deutschland »Rassismus«, wenn Kritik an archaischen, aber angsteinflößenden Denkweisen erklingt, und es wäre müßig, dass anders als in anderen Fällen die »woke« Linke der Botschafter-in-spe in den Zitaten nicht von Hautfarben sprach, sondern von Geisteshaltung, Erinnerung und Denkweisen. Es mag leise flackernde Nostalgie oder meine übergroße Sentimentalität sein, doch ich vermisse die Zeiten, als unbequeme Thesen debattiert wurden, statt mit den erwartbaren linken Schlagworten niedergebrüllt zu werden.

Aus Spaß

In Hamburg wurde die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart ausgeladen. Der Veranstaltungsort »Nochtspeicher« sagte offen: »Es ist unseres Erachtens sinnlos, eine Veranstaltung anzusetzen, bei der klar ist, dass sie gesprengt werden wird, und sogar Sach- und Personenschäden wahrscheinlich sind. Wir haben in den letzten Tagen bereits aus der Nachbarschaft gehört, dass sich der Protest schon formiert« (zitiert nach spiegel.de, 5.8.2020. »Protest« ist ein euphemistischer Ausdruck, es geht um linken Straßenterror. Eckhart ist ja nicht die erste Person, deren öffentlicher Auftritt von linker Gewalt bedroht wurde, wir erwähnten etwa Prof. Lucke (siehe Essay »Wovor fürchtet sich, wer sich vor Meinungsfreiheit fürchtet?«) – und inzwischen wird es sogar verschämt vom Staatsfunk notiert, wie häufig die AfD das Ziel linker Gewalt ist (deutschlandfunk.de, 7.8.2020).

Eckhart ist bekannt für ihre pointierte Kritik an linken Dogmen, insbesondere an der Meinungsdiktatur der »Gutunmenschen« (eine ihrer Wortkreationen). Linke widersprechen ihr heftig; sinngemäß: »In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit, und wer das anders sieht, der hat die Klappe zu halten!«

Es klingt wie ein Scherz – es ist kein Scherz. Nebenbei: Die Feinde der Freiheit haben sich einen beinahe sophistischen Trick zurechtgelegt, wie sie abweichende Meinungen verbieten können ohne sich in ihren Augen eines Verstoßes gegen das Grundrecht auf Meinungsfreiheit schuldig zu machen: Abweichende Meinung wird im rhetorischen Taschenspielertrick zu vorgeblichem »Hass« umdeklariert, und »Hass« wiederum als »Nicht-Meinung« (siehe dazu den Essay »Deine Meinung ist Hass, und Hass ist keine Meinung« vom März 2018).

Extremisten und Ideologen erklären regelmäßig ihre politischen Gegner zu Menschen zweiter Klasse (»Abschaum«, »Ungläubige«) oder gar Nicht-Menschen (Oppositionelle werden heute regelmäßig mit »Ratten« verglichen, anderswo hört man, Menschen seien zu »Affen« oder »Schweinen« verwandelt worden). Die Umdeutung abweichender Meinung zu »Hass« und damit zur »Nicht-Meinung« geht heute mit regelmäßiger Entmenschlichung der Abweichler und Andersdenkenden einher.

Es ist in deren Denken konsequent, wenn der Terror-Arm gut(un)menschlicher Ideologie, die sogenannte »Antifa«, massive Gewalt androht, sobald jemand es wagt, sich öffentlich gegen gut(un)menschliche Lebenslügen auszusprechen (es bleibt dabei: Die Antifa ist ein Terrorkult) – in deren Ideologie sind wir Andersdenkenden und Abweichler wenig mehr als Ungeziefer. Deutschland wird zum »Gottesstaat«, nur eben ohne Gott – ein »gottloser Gottesstaat«.

Aus

Dies waren drei durchaus kurze Texte. Der erste Text schlug vor, das Tabu als Erfindung zu deuten – und zwar als eine sehr gefährliche Erfindung. Der zweite Text berichtet von Anfeindungen gegen den designierten US-Botschafter für Deutschland. Der dritte kurze Text notiert die Ausladung einer Kabarettistin, da über die herrschenden Dogmen zu scherzen in Deutschland (erneut) zu gefährlich ist und die »rote SA« auf den Plan rufen würde (und nicht erst seit 2020).

Was erklärt das erneute Aufflammen der sozialistischen Gewalt in Nationen wie den USA oder Deutschland? Wähnen sich diese Leute kurz vor ihrem endgültigen Sieg, wenn nichts mehr gesagt oder gedacht werden darf, was linksglobalistischer Heilslehre widerspricht? Oder ist das Gegenteil der Fall, und die Antifa-Banden samt ihrer Financiers und Sympathisanten hat die Angst ergriffen, dass Vernunft und Gewissen aufs Neue erstarken und doch noch gewinnen könnten?

Der Schaden, den die zerstörerischen Mächte angerichtet haben, den sie heute anrichten, er ist groß. »Wird unsere Kraft reichen, den Weg zurück zu gehen?«, fragte ich vor zwei Jahren. Der Weg zurück ist seitdem nicht kürzer geworden. Dieser Weg aber scheint zu Ende zu gehen.

Wer heute die Wahrheit formulieren will, muss erfindungsreich sein, muss tricksen, manövrieren und bei Gelegenheit eine Geschichte erzählen (oder von den kleinen Teilen der sich wiederholenden Geschichte erzählen).

Sagt, was zu sagen ist, aber sagt es vorsichtig.

Wenn es euch zu groß ist, zerbrecht es in kleinere Teile, oder sagt es leiser, oder sagt versteckt die einen Worte hinter den anderen, und zur Hilfe zitiert dann Jesus, welcher (in Markus 4:9b) aufrief: »Wer Ohren hat zu hören, der höre!«

Wenn ihr lachen müsst, dann lacht, und versucht den Schmerz zu verstehen, der euch lachen ließ. Wenn es aber ernst ist, dann sagt es, und wenn euch die Worte fehlen, dann erfindet dazu einen Scherz!

Wenn euch der Mut fehlt, es heute laut zu sagen, dann schlaft darüber und sagt es morgen.

Es mag Gründe geben, heute lieber zu schweigen – doch bitte, bitte schweigt nicht zu lange!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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